07.11.2020 Corona-Höhle

Von Annette Scholz

Corona-Höhle, © Annette Scholz

Wenn Corona kommt, ist auf einmal alles anders. Wie so oft, wenn man vor etwas Angst hat, macht man sich mit vielen Gedanken verrückt, wie es wohl wird, wenn der schlimmste Fall eintritt. Aber habe ich mir wirklich vorgestellt, wie jemand in der Familie an Corona erkrankt? Wenn es soweit ist, man vor vollendeten Tatsachen steht, bleibt nichts anderes übrig, als zu handeln, zu reagieren und irgendwie damit umzugehen. Viel Zeit für zermürbendes Nachdenken bleibt dann nicht mehr.

Während in Frankreich der totale Lockdown verkündet und im übrigen Europa Bars und Restaurants für einen Monat geschlossen wurden, hat Díaz Ayusos Regionalregierung einmal mehr eine wenig logische Entscheidung getroffen: Madrid wird nur an den Feiertagen abgeriegelt, Restaurants bleiben bis auf weiteres offen und auch sonst gibt es keine großen Einschränkungen – jedenfalls nimmt man die derzeit geltenden Einschränkungen als Ü40er kaum wahr. Spanien ist nach Belgien momentan das Land mit der höchsten Ansteckungsrate in Europa, aber das scheint nicht wirklich von Interesse für die hiesige Politik.

„Ich kann Sie krank schreiben”, hatte mir Ana im Ärztezentrum noch bestätigt, als sie mich von meiner zwanzigtägigen Quarantäne in Kenntnis setzte. Das klang zunächst sehr verlockend. 
„Noch bin ich ja nicht krank”, hatte ich gesagt, weil ich Luis und die anderen Kollegen eine Woche vor Festivalstart nicht hängen lassen wollte. 

Doch der Widerspruch, dass ich offiziell nicht von zu Hause arbeiten darf, liegt mir schwer im Magen. Die Nationalregierung hatte allen Arbeitgebern, soweit möglich, das home office ans Herz gelegt, die Lokalregierung in Alcalá verbietet es aber. Die Vorstellung, dass mir aus der ,illegalen Heimarbeit’ unter diesen Umständen noch ein Strick gedreht werden könnte, beunruhigt mich schon etwas. 
„Vielleicht sollte ich einfach alles an den Nagel hängen”, denke ich manchmal, vor allem, weil meine Arbeitsstelle weiterhin in Frage gestellt und nach fünfzehn Jahren öffentlich ausgeschrieben werden soll. Warum fühle ich mich einer Aktivität und einer Institution so verpflichtet, die in all den Jahren meinen Einsatz nie richtig geschätzt hat?

Jetzt war nicht der richtige Moment, um darüber nachzudenken, denn immer wieder erreichten mich dringende Nachrichten per Whatsapp oder Email, in denen ich gebeten wurde, noch schnell die Website zu aktualisieren, weitere Katalogseiten zu korrigieren, die fehlenden Textdateien für die Untertitelung der Filmvorführungen zu beschaffen, und die Reservierung des Lieferwagens für den Fototransport weiterzuleiten – unzählige, zeitaufwendige Kleinigkeiten, die mich wenigstens vom Grübeln abhielten. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich es hier wie ein Bekannter in Deutschland, der in seiner Arbeit immer die Beschäftigung findet, die ihn vom Nachdenken abhält und ihm damit einen scheinbar unerschütterlichen Halt bietet.
Auch ich hielt mich nun an der Arbeit fest, um bloß der Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen, dass ich nun wieder fast drei Wochen keinen Schritt vor die Tür setzen durfte. Noch war das Wetter gut, sodass die Aussicht auf ein paar Stunden am Tag auf der Terrasse die Stimmung verbesserten. Aber der nächste Regen ließ nicht lange auf sich warten.

Defacto ist natürlich weder die Tatsache, dass ich Alcine nun von zu Hause streamen muss und die Lorbeeren meiner Arbeit nicht in situ ernten kann, noch die Tatsache zu Hause in der Wohnung mit virtueller Anbindung an die Außenwelt bleiben zu müssen, das wirkliche Problem.
„Meine Tochter und ihr Vater haben Corona”, poppte es immer wieder in meinem Kopf auf, wenn ich ihm die Gelegenheit dazu gab, „wer weiß, wie sie diesen Virus überstehen?”
„Ich sollte mich, wenn möglich nicht anstecken”, setzen mich meine Gedanken weiter unter Druck, „denn, was ist denn mit meiner Tochter, wenn ihr Vater und ich auf einmal im Krankenhaus liegen?”
„Wie macht man das?”, fragte mich eine Freundin aus Deutschland, „sich ums Kind kümmern und sich dabei nicht anstecken?”
„So richtig habe ich darauf noch keine Antwort”, entgegnete ich ihr, „wir versuchen es mit Maske und Abstand halten, soweit das möglich ist.”
„Mama, Corona ist halb so wild”, sagte mir Emma noch an unserem ersten Tag in Quarantäne, an dem sie noch keine Symptome zeigte und nahm dabei vorlaut ihre Maske ab, „du solltest dich auch gleich anstecken, dann haben wir es alle.”
„Emma, ich kann verstehen, dass du möchtest, dass wir zu Hause keine Maske tragen, dass du mir nahe sein und mich wie immer umarmen willst”, versuchte ich ihren kindlichen Argumenten gegenüber Verständnis aufzubringen, „aber was ist denn, wenn mich der Virus schlimmer erwischt, als dich? Was machst du dann?”
Bei diesen Gedanken wurde sie nachdenklich und setzte ihre Maske für die nächsten fünf Minuten wieder auf, um dann ihrem Unmut über die Isolation mit den gleichen Argumenten erneut Luft zu machen.
Meine Diskussionen mit ihr hielten zwei Tage lang an, während denen ich mich immer wieder fragte, ob ich ihr nachgeben und mich der Situation ausliefern, oder doch trotz ihrer Unzufriedenheit weiterhin versuchen sollte, mich selbst zu schützen, in erster Linie, um weiter für sie dasein zu können.

