30.11.2020 „Das Wunder von Madrid”

Von Annette Scholz

El Pardo, © Annette Scholz

Bauchschmerzen, Halsweh, Durchfall und etwas erhöhte Temperatur hatten mir während der Feiertage Anfang November Sorgen gemacht.
„Nur nicht krank werden, ich muss die Stellung halten”, hatte ich immer bei mir gedacht, als Hugo noch im Krankenhaus lag. Da ich nicht einschätzen konnte, ob mein Unwohlsein nur durch Sorge und Stress verursacht war oder ob es sich tatsächlich um Corona-Symptome handelte, fragte ich Emmas Kinderarzt bei einem seiner Anrufe um Rat. Er bestellte mich vorsichtshalber zu einem zweiten Schnelltest ein.

Noch am gleichen Abend stand ich mit Emma in der Schlange vor dem Ärztehaus, wurde mit ihr wieder dem ,verseuchten’ Teil zugeordnet und kam nach kurzem Warten an die Reihe, um noch einmal die unangenehme Prozedur über mich ergehen zu lassen.
Fünfzehn Minuten warten und schon kam das Ergebnis: „Immer noch negativ!”
Als ich das Festivalbüro über den neuesten Stand informierte, schrieb mir Luis erleichtert: „In diesem Zusammenhang eine negative Person zu sein, ist sehr positiv.”
Das Ergebnis änderte jedoch nichts daran, dass ich noch eine weitere Woche in Isolation verbringen musste.

Seit Emma wieder in die Schule ging, starrte ich jeden Morgen bei der Verabschiedung auf die silberfarbene Schwelle unserer Wohnungstür, die seit knapp einem Monat die offizielle Grenze meines Reiches darstellte und wagte mich nicht, sie zu übertreten. So wurde meine Tochter in den letzten Quarantäne-Tagen zu meinem Kurier in die Außenwelt, der den Müll entsorgen, Einkäufe hereintragen und Pakete beim Pförtner abholen musste.
Als für mich der Moment kam, an dem ich diese metallene Schwelle wieder übertreten durfte, schossen mir die verschiedensten Gedanken in den Kopf.
„Ich sollte mich freuen. Was soll ich denn jetzt anziehen?“, fragte ich mich, nachdem ich seit Tagen nur Jogginghosenmodelle getragen hatte.
„Und was ist, wenn es mir da draußen mit den vielen Menschen nun zu anstrengend ist?“, dachte ich noch, als ich meine gefühlt förmliche Kleidung im Spiegel begutachtete.

„Mir fällt es schwer, jetzt wieder raus zu gehen”, hatte ich meiner Mutter beim Skypen gesagt, „so schlimm fand ich es zu Hause gar nicht, bis auf die situationsbedingte Sorge, den Stress und den Streit aus Frust. Ich habe mich daran gewöhnt, mit Emma alleine zu sein und bin auch etwas träge geworden. Obwohl ich froh bin, mal wieder einen Abend für mich alleine zu haben, fällt es mir schwer, mich von ihr zu trennen, wenn sie jetzt wieder zu Hugo geht.”
„Hier in Deutschland können wir auch nicht mehr viel machen”, entgegnete mir meine Mutter, „alles ist zu, Restaurants, Theater, man kann nur noch einkaufen und zum Arzt gehen und sich Essen bestellen.”
„Dann haben wir ja in Madrid im Moment das große Los gezogen”, fand ich, „denn alles ist weiterhin offen, zwar mit gewissen Einschränkungen, aber soweit ich weiß, könnte ich weiterhin ausgehen, wenn ich das wollte.”
In den Wochen in unseren vier Wänden, in denen meine Stepps-App im Telefon durchschnittlich 250 Schritte pro Tag anzeigte, habe ich mir eine neue Komfortzone geschaffen, ein sicheres Nest, von dem aus ich alles unbeschadet über den Bildschirm oder den Zaun beobachten konnte. Plötzlich wieder aktiv werden zu müssen, kostete mich Überwindung.

Das Festival war vorbei. An der Preisverleihung hatten Emma und ich über den Streaming-Kanal teilgenommen. Es war gut besucht und kritische Stimmen blieben dieses Jahr weitestgehend stumm.
Diesmal habe ich nur das Backoffice in Madrid gestellt und nicht an der Festivalfront vor Ort mitgekämpft. Alles lief wunderbar ohne mich. Im Büro wurde ich jetzt nur noch für die undankbaren Nacharbeiten erwartet. Das Arbeitsvolumen hat abgenommen und plötzlich soll auch wieder Raum für Freizeit sein, bis die nächste Festivallawine ins Rollen kommt – the same procedure as every year.

