10.11.2020 Corona-Kosmos

Von Annette Scholz

Deutsche Schule Madrid, Montecarmelo, © Alexander Knebe

„Auf der Gran Vía randalieren sie, setzen Mülleimer in Brand und protestieren gegen die Corona-Maßnahmen”, setzte mich Alexander über Skype von der aktuellen Lage in Madrid in Kenntnis, „dabei ist nur Sperrstunde von 0 Uhr bis 6 Uhr, was mich tatsächlich überhaupt nicht berührt.”
„Wirklich? Was ist das denn für ein Schwachsinn?”, antwortete ich etwas entsetzt, „ich bekomme im Moment gar nichts mit. Unser derzeitiges Leben spielt sich hier in unseren vier Wänden ab. Was da draußen alles absurdes passiert, tangiert mich gerade peripher.”
„Das glaube ich dir”, erwiderte er verständnisvoll, „du hast im Moment wirklich andere Sorgen.”
„Ja, ich muss von zu Hause ein Festival organisieren, bei dem ich nicht dabei sein kann”, versuchte ich die Stimmung mit etwas Ironie zu lockern.
„Wie geht es Emma und ihrem Vater?”, fragte er noch, wohlwissend, dass Emmas und Hugos Befinden derzeit meine einzigen wirklichen Sorgen waren.
„Hugo liegt weiterhin mit Fieber im Bett, hustet und hat jetzt auch noch einen Hexenschuss. Er fühlt sich nicht gut und ist erschöpft”, erstattete ich Bericht, „und Emma macht mir ein bisschen Sorgen, sie hatte heute Morgen schon 38ºC Fieber.”

Tatsächlich war Emma die ersten vier Tage unserer Quarantäne mit nur einem besorgniserregenden Fieberschub davongekommen. Vor dem langen Wochenende sagte mir ihr Kinderarzt, dass ich bei weiteren Symptomen und einer Verschlechterung ihres Zustands am Wochenende direkt in die Notaufnahmen des zuständigen Krankenhauses gehe solle.
Keine besonders schöne Aussichten für die puente, die Freunde und Bekannten bei schönstem Wetter in den umliegenden Parks verbrachten.

Leider stagnierte nach der anstrengenden Woche das Arbeitsvolumen für das Festival, sodass ich auf einmal wieder Kapazitäten zum Nachdenken hatte. Ein freier Kopf in so einer Situation tut mir gar nicht gut. Denn auf einmal hatte ich wieder Platz, um darüber nachzudenken, was alles passieren könnte, als ich versuchte auf der Terrasse in der Sonne ein wenig zu entspannen.

„Corona ist ein Arschloch”, schrieb mir neulich eine meiner Kindheitsfreundinnen aus Deutschland und bezog sich damit auf die verschiedenenen Einschränkungen, die sie wegen der Pandemie-Situation nun in Kauf nehmen muss.
„Sie hat so recht!”, fand ich, als ich am langen Wochenende ein Wimmern aus dem Kinderzimmer vernahm.
„Mama”, rief mich Emma zu sich, „mir ist so kalt.”
„Oh nein, bitte nicht wieder!”, dachte ich mir, als ich sie zusammengerollt und fröstelnd in ihrer Corona-Höhle liegen sah. Wieder in unglaublicher Geschwindigkeit war Emmas Fieber gestiegen. Sie fühlte sich schlecht und konnte sich kaum noch bewegen.
„Hex, hex!”, rief mir Bibi Blocksberg aus dem Ipad entgegen, als ich etwas unbeholfen versuchte, die Ruhe zu bewahren und an die Worte des Kinderarztes dachte:
„Ins Hospital La Paz, wenn es ihr schlechter geht.”

