17.11.2020 Streaming

Von Annette Scholz

Madrid in der Ferne, © Annette Scholz

„Die Unsicherheit ist zermürbend”, hatte mir Luis vor ein paar Wochen noch gesagt, als wir nach einem anstrengenden Arbeitstag an den alten Stadtmauern in Alcalá zu unseren Autos gingen, „wir machen alles, was in unserer Macht steht, damit das Festival stattfindet. Es ist aber gut möglich, dass es trotz allem abgesagt wird.”
„Ich merke, dass es in meinem Umfeld für alle lang wird. Die Angst wird größer, der Unmut steigt und sogar ich hatte am Wochenende die Krise, weil ich an Weihnachten wohl doch nicht nach Deutschland fliegen kann”, hatte ich ihm damals zur Antwort gegeben, während ich mich bei unserem Spaziergang in der Sonne daran erfreut hatte, dass mir nach der Arbeit in unserem Büro ohne Heizung draußen wieder warm wurde. 
„Jetzt war ich schon ein Jahr nicht mehr bei meinen Eltern und kann von hier nur über den Bildschirm Anteil an ihrem täglichen Leben nehmen. Im März störte mich das wenig, jetzt deprimiert es mich.”
„Meine Tochter, die ihr Studium und einen Auslandsaufenthalt in Korea planen wollte, ist auch ziemlich niedergeschlagen”, fügte Luis noch hinzu, „wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt und wann es wieder so etwas wie Normalität geben wird.”

Die Vorbereitung des Festivals verlief unter extremer Anspannung, in einer verkürzten Zeit mit noch mehr Stress als sonst. Von Anfang an hatten wir drei Festival-Versionen in Petto, die Präsenz-, die Online und die hybride Variante, sodass in kürzester Zeit auf die aktuellen Corona-Maßnahmen reagiert und einer der drei Varianten der Vorzug gegeben werden konnte.
„Wie machen wir das dieses Jahr mit den Publikumspreisen?”, fragten wir uns erst zwei Wochen vor dem Festival, als uns aufging, dass es wohl Präsenzveranstaltungen geben würde, die Nutzung von Papierstimmzetteln dieses Jahr aber kontraindiziert war. Plötzlich mussten Routine-Abläufe neu gestaltet werden, um sich der aktuellen Situation anzupassen, was natürlich einen zusätzlichen Arbeitsaufwand in kürzester Zeit bedeutete. 
Unter Hochdruck wurde ein digitaler Stimmzettel und eine Zugangsmöglichkeit über einen QR-Code geschaffen, um nur ein Beispiel der Modernisierungen zu nennen, die die limitierte Auflage 2020 von Alcine mit sich brachte. Das Festival hat dieses Jahr so viele Umgestaltungen erfahren wie in den letzten zehn Jahren nicht, von denen die meisten mit oder ohne COVID19 sicherlich erhalten bleiben. Die wichtigste ist dabei wohl die mögliche Teilnahme über Video-Streaming von zu Hause aus, über das ich mich in der aktuellen Situation besonders freue.
Unter allen Festival-Varianten, die wir durchgespielt hatten, gab es natürlich nicht die, bei der ich persönlich nicht anwesend sein konnte. Mir blieb also die Arbeit und dank Streaming die Möglichkeit Teile des Events am Computer zu verfolgen – mal eine ganz neue Perspektive! 

Tatsächlich findet unser ganzes Leben im Moment im Streaming-Modus statt. Draußen geht alles irgendwie weiter, die Schule, die Pandemie, die Angst und das Festival, nur ohne uns. Wir haben jetzt eine ganz ungewohnte und neue Sicherheit, da wir wissen, dass wir zunächst nichts tun können außer abwarten, hoffen, dass alles weitestgehend glimpflich verläuft und von zu Hause über den Bildschirm zuschauen, wenn uns jemand ein Zeitfenster öffnet.

Als ich wieder auf meinem Stammplatz auf dem roten Ecksofa saß, von dem ich aus der Erdgeschosswohnung den Himmel sehen kann und am Computer arbeitete, rief mich Hugo an.
„Ich habe gerade mit dem Arzt telefoniert, ich muss ins Krankenhaus. Es scheint keine gute Entwicklung zu sein, dass ich schon über eine Woche lang Fieber habe”, sagte er mir unter Tränen.
Emma war derweil unter der Dusche und hörte nicht, wie auch ich anfing zu schluchzen. 
„Oh nein, auch das noch!”, war alles, was ich sagen konnte, „wie machst du das jetzt?”
„Ich warte auf den Krankenwagen, der mich nach Moncloa in die Fundación Jiménez Díaz bringt, in der Emma geboren wurde”, gab mit Hugo zur Antwort und versuchte dabei sicher und unberührt zu wirken.

