14.11.2020 Die Guten ins Töpfchen

Von Annette Scholz

Impressionen aus der Corona-Höhle, © Annette Scholz

Emma leiden zu sehen und Angst zu haben, der Virus könnte ihr schwer schaden, nahm allen anderen Dingen in meinem Leben jede Bedeutung. Auch das Filmfestival war erstmal in den Hintergrund getreten. 
„Ist mir doch egal, ob alles vorbereitet ist”, dachte ich nur, als mir der Schrecken noch in den Gliedern saß.
Tatsächlich gab es außer der Sorge um meine Tochter, ihren Vater und der anfallenden Arbeit für mich seit der Schreckensbotschaft, dass sie ,positiv’ seien, auf einmal noch ganz andere Herausforderungen zu bewältigen. Abgesehen davon, dass Emma und ich uns an unseren neuen Alltag in der Wohnung, mit Maske und in getrennten Räumen gewöhnen mussten, wobei wir während des Lockdowns im März praktisch 24/7 aufeinander hingen, musste der Kühlschrank weiter gefüllt, das Essen auf den Tisch gebracht und ein gewisser Schulalltag hergestellt werden.

Mir war das alles zu viel, sodass ich mich, wenn ich mich nicht um Emma kümmern musste, wieder in meine Arbeit verkroch, um mir um nichts weiter Gedanken machen zu müssen. Wäre meine Tochter nicht da gewesen, hätte ich wohl von Salaten und Brot gelebt, um den Aufwand nicht zu betreiben, auch noch kochen zu müssen, und das, obwohl ich eigentlich ganz gerne mal am Herd kreativ werde.
Ganz praktische Dinge, wie den Müll in die Mülltonne werfen, wurden auf einmal zu einem Problem, wenn man nicht vor die Wohnungstür treten soll, um niemanden zu gefährden. 
„Wie komme ich jetzt an Eier für einen Kuchen, wenn ich niemanden belästigen will?”, fragte ich mich, nachdem Emma die letzte Fieberepisode überstanden hatte und stellte sogleich fest, dass dies ein Luxusproblem war. Ich nutzte also die Hefe, die noch im Kühlschrank lag, um statt bizcocho, ein Riesenblech Apfel- und Birnenkuchen mit Streuseln zu backen, den Emma und ich alleine essen können.

Abgesehen von den Eiern, bin ich sehr beruhigt, dass es uns ans nichts fehlt. Im Gegenteil, wir wurden immer richtig gut versorgt und das ohne Online-Shopping.
„Wir gehen einkaufen, sollen wir euch etwas mitbringen?”, hatte meine Nachbarin geschrieben, wofür ich sehr dankbar war. Tatsächlich kaufte sie uns beim Metzger ein so gutes Rindfleisch, wie ich es selbst noch nicht gefunden hatte.
„Am Dienstag mache ich euch einen Großeinkauf”, verkündete mir meine Freundin Isabell, „willst du etwas Bestimmtes oder Freestyle?”

Ich entschied mich für Freestyle und freute mich danach bei jedem Detail darüber, das ich aus dem Kühlschrank holte. Denn Isabell hatte außer den alltäglichen Dingen, vieles eingekauft, was bei mir normalerweise nicht in den Einkaufswagen kommt, lauter Neuentdeckungen. Auch Emma war froh über neue Gemüsesorten, den frisch gepressten Orangensaft aus der Flasche und das leckere Erdnuss-Turrón. Irgendwie erinnerte mich diese Art versorgt zu werden, an die Personal Shopper-Dienste, wie etwa Lookiero, die sich bei einigen meiner Bekannten großer Beliebtheit erfreuen. Unbekannte, denen man Vorlieben, Interessen und Geschmack über einen Fragebogen vermittelt, stellen dort Anziehsachen in einem Paket zusammen, um neuen Schwung in den eigenen Kleiderschrank zu bringen. Isabell brachte mit ihrem Osquiero-Einkauf neuen Schwung in unseren Kühlschrank, der uns in der langen Zeit alleine, bei Laune hielt. Ich freute mich schon auf den nächsten Wocheneinkauf, den Anette übernehmen wollte.

Aber nicht nur die guten Freunde halfen bei unserer Versorgung, sondern auch die liebenswerten Pförtner der Hausanlage, von Paketzustellung, über Müllentsorgung, Medikamenteneinkauf bis hin zu Churros als Überraschung zum Frühstück, kam alles unaufgefordert aus der Loge am Hauseingang.
In dieser, in gewisser Hinsicht hilfsbedürftigen Situation, war ich besonders dankbar für freundliche Gesten und tatkräftige Unterstützung. Aber nicht nur das, auch Seelenbalsam in Form von Anteilnahme und empathischen Gesprächen wurde gerne genommen. „Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot”, kam mir das Sprichwort schon seit März immer wieder in den Sinn, was nichts weiter bedeutet, als dass man in schwierigen Situationen nur auf wenige Menschen wirklich zählen kann.. 
Meine beste Freundin an der Universität sprach immer von ,roten Fäden’, die sich durch das Leben eines Menschen ziehen und meinte damit Freunde, die einen das ganze Leben begleiten. Davon gibt es in der Tat sehr wenige, jedenfalls für mich.

„Na, wie geht es euch heute?”, erreichte mich früh morgens ein Anruf von meinem Studienfreund Christian aus Hamburg, „ich kenne doch die liebe Annette, ohne Konversation und Schokolade sinkt die Stimmung.”
„Da hast du recht!”, erwiderte ich sofort, „jetzt, da ich mit dir spreche, geht es mir gleich besser.
Weißt du, es ist erstaunlich, wie die Leute jetzt auf uns reagieren”, sprach ich weiter, „alle irgendwie anders. Die meisten haben Angst, halten viel Abstand, um sich nicht anzustecken, wie unsere Nachbarn, die mich indirekt baten, doch etwas weiter vom Zaun wegzugehen, als sie Besuch von der Oma hatten. Gleichzeitig wollen sie aber auch helfen. Und manche, bei denen ich dachte, sie würden mir besonders nahe stehen, können sich überhaupt nicht in die Situation hineinfühlen und schreiben mir unverbindliche Nachrichten!”
„Vielleicht haben die Leute auch Angst davor, dich nach deinem Befinden zu fragen, weil sie nicht damit umgehen können, wenn es dir schlecht geht und sie nichts dagegen tun können”, wandte er ein.
„Vielleicht hast du recht”, räumte ich ein.
Es war nur ein kurzes Gespräch, aber es gab mir Kraft für den Tag.

So wie die allgemeine Corona-Krise gesellschaftliche Ungleichheit verstärkt und schwelende Konflikte anheizt, macht mich meine persönliche Corona-Krise auch kategorischer in meinen Empfindungen und Urteilen. Es hat eine natürliche Auslese der Personen stattgefunden, die weiter zu meinem inner circle gehören. Allein die Tatsache, dass persönliche Kontakte wegen COVID19 weitestgehend eingeschränkt werden sollen, hat bei mir wohl unterbewusst die Frage aufgeworfen, wen ich wirklich weiter sehen möchte und wen nicht. Seit Mai treffen wir außer der eigenen, nur zwei Familien in Madrid, die zu meinen engsten Freunden gehören.

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