20.10.2020 Einstellungssache

Von Annette Scholz

Teatro Salón Cervantes Alcalá de Henares, © Luis González

„Es ärgert mich, dass unsere Praktikantin offensichtlich das Gefühl hat, unser Team sei nicht organisiert und improvisiere, statt zielstrebig zu arbeiten”, beklagte sich neulich mein Kollege, der für die Festivalberichterstattung auf den sozialen Netzwerken zuständig ist, „dabei machen wir mit wenigen Leuten und einem sehr begrenzten Budget ein bedeutendes Festival, das viel größer ist, als man bei diesen Voraussetzungen erwarten könnte”.
„Mach dir nichts daraus!”, versuchte ich ihn bei unserem langen Telefonat zu beruhigen, „dieses Jahr ist alles anders. Wir werden auch keine Filmemacher einladen können, da sonst schon auf der Bühne zur Filmpräsentation mehr als sechs Leute stehen”. 

Bedingt durch die Corona-Umstände arbeiten zwei der Praktikanten von zu Hause aus, wodurch ihnen der Einblick in das Gesamtkonstrukt des Festivals fehlt. Um sie an den dringenden Entscheidungen teilhaben zu lassen, bedürfte es einer täglichen Online-Sitzung, für die im Team im Moment die Zeit knapp ist, wenn wir, wie erst vor Kurzem beschlossen, am 6. November die Festivalvorführungen im Kino starten möchten. Filme müssen ausgewählt und bestellt werden, der Katalog ist in Arbeit, eine Ausstellung wird vorbereitet und die Presse ist auch schon informiert. 
Die Festivalmaschinerie ist in vollem Gange und das, obwohl wir nicht wissen, ob in drei Wochen nicht wieder neue Corona-Maßnahmen in Kraft treten, wegen derer wir eventuell die ganze Veranstaltung doch auf die virtuelle Variante reduzieren müssen.

„Mein Problem ist ihre Einstellung”, gab mir unser Community Manager noch zu denken, „sie ist gegen alles, nichts ist einfach, man muss immer energieaufwendige Diskussionen mit ihr führen, um sie zu überzeugen, dass sie ihre Arbeit macht. So etwas hatten wir in all den Jahren noch nicht”.
„Das habe ich auch schon festgestellt”, bestätigte ich ihm während wir beide von zu Hause noch die nächsten Arbeiten absteckten, die für ein Gelingen des Festivals zu erledigen sind, „sie stellt jeden unserer Schritte in Frage, ohne irgendwelche Erfahrungen in diesem Bereich mitzubringen. Dafür habe ich im Moment keine Kraft. Diese Destruktivität bringt mir nichts. Es tut mir leid für sie, da sie durch diese Einstellung immer weiter außen vor bleibt und weniger von ihrem Praktikum mitnimmt, als sie könnte”.
„Wenn man lernen möchte, wie ein Kulturbetrieb funktioniert, muss man sich anpassen können und offen für gegebene Strukturen sein und nicht verlangen, dass alle nach Maß geschneidert wird”, schloss der Spezialist der sozialen Netzwerke die Unterhaltung ab, wobei er weiterhin unzufrieden mit dem Resultat war, dass unserer Kollegin en prácticas trotz seiner ausführlichen Erklärungen ein vermeintlich falscher Eindruck unserer Arbeit blieb.

Auch für Emma ist dieses Jahr meine arbeitsintensive Phase kurz vor dem Start des Festivals etwas anders. Der Hort ist weiterhin geschlossen, wo sie sich sonst vergnügte, wenn Mama im Büro rotierte. Daher muss sie sich jetzt zu Hause viel selbst beschäftigen, wenn ihre Mutter nach dem Mittagessen nochmal ins home office geht – unzählige Bibi Blocksberg Hörspiel-Folgen halten uns beide dabei bei Laune. Emma ist schon seit vielen Jahren mit mir für die Filmauswahl für das Kinderprogramm bei ALCINE verantwortlich. Dieses Jahr ist sie etwas pikiert, da ihr die Aufgabe durch ein fertig zusammengestelltes Animationsprogramm vom Festival in Annecy abgenommen wurde. Statt sich aber zu beschweren, ist sie kreativ geworden und malte neulich ihr eigenes imaginäres Kinoprogramm. Drei Filme laufen in Emmas Begur-Kino, zu dem sie sich offensichtlich in einem Festival auf Mallorca inspiriert hat: „Winnetou 2”, „Trolls” und „Mi vida”. Um das Programm zu gestalten, hat sie Apatschen-Trachten nachempfunden, die Trolls mit ihren Haaren an den Bäumen aufgehängt und Brigitte Bardot in jungen Jahren über den Strand laufen lassen. Das Allerwichtigste dabei ist jedoch, dass das Kino nach ihren Angaben ein COVID19 sicherer Ort ist.

