27.10.2020 Politischer Herbst

Von Annette Scholz

Plaza Cervantes, Alcalá de Henares, © Annette Scholz

Mit Einbruch des schlechten Wetters, laufe ich im Moment eher im ,Nachtmodus’ durch die Stadt, wie es Luis neulich nannte, als seine Brille durch die Feuchtigkeit und das Ausatmen unter der Maske völlig beschlagen war. Tatsächlich schützt das neue Modeaccessoire zwar die Mundpartie gegen Kälte, aber sehen lässt sich als Brillenträger nicht mehr wirklich viel, weder mit, noch ohne Sehhilfe. Zusätzlich erschwert wird dieser Effekt beim Eintreten in ein Lokal durch den Unterschied der Außen- und Innentemperaturen.

„Na, wie läuft es mit eurem Festival?”, fragte uns unser Kollege, der für sämtliche Freiluft-Events der Stadtverwaltung zuständig ist, als wir mit beschlagenen Brillen wie er für unseren Café con leche bei Sergio einfielen.
Limitado”, gab ich ihm zur Antwort, „wir tun so, als gäbe es in ein paar Wochen ein Festival ohne Filmemacher, nur für die Bürger der Stadt, obwohl alles so aussieht, als würde die Veranstaltung im letzten Moment doch noch abgeblasen und wir könnten unser Festival selbst von zu Hause streamen”.
„Wenn ich euch erzähle, was mich in den nächsten Monaten erwartet, dann glaubt ihr das nicht”, konterte er gewitzt, während Luis, unsere Praktikantin Gaby und ich die Ohren spitzten und Sergio hinter dem Tresen die Kaffeemaschine heiß laufen ließ.
„Ich soll die cabalgata de reyes – den traditionellen Umzug der Heiligen Drei Könige am 5. Januar organisieren”, sagte er nur kopfschüttelnd.
„Gibt es da auch eine limitierte Auflage wie beim Festival?”, fragte ich ihn, „vielleicht nur mit einem König?”
„Dazu könnt sie ja den Emeritierten einspannen, der reitet dann auf einem Kamel durch die Stadt”, ergänzte Luis meine Idee.

Wir malten uns weiterhin aus, wie die traditionelle Parade mit COVID19-Maßnahmen wohl aussehen werde. Um sich an die Sicherheitsvorgaben zu halten, sollte die Veranstaltung wohl eher virtuell stattfinden, kamen wir zu dem Schluss, und ohne den üblichen Bonbon-Wurf, der den Kindern so viel Freude macht. COVID-Bonbons stehen im Moment nicht besonders hoch im Kurs und Massenandrang sowieso nicht. Obwohl Alcalá de Henares im örtlichen Käseblättchen damit wirbt, dass sie die ,beste’ Stadt in Corona-Fällen sei und damit stolz verkündet laut dem jüngsten epidemiologischen COVID19-Bericht die Gemeinde in der Region Madrid mit mehr als 50.000 Einwohnern mit dem niedrigsten Corona-Quotienten in den letzten 14 Tagen zu sein – ganz im Gegensatz zur Nachbargemeinde Torrejón de Ardoz. – Ist das ein Grund stolz zu sein?
Zumindest macht es uns im Büro Hoffnung, dass wir den derzeit doch sehr intensiven Aufwand für das anstehende Filmfestival nicht ganz umsonst betreiben und die Alcalaínos hoffentlich trotz Corona davon profitieren können.

Kaum war das Ende des Alarmzustandes in Madrid abzusehen, fing das politische Hickhack wieder an, wer die nächsten Maßnahmen treffen sollte. Wie diese aussehen, scheint nebensächlich, nur wer dafür verantwortlich gemacht werden kann, ist in erster Linie von Bedeutung.