„Weißt du, wie gerade die Auflagen sind?”, hatte mich Alexander gefragt, als er mit Anette und dem Rest der Familie neulich wieder ein paar Einkäufe in die ,Rapunzeltasche’ am Terrassenzaun legte. 
„Im Moment habe ich keine Ahnung von nichts”, gab ich zu, „ich konnte ja sowieso nicht raus, deswegen habe ich das Ganze auch nicht verfolgt.”
„Am letzten langen Wochenende hat die Polizei hier in Madrid wohl über hundert Partys auffliegen lassen”, sagte er und erzählte mir von dem, was sich derzeit draußen abspielte. „In einem Technoclub im Zentrum wurde ganz normal gefeiert, als ob es kein Corona gäbe. Die Leute tanzten und haben ein paar Selfies und Videos verschickt. Die Polizei hat spitzgekriegt, dass in dem Laden alle gegen die geltenden Regeln verstoßen und wollte ihn hochnehmen.“
„Und was ist passiert?“, fragte ich ihn.
„Der DJ hat die Musik ausgemacht, hat alle über Mikro aufgefordert, die Tanzfläche zu verlassen und die Masken aufzusetzen. Als die Polizei kam, entsprach alles den Auflagen und sie musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.“ 
Offensichtlich wird in Madrid weiter Party gemacht. Schweiß, Geschrei, geschlossener Raum und in der Luft schwebende Corona-Tröpfchen. 
„Auf den Toiletten gab es Sex und Ecstasy”, las ich daraufhin das Zeugnis eines anonymen 28-jährigen in El País, „ich habe mir auf der Toilette eine Pille mit einem Typen geteilt, den ich dort kennengelernt habe und dann ging es richtig zur Sache. Ganz normal, Techno, Drogen und Partys wie in der Zeit ohne Pandemie.“

„Irgendwie hat man das Gefühl, alles sei tatsächlich ganz normal. Die Straßencafés und Restaurants sind weiterhin voll und die meisten Leute sitzen ohne Masken am Tisch”, berichtete mir Alexander noch, „wir gehen abends nicht mehr aus, wir bestellen lieber Essen, bevor wir uns der Gefahr aussetzen“, fügte er noch hinzu, und das, obwohl unter normalen Umständen für ihn das freitägliche Date mit seiner Gattin unantastbar ist.

Im Berliner Tagesspiegel wird vom sogenannten „Wunder von Madrid“ gesprochen, denn
während andere europäische Städte die Maßnahmen verschärfen, fordert Madrids konservativer Bürgermeister, José-Luis Martínez Almeida, die 3,3 Millionen Hauptstadtbewohner ausdrücklich auf, „auswärts einen trinken zu gehen“. Damit stellt er sich dem Appell des spanischen Gesundheitsministers, Salvador Illa entgegen, möglichst zu Hause zu bleiben, um das Ansteckungsrisiko zu verringern.

Die Coronazahlen in der Region Madrid sind gesunken, darin sind sich alle Experten einig. Mit 324 Fällen pro 100.000 Einwohner liegt Madrid jetzt unter der durchschnittlichen Inzidenzrate in Spanien, die bei etwa 465 ist. Noch vor zwei Monaten verzeichnete die Region 780 Infektionen pro 100.000 Einwohner, während der spanische Durchschnitt bei weniger als 290 lag.

Für Weihnachten erlaubt Díaz Ayusos Regierung den Madrider Einwohnern schon jetzt sich am 24., 25. und 31. Dezember und am 6. Januar zu zehnt und bis 1:30 Uhr zu treffen, obwohl der Gesundheitsminister Illa ankündigte, dass in ganz Spanien nur Familienzusammenkünfte bis zu sechs Personen und bis 1 Uhr stattfinden dürfen. Wenn das so weitergeht, wird Madrid noch zur Pilgerstätte für alle die, die mal eine Corona-Pause brauchen und das, obwohl das „Wunder von Madrid”, umstritten ist.

„Laut dem Gesundheitsministerium haben 11% der Madrider Bevölkerung seit der ersten COVID19-Welle Antikörper. Wenn wir bedenken, dass zwischen 11% und 15% der Menschen keine Antikörper bilden, obwohl sie geschützt sind, würden wir vielleicht auf 13% der Bevölkerung mit Immunität kommen. Wenn wir den Prozentsatz der Menschen hinzufügen, die sich in dieser zweiten Welle infiziert haben, können wir vielleicht davon sprechen, dass 15% oder 16% der Bevölkerung in Madrid die Krankheit überstanden haben“, sagte der Arzt Javier Padilla gegenüber der Huffingtonpost, „höchstwahrscheinlich hat dieser Gruppenschutz für die derzeitige Entwicklung eine gewisse Rolle gespielt“, fügte er hinzu.