Letzte Woche, nach einem ständigen Hin und Her, das eher einer Soap Opera glich und bei den Bürgern nur Verwirrung hervorrief, verhängte die Zentralregierung in Madrid den Alarmzustand, weil sie die drei Bedingungen erfüllte, die das Gesundheitsministerium für die Ergreifung von Sondermaßnahmen festgelegt hatte: Sie hatte einen Quotienten von über 500 Infektionen pro 100.000 Einwohner, der Prozentsatz der Positivität lag bei über 10% und die Zahl der von Covid-Patienten belegten Intensivbetten betrug über 35%.

Kaum waren die Maßnahmen beschlossene Sache, begann die Regionalregierung wieder mit ihrer destruktiven Hetzkampagne: „Sánchez hat die Madrilenen als Geiseln genommen”. Die Zentralregierung raube den Madrider Bürgern ihre Freiheit und das, obwohl angeblich der Quotient der Corona-Fälle innerhalb von fünf Tagen wieder auf 489,15 pro 100.000 Einwohner gesunken sei. 
Weniger Tests bringen weniger positive Ergebnisse, denke ich mir nur und schließe mich den deutschen Pressestimmen an, die sich weitestgehend einig sind, dass bei den Rechten der Sturz von Sánchez’ Linksregierung Vorrang vor dem Kampf gegen COVID19 hat.

„Covid ist wie ein Katalysator, der die politische Verfasstheit des Landes sichtbar macht. Es gibt in Spanien gerade zwei Epidemien: eine medizinische und eine politische. Seit dem vergangenen Jahr stellt die Partido Popular (PP), die Nachfolgepartei der Falangisten, die Regionalregierung und die Kommunalregierung in Madrid. Sie versuchen alles, um den Premierminister Sánchez vorzuführen”, erklärte der Leiter des hiesigen Goethe-Instituts Reinhard Maiworm gegenüber dem Tagesspiegel.
Seit Juni, liegt die Verantwortung bei den Ländern, die Situation unter Kontrolle zu behalten. Aber in Madrid wird zu wenig getestet, die Kliniken sind voll und es werden wieder Notquartiere für Lazarette gesucht, die aber nicht mit neuem Personal versorgt werden sollen, sondern mit Ärzten, die von den regulären Krankenhäusern abgezogen werden. Zum Vergleich dazu muss man nur nach Portugal blicken, wo die Maßnahmen greifen. Dort arbeiten die Konservativen und die Sozialisten lösungsorientiert zusammen.
„In Spanien wird alles politisiert, das haben wir schon in der Unabhängigkeitsdebatte erlebt. Es geht immer darum, den politischen Gegner vorzuführen, nicht um Lösungen”, kommentierte Maiworm weiter. Als Schlachtfeld dienen die Medien, um die scheinbar konstant andauernde Wahlkampagne auszutragen.

New York und Madrid befanden sich im Juni unter ähnlichen Bedingungen: Nachdem sie von COVID19 schwer getroffen waren, hatten sie die Pandemie unter Kontrolle. Seitdem hat sich die Zahl der Fälle in der spanischen Gemeinschaft auf 772 pro 100.000 Einwohner vervielfacht, während New York mit 28 Infektionen pro 100.000 Einwohner die Situation unter Kontrolle hält. Unterschiede sowohl in der Anzahl der Tracker, in der Unterstützung der Krankenhäuser, als auch in der umsichtigen und effektiven Wiedereröffnung von Geschäften und der Anzahl der Tests erklären die verschiedenen Entwicklungen.
Díaz Ayuso, von der Volkspartei PP – der konservativen Partei, welche die Region Madrid seit 25 Jahren regiert – hat in diesen Monaten für die Schulen zusätzliche Lehrer und zusätzliches Gesundheitspersonal versprochen, die bis heute nicht eingetroffen sind. Die Empfehlungen der Experten wurden dem politischen Opportunismus untergeordnet, Maßnahmen verspätet ergriffen, und die Schuld wird auf die Zentralregierung abgewälzt, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen.