Nachdem ich Emma wieder eine Dosis Ibuprofen verabreicht hatte, konnte ich nicht verhindern, dass mir die Tränen übers Gesicht und unter meine Maske kullerten. Panik stieg bei diesem Szenario in mir auf.
„Wie geht es euch heute?”, fragte mich Hugo, als er mich anrief. Bei dieser Frage konnte ich die Contenance nicht mehr bewahren und fing an zu schluchzen.
„Emma geht es gar nicht gut, sie hat hohes Fieber und ist ganz apathisch. Ich weiß nicht, was ich machen soll”, ließ ich meinen Gefühle freien Lauf.
„Ruf den Notarzt an!”, gab er mir zur Antwort, „und frag, ob jemand kommen kann und nach ihr sieht.”
„Ok!”, sagte ich kleinlaut und versuchte mich wieder für den nächsten Kampf zu wappnen, nicht ohne noch ein paar weitere Tränen zu verdrücken.
Als ich nach der Notruf-Nummer suchte, meldeten sich Anette und Alexander, die uns etwas Obst und Aquarius vorbeibringen wollten.
„Brauchst du noch etwas?”, fragte mich Anette und schon fing ich wieder an zu weinen.
„Emma geht es schlecht, ich weiß nicht, was ich machen soll, ich habe solche Angst!”
„Ruf beim Arzt an!”, gaben sie mir einvernehmlich die gleiche Antwort und bestärkten mich darin, dass ich keine Skrupel zu haben bräuchte, den Notruf zu nutzen.
Nachdem sie mir auch noch die Nummer gaben, überwand ich meine Hemmungen und wählte 112, nicht ohne zuvor tief durchzuatmen, um einen halbwegs freien Kopf für dieses wichtige Gespräch zu haben.

Emma lag schlapp und leicht abwesend in ihrer Corona-Höhle, während ich in der Küche wie ein Tiger hin- und herlief, um die Zeit in den Warteschleifen des Notfalltelefons zu überbrücken. Freundlich und bestimmt schickten sie mich von der telefonischen Registrierung, über den Abgleich der Patientendaten, bis hin zur Ärztin, nicht ohne mich immer wieder darauf hinzuweisen, dass ich den Notruf nur benutzen darf, wenn es sich tatsächlich auch um einen ärztlichen Notfall handelt.
Als ich bei der Ärztin angekommen schien, warf mich das System aus der Leitung. 

Ich nutzte die Gelegenheit, um noch einmal nach Emma zu schauen.
Als sie mich mit meinen verquollenen Augen hinter den verschmierten Brillengläsern sah, nahm sie trotz ihres apathischen Zustands meine Hand und sagte:
„Mama, weine doch bitte nicht! Sei nicht traurig!”
Ich riss mich trotz aller Rührung zusammen und antwortete ihr:
„Ich mache mir Sorgen um dich und möchte nicht, dass es dir so schlecht geht.”
„Das wird schon wieder, Mama, ich habe dir doch versprochen, gegen diesen Virus zu kämpfen”, entgegnete sie mir voller Überzeugung.
Um vor ihr nicht wieder in Tränen auszubrechen, setzte ich mich über alle Vorsichtsmaßnahmen hinweg, nahm sie fest in den Arm und ging wieder in die Küche, um den zweiten Anlauf zu starten.