Ganz Europa wird momentan von der zweiten Corona-Welle erfasst, in Deutschland werden restriktive Maßnahmen ergriffen, Tschechien ist abgeriegelt und im Nachbarland Frankreich wurde letzte Woche zur Eindämmung des Virus zunächst in den großen Städten eine Ausgangssperre ab 21 Uhr verhängt. Auch in Spanien sollen die nächtlichen Aktivitäten dezimiert werden. Der große Unterschied ist, dass bei den europäischen Nachbarn schon Maßnahmen in Kraft treten, wenn ein Quotient von 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner festgestellt wird. Hier hingegen wird erst bei 500 Infizierten pro 100.000 Einwohnern etwas getan. Eine Ausgangssperre ab 21 Uhr ist für Spanien auch unpassend, da um diese Uhrzeit noch keiner zu Abend gegessen hat.

Bei dem Ausdruck toque de queda schwingt hier auch sehr der Gedanke an Krieg und lateinamerikanische Diktaturen mit, weswegen er aus rhetorischen Gründen weitestgehend vermieden wird. Stattdessen ist in Madrid nun ein Verbot sozialer Versammlungen von 0 Uhr bis 6 Uhr verhängt worden. Während die Regierung der nördlichen Region Navarra mittlerweile selbst entschieden hat, die Grenzen der Region dicht zu machen, beharrt Madrids Präsidentin Díaz Ayuso in diesem Kontext hingegen immer noch auf der Abriegelung von einzelnen Stadtvierteln beziehungsweise Gesundheitsbezirken, statt weitläufigere Maßnahmen zu treffen.

Seit Samstag, den 24. Oktober müssen wir hier in Spanien also alle wie Aschenputtel um Mitternacht zu Hause sein. Nicht dass diese Maßnahme eine Veränderung von Emmas und meinen Lebensgewohnheiten bedeuten würde, aber ich frage mich, ob ich es mal darauf ankommen lassen sollte, um zu sehen, ob ich mich eventuell in einen Kürbis verwandele, wenn ich um 0:01 Uhr noch auf der Straße stehe. Der Zauber endet um Mitternacht, Bars schließen und die Party muss zu Hause stattfinden, bis morgens um 6 Uhr, damit man ganz legal wieder nach Hause gehen kann.

„Ich verspreche dir, ich gehe nie wieder mit so vielen Leuten einen trinken” sagte der achtzehnjährige Pedro aus Madrid gegenüber der Zeitung ABC, der wegen eines positiven COVID19-Test in Quarantäne musste. Am Samstag, dem 10. Oktober, an dem der zweite Alarmzustand in der Hauptstadt in Kraft trat, nutzte er die Gelegenheit, dass ein Kumpel sturmfreie Bude hatte, um mit knapp zwanzig Freunden in einem kleinen Raum von 22:30 Uhr bis 5 Uhr morgens, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen – weder Masken, noch Abstand, noch Belüftung ein Sit In auf engem Raum zu veranstalten. Alkohol gab es wohl in Hülle und Fülle und eine kurze Illusion dessen, was die Volljährigkeit vor der Pandemie bedeutete. Der Unterschied ist, dass heute sieben der 18 Freunde corona-infiziert sind, auch Pedro. Seine Eltern haben keine Ahnung, wie oder wo er sich angesteckt hat, genauso wenig, wie die seiner Klassenkameraden.

Das sind nicht die einzigen Fälle in Spanien. Obwohl das Gesundheitsministerium keine Daten darüber veröffentlicht, wie viele Infektionen durch ein aktives Nachtleben verschuldet sind, ist bekannt, dass in der letzten Zeit nach wie vor im sozialen Bereich die meisten Ansteckungen stattfinden. Konkret machen sie 29,8% der Ausbrüche und 26,9% aller registrierten Fälle aus. Und allein in Familien- und Freundeskreisen wurden in dieser Woche 338 Ausbrüche mit 2.060 Infizierten festgestellt, gegenüber 193 Ausbrüchen und 1.263 Fällen vor nur einer Woche. Deshalb sagte der Leiter des Notstandszentrums Fernando Simon: „Eine Einschränkung der nächtlichen Mobilität könnte die Kontrolle der Übertragung erheblich erleichtern, da die gravierendsten Ausbrüche in diesem Moment stattfinden“.