Nicht nur der Faktor der bestehenden Immunität, sondern sowohl das verantwortungsvolle beziehungsweise ängstliche und umsichtige Verhalten großer Teile der Bevölkerung, als auch die politische Strategieänderung scheinen einen Einfluss auf den Rückgang der registrierten Corona-Fälle zu haben: „Wenn man weniger Tests macht, und wenn man Antigen-Tests statt PCR-Tests macht, entdeckt man weniger Fälle“, erläuterte ein Sprecher des spanischen Epidemiologen-Verbandes gegenüber der Berliner Tageszeitung und entlarvt das von der PP-Regionalregierung gehypte „Wunder von Madrid“ als eine statistische Trickserei.

„Du hast Superkräfte”, schrieb mir Hugo, als ich ihm das Ergebnis meines serologischen Tests mitteilte, dem ich mich auch noch unterzogen hatte, um zu wissen, ob ich Antikörper habe und die Krankheit vielleicht symptomlos an mir vorübergezogen war.
Wie oft habe ich in meinem Leben schon gehört, dass ich intelligent, lieb und stark sei und habe mich bei diesen Kommentaren immer gefragt, was mir mein Gegenüber damit eigentlich wirklich sagen möchte.
Mit körperlicher und mentaler Stärke hat es sicherlich nichts zu tun, dass bei meinem Corona-Bluttest ein negatives Ergebnis für sämtliche Antikörper herauskam. Ich bin und bleibe also negativ, egal wie viele und welche Tests ich mache.
Ein bisschen wie Wonder Woman fühle ich mich bei der Überlegung aber schon, dass die Corona-Bombe so dicht eingeschlagen war und ich diese ,Schlacht’ zumindest physisch trotzdem vollkommen unbeschadet überstanden habe.

„Das ist ein kleines Wunder”, kommentierte meine Mutter dieses Resultat.
„Vielleicht habe ich ja irgendwelche Superkräfte”, gab ich ihr zu denken oder ich habe einfach Glück gehabt, dass ich zur Blutgruppe 0+ gehöre, die laut verschiedener Studien statistisch gesehen weniger anfällig für Corona ist.

An meinem ersten Tag zurück in der ,Freiheit’ traf ich bei meinem Spaziergang durch den Pardo mitten im Feld einen älteren Herrn, trotz der herbstlichen Kühle mit freiem Oberkörper, der wie ich die Kondensstreifen am Himmel wahrgenommen hatte. „Entschuldigen Sie, was ist denn das?” fragte er mich und zeigte auf die weißen Linien am strahlend blauen Himmel.
Nachdem ich meine Kopfhörer von den Ohren genommen hatte, antwortete ich: „Ich denke, es sind Spuren von Flugzeugen. Es sind tatsächlich wieder einige unterwegs.”
„Das habe ich auch erst gedacht”, brummelte er vor sich hin, „aber das kann nicht sein, denn die verschwinden gleich wieder und diese Streifen bleiben und werden ganz breit. Das ist sicher nichts Gutes”, sinnierte er weiter, während ich mich wieder von ihm entfernte. Er hatte Angst, mir gab es Hoffnung, Flugspuren am Himmel zu sehen.
Montecarmelo liegt nicht unweit des Madrider Flughafens Barajas, an dem ich auf meinem Weg über die Autobahn nach Alcalá zweimal täglich vorbeifahre. Der rege Flugverkehr und die Flugzeuge im Landeanflug über der Autobahn prägten noch bis März dieses Jahres das Bild im Nordosten der spanischen Hauptstadt und waren dann bis auf weiteres größtenteils ausgefallen. Im April hatte der wiederkehrende Verkehrslärm auf der Autobahn etwas Beruhigendes und jetzt sind es die Flugzeuge am Himmel, die den Eindruck einer gewissen Normalität vermitteln.

Wie auch immer, Corona wird weiterhin das Weltgeschehen bestimmen, auch wenn der Virus zumindest hier nicht mehr die größten Schlagzeilen der Medien einnimmt. Politische Konflikte stehen in Spanien wieder im Mittelpunkt, Korruption, neue Gesetze und Proteste versetzen die Bürger in Aufruhr. Der Kampf zwischen den beiden Spanien wird weitergehen, dessen Manipulation durch die Medien auch. Die Corona-Infektionszahlen werden steigen und sinken und wir hoffen auf die Impfung, die uns für Anfang nächsten Jahres versprochen wird.
Wie in den Märchen, in denen alles dreimal geschehen muss, damit es zu einer Entwicklung kommt, erleben wir bis dahin vielleicht noch eine dritte Welle, mit oder ohne entsprechende Maßnahmen und der picaresca, diese zu umgehen.

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