Die politische Debatte ist nicht nur für die amtierenden Politiker zermürbend, sondern auch für die Madrider Bürger. Ich habe diese destruktiven Hetzereien satt und wünschte mir zumindest auf der Ebene derjenigen, die die für uns maßgeblichen Entscheidungen treffen, Einigkeit oder einen durch gesunden Menschenverstand geprägten konstruktiven Konsens.

„Egal wo man hinschaut: Katalonien, Irland und die Niederlande gehen in Teil-Lockdown, Israel macht erst gar nicht mehr auf, und in Deutschland ist auch schon die Rede davon, über Weihnachten dicht zu machen….und alle haben mal gerade die Hälfte der Zahlen von Madrid”, beobachtete Anjas Vater Alexander. 

In Katalonien sind Bars und Restaurants nun bis Ende Oktober erstmal geschlossen, was Díaz Ayuso wieder mit einer ihrer berühmten, auf Twitter ironisierten „Perlen” kommentierte:
„Wenn man die Restaurants zu sehr unter Druck setzt und Tausenden von Familien das Geschäft schließt, dann verlegt man die Pandemie nach Hause. Die Bürger, die im öffentlichen Raum nicht mehr rauchen dürfen und die Regeln nicht verstehen, bleiben am Ende zu Hause und das ist viel schlimmer“. 

„Würde Díaz Ayuso nicht über 6,5 Millionen Madrilenen regieren, könnte sie mit Stand up Comedy Geld verdienen”, heißt es in der Zeitung Público, die Ayusos Patzer unter dem Hashtag #Tremending kommentiert. „Sie lebt weiterhin in einem Paralleluniversum, in dem alles das Gegenteil dessen ist, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse Tag für Tag zeigen. Oder zumindest lässt sich das aus ihren Aussagen schließen”.

13.10.2020 Zirkus

Von Annette Scholz

Madrid am 12. Oktober, © Annette Scholz

„Vor zwei Wochen lief mein Vertrag in der Musikschule aus, seitdem bin ich arbeitslos”, sagte mir eine Freundin, die ich schon seit Monaten nicht gesehen hatte, als ich sie zufällig auf dem großen Platz vor dem Reina Sofia Museum traf. Ab 17h spielen dort täglich wieder in Scharen die Kinder, wenn sie aus der Schule kommen. Wie gewöhnlich fahren die Kleinen auf der breiten Betonfläche Rollschuh, schießen mit dem Fußball auf imaginäre Tore oder springen mit dem Hüpfseil, während die Eltern sich am Rande der Spielfläche in einen Plausch über die aktuelle Situation verwickeln. Der Unterschied zu vorher: alle tragen Maske und keiner umarmt oder küsst sich.

„Meiner Familie in Brasilien geht es gut. Die Situation dort ist zwar der Wahnsinn, aber persönlich haben wir noch keinen weiteren Schaden davongetragen”, sagte sie mir etwas verhärmt „Wie geht es dir mit dieser Situation?”
„Eigentlich ist alles ok soweit”, gab ich ihr zur Antwort, „langsam würde ich nur wirklich gerne mal wieder nach Deutschland reisen. Ich denke, meinen Eltern würde ein Besuch auch gut tun.”
„Ich bin schon daran gewöhnt, dass ich meine Familie lange Zeit nicht sehe, von daher geht es, aber die Situation zu viert zu Hause ist wirklich nicht einfach”, erklärte sie mir, „glücklicherweise kann mein Mann seinen Unterricht weiter online von zu Hause geben, aber die ganze Zeit gemeinsam auf engem Raum ist auf Dauer auch nicht gut. Mich bedrückt, dass ich keine Arbeit mehr habe und im Moment wird es sehr schwer, eine neue zu finden.”
„Ich musste gerade wieder vier Kellner nach Hause schicken, um das Restaurant am Laufen zu halten”, schaltete sich Emmas Vater ein, der auch mit in der Runde stand, „endlich kamen wieder Gäste, da treten die neuen Maßnahmen in Kraft und nicht nur, dass sie uns das Geschäft am Abend kaputt machen, weil wir jetzt um 23 Uhr schließen müssen, die Madrilenen haben sich offensichtlich so sehr erschreckt, dass gar niemand mehr kommen mag.”
„Es ist wirklich nicht leicht”, erwiderte meine Freundin niedergeschlagen, die sich früher, als wir noch mehr Kontakt hatten, durch ihren unbeschwerten und fröhlichen Charakter auszeichnete.