Täglich telefonierten wir mit Hugo, der sich zu Hause ans Bett gefesselt seinem Fieber ergab und den größten Teil der Tage schlief.
„Mir geht es gut, Papa!”, beruhigte Emma sein schlechtes Gewissen jedes Mal bei unserem Videoanruf, „für mich ist das alles nicht so schlimm. Noelia und Anja müssen auch nicht in Quarantäne und meine Klasse zum Glück auch nicht.”
„Ich habe die Schule informiert”, mischte ich mich ein, „als ,enge Kontakte’ gelten nur ihre Freundinnen Noelia und Anja, mit denen sie auch außerhalb der Schule und ohne Maske Zeit verbracht hat. Vorsorglich werden die beiden bis zum langen Wochenende auch zu Hause bleiben und somit fünf Tage nicht in die Schule gehen. Alle anderen sind nicht gefährdet. Die Klassenlehrerin hat uns Emmas Schulbücher vorbeigebracht und Aufgaben geschickt. Es ist wirklich rührend, wie sich alle kümmern.”

Da sich Emma recht gut fühlte, erinnerten die ersten Tage dieser neuen Quarantäne an die im März. Wir begannen schon Pläne zu schmieden, was wir alles machen wollten, sobald meine Festivalarbeit erledigt und das Event am Laufen wäre und ich fragte Anette und Alexander schon nach der nächsten Skype-Party, um mit gebührendem Abstand, guter Musik doch noch ein paar lustige Momente zu verbringen.
Doch als am zweiten Abend das Fieber kam, änderte sich das ganze Szenario. Plötzlich verbrachten wir keine Corona-Ferien mehr mit schönem Wetter, gutem Essen und netter Gesellschaft – wie meine Großtante auf ihren Postkarten von Menorca früher immer schrieb -, sondern die Sache war auf einmal bitterernst.

„Mama, mir ist so kalt”, sagte mir Emma fröstelnd, als ich mit ihrem Abendessen aus der Küche kam. Die Zeit, die ich benötigte, um das Gemüse vom Mittag noch einmal aufzuwärmen, hatte ausgereicht, um Emmas guten in einen bedenklichen Zustand zu verändern. Sie lag plötzlich zusammengerollt auf dem Sofa unter der Decke und zitterte. Der Appetit war ihr selbstredend vergangen.
„Was ist mein Schatz?”, fragte ich sie.
„Ich fühle mich nicht gut, mir ist so kalt”, wiederholte sie. „Jetzt will ich nicht mehr, dass du auch Corona kriegst, das ist doch nicht so schön”, schob sie noch hinterher, bevor sie umgehend einschlief.

Ich ließ sie auf dem Sofa schlafen und setzte mich neben sie. Schon immer wenn sie krank war, hatte ich Probleme, sie alleine zu lassen, da ich nie das ungute Gefühl loswerden konnte, dass sie mich plötzlich brauchen könnte. Also blieb ich neben ihr sitzen, bewachte ihren Schlaf, während ich noch ein paar Festivalarbeiten erledigte.
Leider war an diesem Tag nicht mehr so viel liegengeblieben und nach ein paar Emails war ich arbeitslos. Damit verlor ich meinen Halt und die dunkelsten Gedanken suchten mich heim. 
Auf einmal hatte ich das Bedürfnis schnell einen Paten für meine Tochter zu finden, damit sie bloß nicht alleine auf der Welt sei, wenn ihr Vater und ich uns demnächst Corona im Krankenhaus ergeben würden.
Ich hatte Angst.

Am nächsten Tag war Emmas Fieber zum Glück wieder weg und als uns der Kinderarzt wie vereinbart anrief, beruhigte er mich damit, dass Fieber ein ganz normales Symptom für eine Viruserkrankung und zunächst nicht bedenklich sei, wenn keine weiteren auftreten würden.
Um die Temperatur zu senken, verschrieb er mir Ibuprofen und bestätigte mir, dass es am sinnvollsten wäre, wenn Emma alleine in ihrem Zimmer bliebe, um mich nicht auch noch anzustecken.

„Emma, was hälst du davon, wenn ich dir eine Matratze unter dein Hochbett legen und wir dir eine Höhle bauen?”, schlug ich meiner Tochter direkt im Anschluss an das Telefonat mit dem Arzt vor.
„Au ja, Mama, das ist eine tolle Idee”, erwiderte sie mir, sodass ich gleich eine breite Matratze in ihr Zimmer verfrachtete und alles ganz gemütlich einrichtete, damit sie sich in ihrer Corona-Höhle richtig wohl fühlen könnte.
Seit dem liegt die kleine Patientin in ihrer neuen Kuschelecke und hört sich weiter geduldig durch die 135 Hörspiel-Folgen von Bibi Blocksberg. Den Machern gilt ein großes Dankeschön, denn Bibi ist Emmas große Stütze.

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