Tatsächlich schweißt Corona unsere Trennungsfamilie wieder etwas zusammen, denn die Angst, dass unsere Tochter einen ihrer Elternteile wegen COVID19 verlieren könnte, rückt unsere persönlichen Unstimmigkeiten völlig in den Hintergrund. Es ist nur noch von Bedeutung, diese Situation so unbeschadet wie möglich zu überstehen und möglichst bald wieder eine gewisse Normalität herzustellen.
„Bitte gib Bescheid, wo sie dich hinbringen, was sie mit dir machen und was die nächsten Schritte sind”, gab ich ihm noch mit auf den Weg, bevor ich darüber nachdachte, wie ich Emma wohl diese Hiobsbotschaft übermitteln könnte.
„Ja, ich schicke euch Lebenszeichen, darum geht es ja im Endeffekt”, schloss Hugo das Gespräch ab.

Als Emma aus der Dusche kam, hatte ich mich soweit gefasst, nahm sie auf meinen Schoß, drückte sie fest und sagte ihr: „Papa muss ins Krankenhaus.”
Damit löste ich bei ihr trotz aller vorgetäuschten Ruhe eine gewisse Panik aus. Sie fing erbärmlich an zu weinen und machte sich große Sorgen.
„Ich will nicht, dass Papa stirbt”, schoss es aus ihr heraus, „er ist doch nicht mehr so jung.”
Wir riefen ihn noch einmal an, damit sie sich selbst davon überzeugen konnte, dass es ihm soweit noch verhältnismäßig gut ging.
„Sie haben mich schon geröntgt, Blut abgenommen und ich warte auf Ergebnisse”, kam nach ein paar Stunden eine zuversichtliche Nachricht aus dem Krankenhaus.
„Ich bin gar nicht daran gewöhnt, dass sich so viele Menschen um mich kümmern wie hier”, fügte er noch anerkennend hinzu.
„Gib es doch zu”, witzelte ich, um unsere dunklen Gedanken etwas zu vertreiben, „du bist im Urlaub, all inclusive, mit SPA, Massage und Vollpension!”
„Du hast mich ertappt”, schrieb er zurück und machte uns mit seiner humorvollen Stimmung Hoffnung, dass alles doch nur bei einem Schrecken bleiben würde.

Als uns am Abend die Nachricht „Ich bin wieder zu Hause”, erreichte, stellten Emma und ich gleich einen Livestream direkt in seine Wohnung her.
„Es ist doch nicht so schlimm wie gedacht, ich habe keine Lungenprobleme und die Blutwerte sind ok”, erklärte er uns mit einem erleichterten Lächeln, „sie haben mir nur Kortikoide gespritzt, damit ich jetzt mit dem Fieber alles rausschwitze. Das aufregendste war die Fahrt im Krankenwagen”, fügte er noch hinzu, „ich kam mir vor wie im Film, als alle Autos Platz für uns machten”
„Haben sie dich auch wieder zurückgebracht?”, fragte ich ihn noch.
„Nein, sie haben mir gesagt, ich könne gehen und als ich fragte, wie ich wieder nach Hause käme, musste ich feststellen dass die Heimfahrt im Krankenwagen nicht mitgebucht war”, erläuterte er uns. „Ich bin mit der Metro gefahren, weil ich kein Geld für ein Taxi hatte.”

Die Quarantäne-Tage vergehen erstaunlich schnell, obwohl effektiv weniger passiert. Die Stunden verstreichen, während Emma mit Mathe kämpft, spanische Geschichten schreibt und ihre Corona-Höhle immer weiter in ein Playmobil-Feenland verwandelt. Meine Verbindung zur Außenwelt und den Dingen, die mich interessieren, sind der Computer und das Handy. Über Video, Email und Whatsapp kommuniziere ich mit meinen Kollegen, Freunden und der Familie, immer in der ersten Reihe vom roten Sofa aus. 

Leider ist die traute Zweisamkeit für Emma und mich nicht immer ein harmonisches Erlebnis. Die Stimmung zu Hause gleicht den Symptomen des Corona-Virus, die sich von einem auf den anderen Moment ändern. Je nach der täglichen Verfassung wechselt sie bei uns von guter Laune, über Anspannung, Gereiztheit bis hin zur Traurigkeit. Der Frust über die Isolation und die Angst vor den Geschehnissen braucht schließlich ein Ventil. 

Drei Tage später, nachdem wir wieder einen Quarantäne-Tag wacker überstanden hatten, erreichte mich am späten Abend wieder eine Whatsapp-Nachricht von Hugo: “Ich muss ins Krankenhaus, ich habe nicht genug Sauerstoff im Blut.”

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