Die momentane Stimmung in Madrid wird überraschenderweise nicht hauptsächlich durch die Fallzahlen und den Kampf gegen den Coronavirus gedämpft, sondern durch die Unsicherheit, die das politische Gerangel bei den Bürgern auslöst. Das Thema COVID19 ist auch in den Medien in den Hintergrund geraten, der politische Schlagabtausch der beiden sich entgegenstehenden Spanien bestimmt nun die Titelseiten. Díaz Ayuso kreierte Ghettos, Sánchez löste die Ghettos wieder auf und riegelte die gesamten Städte ab, der Gerichtshof beschloss, dass es keine legale Grundlage für diese Maßnahme gibt. Somit war alles wieder wie vorher, ohne irgendwelche Einschränkungen.

„Oh Mann, wenn es nicht um Menschenleben ginge, dann könnte man lachen. Aber was hier gerade passiert, ist eigentlich überhaupt nicht lustig”, schrieb mir Alexander neulich, „weder die eine noch die andere Regelung macht Sinn. Wo sind denn die rastreadores, das Personal, um COVID19-Fälle nachzuverfolgen? Und wann kommt mehr Krankenhauspersonal? Es macht zwar Sinn, das Partyleben zu verbieten und Familienfeiern zu unterbinden, aber die Politiker rangeln doch nur um ,ich habe recht; nein, ich habe recht; nein! doch! nein! doch!’”

Tatsächlich wirkt alles wie ein Ablenkungsmanöver, um das eigentliche Problem nicht anzugehen. Madrid und mehrere andere große Städte in der Region mit einem Quotienten von 500 COVID19-Fällen pro 100.000 Einwohner waren auf Anweisung der Nationalregierung fünf Tage abgeriegelt, wovon ich persönlich überhaupt nichts gespürt habe – meinen salvoconducto musste ich nicht einmal zeigen.
In diesen fünf Tagen begann das Jonglieren mit den Fallzahlen, mit unterschiedlichen Angaben der verschiedenen Regierungen. Díaz Ayuso, die Pedro Sánchez um Hilfe gebeten hatte, um Madrid unter Kontrolle zu bringen, verurteilte seine Entscheidungen und schien die Madrider COVID19-Fallzahlen diesbezüglich zu manipulieren, dass der Quotient nur noch knapp über dem Grenzwert der 500 lag. Die obligatorische Testung der Angehörigen von Corona-Positiven wurde eingestellt, womit effektiv weniger Tests gemacht und auch weniger Infizierte erkannt wurden.

„Sollte man nicht immer dieselben Kriterien für Statistiken anlegen?”, kommentierte ich gegenüber Luis dieses Verfahren, wobei ich auf diesem Gebiet wirklich kein Spezialist bin.
„Die Parteien wollen ihre Interessen mit alle Mitteln durchsetzen”, erklärte mir Luis im Büro, „Spanien bricht in jeder Krise zusammen, weil sich die Wirtschaft der Landes nur auf Dienstleistungen und Tourismus stützt. Jetzt legt die aktuelle Regierung endlich einen konstruktiven Entwicklungsplan mit Investitionsvorhaben in Alternativenergien vor, da wird von der Opposition der Korruptionsfall des Vizepräsidenten Iglesias hochgespielt. Das eigentliche Thema, das konstruktiv diskutiert werden sollte, steht nie im Vordergrund”.

Die Entscheidung des Gerichtshofs kam rechtzeitig zum langen Wochenende, denn am Montag, den 12. Oktober ist der día de la hispanidad, der Tag des Spanientums und es kam die Hoffnung auf, dass dieser Brückentag von den Madrilenen doch noch genutzt werden könnte, um schnell noch einmal aus dem hiesigen Krisengebiet auszubrechen. Tatsächlich wurden sofort nach der kurzzeitigen ,Befreiung’ unzählige Reiseplattformen im Internet in Anspruch genommen, um Kurztrips zu buchen.
Dabei ist Madrid doch schon geschmückt, um den Spanientag zu feiern. Unzählige Werbeplanen, die den Paso de Castellano durch die ganze Stadt säumen, verbinden einen simplen blauen – die Farbe der hier regierenden PP – Schriftzug auf weißem Hintergrund, der auf den 12. Oktober aufmerksam macht, mit einem vergrößerten Auszug des Wappens, das die Spanienflagge schmückt. Besonders in den Vordergrund gehoben, wird dabei die königliche Krone, welche die Monarchie symbolisiert.
Es ist unmöglich diese Plakate zu übersehen und ich frage mich bei ihrem Anblick nur, ob an diesem Feiertag trotz der Situation wieder Geld für Militärparaden und Flugschaus ausgegeben wird und ob es tatsächlich ethisch ist, auch einem ehemaligen König Tribut zu zollen, der wegen Korruptionsverfahren aus dem Land geflüchtet ist und in Saudi-Arabien Luxus-Asyl genießt.