„Sie rufen wegen Emma Tolosa in Montecarmelo an”, entgegnete mir die neue Stimme beim Notruf, „ich verbinde sie direkt mit der Ärztin.”
„Zum Glück keine weiteren Warteschleifen”, dachte ich mir und bereitete mich auf die Fragen der Ärztin vor.
„Ihre Tochter ist corona-positiv und hat Fieber. Wie hoch ist die Temperatur?”, fragte sie mich nüchtern.
„Beim letzten Messen hatte sie 39,8ºC und das obwohl ich ihr schon vor einer Stunde die letzte Dosis Ibuprofen gegeben habe”, gab ich etwas aufgeregt zur Antwort.
„Hat sie noch andere Symptome?”, fragte die Ärztin weiter.
„Ich kann nicht richtig beurteilen, ob das Symptome sind”, erwiderte ich, “sie ist sehr apathisch und nicht unbedingt ansprechbar.”
„Das kann wegen des hohen Fiebers sein”, kommentierte sie meine Sorgen, „sie müssen unbedingt versuchen, das Fieber zu senken, um festzustellen, ob sie sich dann anders fühlt und verhält. Warum geben sie ihr Ibuprofen und nicht Paracetamol?”, fragte sie mich noch.
„Weil es mir ihr Kinderarzt verschrieben hat und ich nicht anderes habe”, erklärte ich ihr, wobei ich nicht daran dachte, dass Emma schon als Kleinkind den Geschmack des fiebersenkenden Mittels nicht mochte, der ihr Brechreiz verursachte.
„Paracetamol hilft bei Fieber besser, besorgen sie das und geben es ihr. Machen Sie ihr Wadenwickel und beobachten Sie sie. Wenn sie weiterhin apathisch und nicht ansprechbar bleibt, sollten sie mit ihr ins Krankenhaus, damit sie ein Kinderarzt untersuchen kann. Ihr zuständiges Krankenhaus ist La Paz. Haben Sie mich soweit verstanden?”, suchte sie noch Bestätigung.
„Ja, ich habe sie verstanden”, gab ich etwas blechern zurück und hatte Angst, mit dieser Situation nun alleine umgehen zu müssen.

Als ich aufgelegt hatte und wieder alleine in der kalten Küche stand, versuchte ich einen sinnvollen Gedanken zu fassen, um nicht wieder in Tränen auszubrechen und konstruktiv zu bleiben. 
Mir fielen Anette und Alexander wieder ein, die mit Tochter und Hund im Pardo spazieren waren, nachdem sie uns Äpfel, Birnen und Getränke vorbeigebracht hatten.
„Sag uns, wenn wir noch etwas tun können!”, hatten sie mich liebenswürdig aufgefordert.
„Ich brauche unbedingt noch Paracetamol”, sagte ich Anette am Telefon, „ich muss Emmas Fieber dringend senken, um zu sehen, ob sie nur deswegen apathisch ist. Könnt ihr mir das in der Apotheke kaufen?”
„Klar”, antwortete sie mir kurz und bestimmt, während ich Alexander im Hintergrund noch besorgt nach unserem Befinden fragen hörte, „wir bringen es dir sofort.”
In persönlich kritischen Momenten bin ich besonders dankbar, wenn mir Entscheidungen abgenommen und Dinge vereinfacht werden, genauso wie es die beiden in diesem Moment taten.

Kurz nachdem ich Emma einen Wadenwickel verpasst hatte, klopfte es schon an der Wohnungstür. Der Pförtner hatte uns die Paracetamol-Schachtel mit einem Gummi an die Tür gehängt. Als ich öffnete, stand er noch mit gebührenden Abstand im Hauseingang, um sich nach Emmas Befinden zu erkundigen. Nach meiner kurzen Antwort ging er bedrückt, nicht ohne mir wiederholt zu bestätigen, dass ich Bescheid geben sollte, falls ich noch etwas bräuchte.

„So Emma, Paracetamol und Wadenwickel, mal sehen, ob wir dieses Fieber in den Griff kriegen!”, ging ich zuversichtlich an die Sache heran, um meiner Tochter klar zu machen, dass sie die Medizin nun nehmen müsste, auch wenn sie ihr nicht schmeckte.
„Oh nein, das ist dieser ekelhafte Saft”, erkannte Emma das Apiretal, was ihr noch von einer Fieberepisode von vor fünf Jahren in Erinnerung geblieben war.
„Das drückst du dir jetzt einmal mit der Spritze rein und spülst dann mit Wasser alles ganz schnell runter und schon hast du es hinter dir”, versicherte ich und freute mich insgeheim über die langsame Wirkung des Ibuprofen, ohne die sie für Proteste keine Kraft gehabt hätte. 
Paracetamol und Wadenwickel taten ihr Übriges und Emma wurde in ein paar Stunden wieder zu der kleinen Protestnudel, wie ich sie kenne, um am Abend fast fieberfrei und erschöpft einzuschlafen.

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