24.11.2020 Beyond the wall

Von Annette Scholz

Isabells Weckmänner, © Annette Scholz

„Wie geht es dir?” schrieb ich Hugo nach einer langen schlaflosen Nacht.
„Ich bin ok. Ich werde gut versorgt, ständig wird Blut abgenommen, mein Sauerstoffgehalt überprüft oder eine Röntgenaufnahme gemacht”, antwortete er mir aus dem Krankenhaus, „diesmal muss ich hier bleiben. Ich habe eine leichte Lungenentzündung.”
„Und was machen sie dagegen?”, wollte ich wissen.
„Ich bekomme ein Antibiotikum, Kortikoide und einen Hustensaft, alles über einen Tropf, und mit Sauerstoff werde ich auch versorgt”, berichtete er, „hoffentlich dauert das alles nicht so lange.”

Als Emma schließlich aufgewacht war, kuschelte ich mich zu ihr unter die Bettdecke, um unser morgendliches Ritual zu zelebrieren.
„Hast du gut geschlafen?”, fragte ich sie.
Ja, ich habe von einem Drachenmädchen geträumt, mit großen freundlichen Augen”, erzählte sie mir mit Blick auf ihren türkis-schillernden Luftballon in Form eines Drachenkopfes, der noch von ihrem neunten Geburtstag schlaff von der Zimmerdecke hängt, „sie hat in einer Höhle in den Bergen gelebt und flog von dort immer über die Wiesen. Sie war lieb, hat mich beschützt und manchmal durfte ich auf ihr reiten.”
„Papa liegt im Krankenhaus”, unterbrach ich ihr Schwelgen etwas ungestüm, „er muss diesmal ein paar Tage dort bleiben, damit sie ihn richtig untersuchen können.”
Auf einmal wurde sie ganz still, dann liefen ihr ein paar Tränen über das Gesicht.
„Das wird schon alles wieder”, versuchte ich sie zu beruhigen, „Papa ist doch ein wilder Tiger, der lässt sich nicht so leicht besiegen. Wir rufen ihn nachher an, dann kannst du dir selbst ein Bild machen.”
In der Corona-Höhle waren wir umringt von Stoff-Hunden, Playmobil-Pferden, Steiff-Feen und einem wilden Plüsch-Schneetiger, den wir vor ein paar Jahren mal bei Ikea erstanden hatten. Die weiße Wildkatze mit schwarzen Streifen ist Emma seitdem besonders ans Herz gewachsen und liegt nun am Fuße ihrer Höhle unter dem Hochbett, um sie Tag und Nacht zu bewachen. Auf einmal bewegte er sich langsam auf sie zu, schleckte ihr die Tränen aus dem Gesicht und sagte mit einer recht weiblichen Stimme: „Liebe Emma, mach dir keine Sorgen. Ich kenne deinen Vater gut, er stammt aus meiner Familie und so ein Virus kann ihm gar nichts anhaben. Bald ist er wieder zu Hause und du kannst ihn wieder gesund in deine Arme schließen.“
Emma drückte den namenlosen Schneetiger ganz fest, streichelte ihn und machte sich stark für einen neuen Quarantäne-Tag.

„Das ist ja wie an der Berliner Mauer”, witzelte Carlos, als er mit seinen Kindern an der Straße vor unserer Terrasse stand und uns ein paar Leckereien in eine Einkaufstasche legte, die wir an einer Wäscheleine auf den Bürgersteig hinunter gelassen hatten, „wir dürfen nicht rein und ihr nicht raus. Aber hier können wir uns über die große Hürde hinweg sehen und unterhalten.”
Unser Leben auf der Terrasse wird mit einem Metallgitter vor Eindringlingen und mit einem Weide-Geflecht vor Blicken geschützt. Von innen hat man zwar den Eindruck, direkt an der Straße zu sitzen, von außen betrachtet liegt unsere Terrasse jedoch höher und man muss nach oben schauen, um uns überhaupt sehen zu können.
„Ich finde, das ist eher wie bei Game of Thrones”, erwiderte ich im Vollrausch der Kultserie, deren Staffeln ich mir an den Quarantäneabenden vorgenommen hatte, „man darf nicht auf die andere Seite der Mauer, weil dort die lebenden Toten lauern.”
„Jetzt übertreibst du aber”, wandte er etwas geschockt ein.
In der Erfolgsserie schützt eine riesige Eismauer im Norden der zentralen sieben Königreiche die Bewohner vor den Gefahren, die noch weiter im Norden, im ewigen Eis und Schnee lauern. Emma und ich leben zwar nicht in der Kälte, trotz allem fühlen wir uns jetzt manchmal wie die Corona-Zombies. Wir sind die Infizierten und von uns geht die Gefahr aus.
„Bei deinen Klassenkameraden geht das Leben normal weiter”, versuchte ich sie in den fast drei Wochen zu Hause immer wieder zu trösten, wenn sie sich an den Computer setzte und Chat-Nachrichten schrieb, die größtenteils unbeantwortet blieben, „das wäre bei dir nicht anders, wenn du weiter in die Schule gingest.”
Der soziale Kontakt mit ihren Klassenkameraden, von dem der Kinderarzt auch für die erste Woche nach der Quarantäne ausdrücklich abgeraten hatte, fehlte ihr sehr. Auch musste sie eine Einladung zum Kindergeburtstag schweren Herzens ausschlagen, weil sie ihre Freunde vor sich selbst schützen sollte.

“Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!”, sagte ich zu Emma, die wie ich wieder auf einem Stuhl stand, um über den Zaun zu schauen, als unsere Freundin Paola von der anderen Seite zuwinkte.
„Ich kann euch zwar nicht ins Kino einladen, dafür bringe ich euch aber Film, Popcorn, Schokolade und Säfte, dann macht ihr euch einen gemütlichen Abend zu Hause”, sagte sie und legte alle Mitbringsel in die ,Rapunzel-Tasche’.
In den letzten Wochen kamen immer mal wieder Freunde zu einer kurzen Stippvisite an der Terrasse vorbei und gaben kleine Überraschungen ab, was uns die Isolation etwas erheiterte. Paola brachte Kino, Isabell Brezeln und selbstgebackene Weckmänner, Anette die Einkäufe und Carlos das Mittagessen.

In fast allen Horrorfilmen treten die Toten, die doch nicht ganz tot sind und recht unappetitlich aussehen, buchstäblich in Herden auf. Auch bei Game of Thrones versteckt sich eine stetig wachsende Armee von Untoten im ewigen Eis. Die ,Unmenschen‘, die in der Regel aus dem normalen Leben ausscheiden, beginnen ein anderes in einem veränderten Zustand. Corona-Infizierte, die die Krankheit überstanden haben, führen ihr Leben auch in einem anderen Zustand fort, im besten Fall mit Antikörpern, die ihnen zumindest vorübergehend Schutz vor einer erneuten Erkrankung bieten.
Die Epidemiologen hoffen auf die Herdenimmunität, die nur durch Impfung erreicht wird, oder wenn sich alle anstecken und wieder gesund werden, sozusagen einen Prozess der Verwandlung durchmachen.
„Wir sind jetzt durch”, habe ich mich schon oft sagen hören und möchte selbst daran glauben.
Wir gehören jetzt zu dieser Herde, die zunächst die vorübergehende Immunität erreicht hat.
Was soll denn noch Schlimmeres passieren? Meine Tochter hatte den Virus nun ja, die Corona-Granaten können nicht dichter einschlagen.
Wir sind jetzt auf der anderen Seite der Mauer und damit verändert sich unser Blick auf das Szenario. Dieser neue Blickwinkel schafft eine gewisse Ruhe, da wir im Moment keine so große Angst mehr vor der Ansteckung und ihren Folgen haben müssen. Wir merken nur, dass wir noch ein wenig einsamer geworden sind, denn die anderen haben jetzt Angst vor uns.

„Ich darf wieder raus”, sagte mir Hugo am Telefon nach ein paar Tagen erleichtert, als würde er aus dem Gefängnis entlassen, „meine Werte sind wieder normal, die Entzündung unter Kontrolle und ich soll in einem Monat zu einer Nachuntersuchung mit Röntgenaufnahme kommen.”
„Da sind wir aber froh”, erwiderte ich, „dann ist ja bald alles überstanden. Fährst du wieder mit der Metro nach Hause?”, fragte ich ihn noch.
„Nein, diesmal habe ich beantragt, dass mich ein Krankenwagen nach Hause bringt. Ich möchte doch niemanden anstecken”, antwortete er ganz selbstkritisch.
„Gib es doch zu, du möchtest deinen All inclusive Abenteuer-Urlaub diesmal gebührend beenden und nochmal mit Blaulicht durch die Straßen Madrids fahren”, scherzte ich.
Hugo blieb schließlich noch eine Nacht länger im Krankenhaus und wartete fast 24 Stunden auf den Krankenwagen, weil die Schwestern vergessen hatten, ihn auf die Abholliste zu setzen.

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