Als ich mit Emma bei unserem Stammfriseur in Montecarmelo saß, kam Rafa, der gutaussehende Chef herein und unterbrach die Gespräche über Salatrezepte und Mikrowellenkochen, die seine Angestellten mit den Kundinnen führten, und richtete sich mit einem frohlockenden: „Du kannst jetzt nicht mehr aus Alcobendas raus – dem nächstgelegenen Ort” an eine seiner Mitarbeiterinnen. Er verwickelte sein Hairteam – wie auch sein Laden vielversprechend heißt – in ein humorvolles Lästern über die aktuelle Politik.

„Es gibt in Spanien doch sicher fähige Leute, um diese Krise zu bewältigen. Es muss doch Sachverständige in Epidemiologie, Gesundheit und Wirtschaft geben”, behauptete er lautstark mit einem ironischen Unterton. „Wie viele braucht man dafür? Zwanzig? Dann brauchen wir zwanzig neue, um die zu ersetzen, die jetzt dieses Chaos veranstalten.”
„Der König ist doch gut ausgebildet”, wendete eine seiner Friseurinnen ein, „wieso kann der denn nichts machen?”
„Was soll der König denn jetzt da machen?”, fragte ich mich, „ist der denn nach den letzten Vorfällen noch vertrauenswürdig? Vor allem möchten sie in Katalonien noch nicht einmal, dass er weiterhin bei den offiziellen Akten erscheint.”
„Der König hat doch nur noch repräsentative Aufgaben”, erklärte Rafa, „der kann ohne die Erlaubnis der Regierung doch gar nichts mehr ausrichten.”

Sánchez machte diesmal kurzen Prozess und verhängte kaum 24 Stunden nach der Entscheidung des Gerichtshofs den Alarmzustand in Madrid, um die zuvor getroffenen Maßnahmen, ohne die Absegnung der Legislative unmittelbar durchzusetzen. Einmal mehr wurde er zum politischen Buhmann, der die Madrider Gesellschaft, als Geiseln nimmt, wie Díaz Ayuso sich schon im März beschwert hatte – Gesundheitsgeiseln.

Als Folge war am Freitagnachmittag, wohl wegen der Polizeikontrollen, die die Madrilenen von der Abreise in das verlängerte Wochenende abhalten sollten, ein kilometerlanger Stau auf einer der Autobahnen zu sehen, die in die Madrider Berge führt. Díaz Ayuso hatte die Einwohner der Hauptstadt freundlich aufgefordert, die Metropole wegen der gesundheitlichen Situation nicht zu verlassen. Trotz allem, waren von RENFE, der hiesigen Bahn, über 40.000 Fahrkarten mit An- oder Abfahrtsziel Madrid für die Puente del Pilar verkauft worden. Der Großteil wurde nun annulliert.

06.10.2020 Abgeschirmt

Von Annette Scholz

Montecarmelo, Madrid, © Annette Scholz

3:46 Uhr und ich lag hellwach in meinem Bett. Eine unpassende Zeit um aufzuwachen, noch knapp drei Stunden bis der Wecker klingelt und alles ist dunkel. Leider schlafe ich im Moment fast keine Nacht durch, ganz im Gegensatz zur Zeit während des Lockdowns. Wenn ich mich dann so im Bett herumwälze, begleiten mich die trübsten Gedanken. Auf einmal ist Corona viel präsenter, als ich das gerne hätte, ich vermisse die mir lieben Menschen in Deutschland, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe und auch Emma, die ruhig in ihrem Bett schläft oder bei Papa ist. 