In ganz Europa steigen die Fälle und hier werden die Menschen aufgefordert, nachts nicht mehr aus dem Haus zu gehen. „Ist das nicht ein bisschen wenig, um die jetzige Situation unter Kontrolle zu bringen?”, frage ich mich.
Nach den Statistiken, die der Wissenschaftler Andreas Burkert auf seiner Website veröffentlicht, ist Spanien in zwei Wochen das von Corona weltweit am schlimmsten betroffene Land, vor den USA, Indien und Südamerika. Nur in Israel gehen die Zahlen weiterhin nach unten, da sie dort schon seit Mitte September wieder im Lockdown sind. 

Hier in Spanien haben die Politiker aber offensichtlich noch größere Sorgen, als ihre Bürger vor einer Pandemie zu schützen, denn Pedro Sánchez’ Regierung musste sich in der letzten Wochen stundenlangen Vorwürfen aus dem rechtsradikalen Lager aussetzen. Santiago Abascal, der Vorsitzende der Vox-Partei, brachte sein Misstrauensvotum gegenüber der PSOE ins Parlament, aber verließ den Kongress nach einer großen Niederlage, da er schließlich nur auf die Unterstützung der 52 Abgeordneten seiner Partei zählen konnte, die gegen die restlichen 298 nicht viel ausrichten konnten. Viele Stunden parlamentarischer Debatten wurden genutzt, um die Position von Vox als eine rechtsextreme Partei sichtbar zu machen, die sich von der PP unterscheidet und so die einzige ist, die sich der „sozial-kommunistischen Regierung, die Vereinbarungen mit Unabhängigkeitskämpfern und Pro-Unabhängigkeitskämpfern trifft“, entgegenstellt.

Der Wendepunkt in der Debatte kam, als sich der PP Oppositionsführer Casado mit einer sehr harten Rede gegen die rechtsextreme Partei stellte. Der Vorsitzende der PP, gefangen zwischen dem Radikalismus Abascals und den Strategien der Regierung, konzentrierte sich in seinem Diskurs auf den politischen und persönlichen Bruch mit Vox. „Wir wollen nicht so sein wie Sie“, sagte er in seiner Rede und positionierte sich und seine Partei wieder näher der zentralen Politik der PSOE, statt der rechten Extreme.
Tatsächlich ging Pedro Sánchez gestärkt aus dem langatmigen Schlagabtausch zwischen den Oppositionsparteien hervor, und es wirkt derzeit, als würde er nicht mehr von allen Seiten aufgrund seiner Entscheidungen angegriffen.

Wegen der Verschärfung der Corona-Situation haben sogar die zehn autonomen Gemeinschaften Asturien, Extremadura, La Rioja, Navarra, Castilla-La Mancha, Kantabrien, Baskenland, Katalonien, Valencia, Balearen und die Stadt Melilla, von der jedoch keine von der PP regiert wird, um die Einführung des Alarmzustands gebeten, um eine einheitliche Antwort auf die Eskalation der COVID19-Fälle zu geben und die nächtliche  Ausgangssperre rechtlich abzusichern. Bis Anfang Mai 2021 soll der Alarmzustand verlängert werden, Reisen von einer Region in die andere werden verboten, während die Ausgangssperre je nach Region von 22 Uhr, 23 Uhr oder 0 Uhr bis 6 Uhr festgelegt ist. –  In Madrid halten wir es lieber mit Aschenputtel, um 0 Uhr ist Schicht! 

Somit wird wieder von oben vorgegeben, welches die nächsten Corona-Schritte in Spanien sind, während die Regionalregierungen die konkrete Umsetzung in ihrer Region jeweils selbst bestimmen. Vielleicht gibt es auf diese Weise eine positivere Entwicklung, schön wäre es ja. Wie der Leiter des hiesigen Goethe Instituts Reinhard Maiworm in seinem Interview gegenüber dem Tagesspiegel signalisierte, mag eine bessere Akzeptanz der Vorgaben von oben daran liegen, dass die Spanier aufgrund ihrer jüngeren Geschichte autoritätshöriger sind. In Spanien gab es keine Aufarbeitung der Diktatur, das Franco-Regime hat seine Nachfolge weitestgehend selbst organisiert. Es gibt in der Gesellschaft keinen Konsens darüber, dass das ein verbrecherisches Regime war. Autoritäre Strukturen werden daher in anderem Maße hinterfragt.

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