Während dieser schlaflosen Nächten wird jedes kleinste Ziepen zu einer tödlichen Krankheit. Ich sehe mich am Krückstock, im Rollstuhl oder gelähmt auf einer Bahre, wenn die Gelenke etwas schmerzen. Vor allem an der rechten Hand habe ich im Moment eine Art Muskelkater, der nicht mehr weggeht. Wahrscheinlich ist es das Alter und ich muss mich langsam mit dieser Art von Wehwehchen abfinden und mit ihnen leben lernen. 
Einerseits ist das ein Ansporn, die Zeit zu nutzen, um all die Dinge zu genießen, die ich in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr machen kann. Andererseits ist es ein Hinweis darauf, dass die erste Halbzeit schon vorbei ist – obwohl ich mich, wenn ich mir meine Oma mit 103 so anschaue, vielleicht auf eine noch längere zweite Lebenshälfte einstellen könnte.

Als es nun endlich Zeit zum Aufstehen war, beschloss ich, mir einmal mehr einen Arzttermin geben zu lassen, damit mir meine Hausärztin vielleicht doch etwas verschreibt, damit der Muskelkater in der Hand wieder weg geht – für einen richtigen Muskelkater sollte man doch wenigstens Sport getrieben haben.
Normalerweise kann man sich hier über eine Terminapp bei seinem zuständigen Arzt einen Sieben-Minuten-Zeitslot aussuchen, um sich untersuchen zu lassen. Vor Corona gab es in der Regel eine große Auswahl freier Termine direkt für den nächsten Tag oder zumindest in der anstehenden Woche. Jetzt läuft das Terminsystem nicht mehr im Sieben-Minuten-Takt und die Ärzte bieten weniger Präsenztermine an. 

„Möchten Sie einen Telefon- oder Präsenztermin?”, fragte mich die App.
„Ich möchte, dass Alicia – so heißt meine Hausärztin – sich meine rechte Hand ansieht”, antwortete ich im Stillen, gerade so, als würde ich einen Termin bei einer Wahrsagerin ausmachen wollen.

Präsenztermine konnte ich nach meiner Auswahl bis November nicht finden. Diese Tatsache finde ich äußerst beunruhigend. Nicht, weil die Hand so sehr weh tun würde, sondern der Gedanke beängstigend ist, dass es auch im Falle jeder anderen Krankheit keine ärztliche Versorgung beim Hausarzt mehr gibt. Das bedeutet, dass ich in einem Ernstfall direkt die Notaufnahme im Krankenhaus aufsuchen müsste, die ich bei dem aktuellen Corona-Panorama hier in Madrid doch lieber vermeiden würde.
Auch einen Telefontermin kann ich bis in zehnTagen nicht bekommen. Trübe Aussichten für meinen Muskelkater.

Außer der unterschwelligen Besorgnis ändert sich in unserem Leben im Moment nicht wirklich viel und das, obwohl seit Freitag, den 2. Oktober in der ganzen Madrider Provinz für alle Gemeinden mit über 100.000 Einwohnern und mehr als 500 Corona-Fällen pro 100.000 Einwohner wieder starke Einschränkungen gelten.

„Ich habe die Koffer schon gepackt”, sagte mir noch am Donnerstag davor eine Kollegin bei unserer letzten Konferenz über die Internet-Plattform Jitsi, „ich habe lange überlegt, mich aber doch entschieden nach Soria zu meiner Mutter zu fahren, da ich an der Uni sowieso Online-Unterricht gebe”.
„Wenn Emma wieder Online-Schule hätte und das Festival doch ganz ins Wasser fiele, würde ich sofort vorübergehend nach Deutschland ziehen”, gab ich ihr zur Antwort.

Manchmal wünsche ich mir das fast, nicht weil ich mich im Moment besonders eingeschränkt fühlen würde, sondern weil ich kein Vertrauen mehr habe, dass die Situation hier unter Kontrolle gebracht wird und ein eventuell nötiger Arztbesuch verheerend sein könnte. Vor die Haustür dürfen wir ja noch und es steht uns auch bis auf Weiteres wieder frei, uns ohne Ghettos mit Zugangsbeschränkungen, in der Stadt zu bewegen. Auch zum Arbeiten darf oder muss ich noch nach Alcalá fahren, dann dafür habe ich einen einen salvoconducto einen „Passierschein“, der mir erlaubt, Madrid zu verlassen und Alcalá zu betreten. „Wäre es nicht sinnvoller, wieder ins home office zu gehen?”, frage ich mich in diesem Zusammenhang. Weiterhin rätsele ich noch, ob das Einkaufen beim deutschen Supermarkt diese Erlaubnis miteinschließt. LIDL liegt auf dem Weg zwischen den beiden Städten und meine Tochter und mich mit Essen zu versorgen, ist schließlich auch eine meiner Pflichten.

Am Wochenende haben wir die beiden Familien noch einmal getroffen, die seit dem Beginn der Corona-Krise weitestgehend unsere einzigen persönlichen sozialen Kontakte darstellen, mit denen wir uns auch ohne Maske auf engerem Raum zusammen finden. Wir hatten Bedenken, dass wir uns nach dem Inkrafttreten der neuen Maßnahmen, von einem Stadtviertel ins andere nicht mehr besuchen dürften. Glücklicherweise sind wir von dieser weiteren sozialen Isolation bis jetzt verschont geblieben. Und auch die neue maximale Personenanzahl von sechs für ein Treffen überschreiten wir in keinem der beiden Fälle.

„Corona macht mir alles kaputt”, jammerte neulich Mateo, der kleine Bruder von Emmas bester Freundin, als sie gemeinsam durch Montecarmelo zu uns nach Hause liefen, „wegen diesem blöden Virus habe ich keine Einschulungsfeier gehabt, kommt keiner zu meinem Geburtstag, ich darf niemandem anfassen und ich weiß noch nicht einmal, wie meine Klassenkameraden richtig aussehen, weil wir immer mit den Masken rumlaufen”.
Er war ganz aufgelöst und schrecklich wütend über die Situation, und uns Müttern fielen nur wenige Argumente ein, um ihn zu trösten.
„Es ist einfach Mist”, sagte mir Isabell, als wir das Mittagessen vorbereiteten, „ich würde ihm so gerne helfen, weiß aber nicht wirklich wie, denn er hat ja recht”.
„Emma musste gerade gestern auch schrecklich weinen”, versuchte ich mich mit ihr zu solidarisieren, “sie vermisst Herrn Besch und die alte Klasse ab und an doch sehr”.
„Manchmal denke ich auch, dass es in Deutschland für uns alle leichter wäre”, gab Isabell noch zu denken, wobei sie mir aus der Seele sprach.

Wenn ich die aktuellen Schlagzeilen lese, werde ich leicht aggressiv: „Almeida culpa a Sánchez que Díaz Ayuso haya levantado restricciones” – Der Madrider Bürgermeister Almeida beschuldigt den Präsidenten Sánchez, dass die regionale Regierung von Díaz Ayuso die Restriktionen (in den Ghettos) wieder aufgehoben hat. Und nicht nur das, auf einmal diffamiert die regionale Regierung auch noch das Eingreifen der Zentralregierung, das die Abriegelung Madrids bewirkt hat, da das Chaos nur vorgetäuscht worden sei und die Pandemie in der Madrider Region angeblich völlig unter Kontrolle war. Habe ich mir die fehlende ärztliche Versorgung also nur eingebildet?

Im Moment fühle ich mich ein bisschen wie in dem Film The True Man Show (1998), weniger, weil Menschen am Bildschirm mein Leben verfolgen, sondern weil Emmas und meine physische Welt bis auf Weiteres an den Stadtgrenzen endet, so wie Jim Carrey im Film an die Grenzen seines Filmplateaus mit immer blauem Himmel stieß und feststellen musste, dass sie aus Holz waren. Wir sitzen in der Madrider Stadtblase fest und ich frage mich, ob es nun bei Ein- und Ausfahrt eine Polizeikontrolle geben wird. Vielleicht sollte ich vorsorglich mal meinen Reisepass einstecken, wenn ich zum Arbeiten fahre.
Es kommen mir immer wieder Filmbilder von mittelalterlichen Stadtmauern und Eselskarren in den Kopf, die sich mit futuristischen seifenblasenartigen Abschirmungen von Außerirdischen durchmischen. Wir müssen also bis auf Weiteres in der Stadt bleiben, können uns aber ungehindert bewegen. Ich bin gespannt, ob diese Maßnahme positive Auswirkungen auf die Corona-Fallzahlen hat, denn weder werden deswegen mehr Tests gemacht, noch mehr Ärzte eingestellt, noch die möglichen Ansteckungen nachverfolgt.

Aufgefallen ist mir nur, dass in Montecarmelo auf einmal mehr Fahrradfahrer unterwegs sind als sonst, die jetzt statt den Fahrradweg in die Berge, eine Route durch den Pardo wählen, der noch in die Stadtgrenzen fällt. Der Spaziergang am Wochenende wurde damit zu einem Hindernislauf durch die Natur. 
Bei meinem Rückweg in die Zivilisation stolperte ich unter der Autobahnbrücke außerdem noch über einen Haufen leerer Flaschen von Alkohol und Erfrischungsgetränken, die Spuren von mehr als einem Saufgelage waren. Nach der Anzahl der Flaschen und der Müllberge, die sich dort nun anhäufen, konnte ich auf eine gut besuchte Party schließen.
Tatsächlich scheinen viele der Madrilenen nicht richtig zählen zu können, denn vor allem Jugendliche ohne Maske finden sich weiterhin in größeren Gruppen zusammen. So konnte ich in der Nähe des hiesigen McDonalds eine Schar von über zwanzig jungen Menschen sehen, die sich geschickt auf zwei Bänke verteilte, um den Schein zu wahren.

„Waren wir nicht alle einmal jung?”, fragte ich mich, „Das schon, nur gab es damals keine Pandemie”, gab ich mir zur Antwort und wünschte mir, diese jungen Menschen würden etwas mehr Verantwortung für ihre nicht mehr ganz so jungen und gefährdeteren Mitmenschen übernehmen.

29.09.2020 Klassengesellschaft

Von Annette Scholz

Plaza de Juan Goytisolo, Madrid Zentrum, © Annette Scholz

Neulich saßen wir mit unserem diesjährigen Festivalteam, das aus Luis, mir und drei Praktikanten besteht, in der Pause wieder in unserem Stammcafé in Alcalá, San Diego Coffee Corner, ein modernes Lokal an einer der Ecken der zentralen Plaza de los Irlandeses, unweit der Calle Mayor. Es ist unsere tägliche Pilgerstätte, da es sich nicht nur durch den besten Kaffee der Stadt und seine geschmackvolle hölzerne Inneneinrichtung auszeichnet, sondern vor allem wegen Sergio, seinem Besitzer. Der Kaffeefetischist und Musikkenner, der sein erstes Café to go in der Calle Bedel in der Nähe der hiesigen historischen Universität eröffnete, gibt nämlich zu jedem Getränk auch seinen ,Senf’ dazu –  natürlich nur, wenn er gut gelaunt ist, aber das ist er fast immer.

„Und ihr braucht noch keinen Passierschein, um zum Arbeiten zu kommen?”, fragte uns Sergio, als er wie gewohnt vier Milchkaffee zubereitete, „möchtet ihr auch etwas zu essen?”
„Nein, danke”, gab ich zur Antwort und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Schokoladencroissants, „Heute kamen wir noch problemlos über die Stadtgrenzen. Mal sehen, wie es nächste Woche wird!”
„Ich serviere euch den Kaffee auch online”, scherzte er noch, als er zu seinem Plastikhansdschuh griff, der mit ausziehbarer Kette an seinem Hosenbund hängt, um die Bezahlung in Empfang zu nehmen.
„Das konservative Lager der spanischen Gesellschaft ist nicht rassistisch, sondern klassistisch”, begann Luis, als wir uns mit gebührendem Abstand und Masken um den Tisch hinter der Theke setzten, „diese Maßnahmen, die die einkommensschwächeren Stadtviertel in Madrid abriegelt, wird nicht viel bringen”.

Die Ghettoisierung, die in Madrid zur Eindämmung der Pandemie vorgenommen wird, hebt einmal mehr Probleme in den Vordergrund, die es schon seit langem in der spanischen Gesellschaft und in den Strukturen der Hauptstadt gibt. Madrid lässt sich nach einem grafischen Witz, der 2015 nach den Lokalwahlen durch die sozialen Netzwerke ging, wie das ehemalige Deutschland in zwei Teile teilen. Je nachdem welche Partei, die Wahlen gewonnen hatte, schrieb der Zeichner Zugehörigkeit eines Distrikts zu der demokratischen oder föderalistischen Republik: Im Norden der Stadt war die rechte PP die am meisten gewählte Partei, im Süden war die linke AhoraMadrid die bevorzugte Option. Dieser politische Unterschied entsprach einer sozioökonomischen Ungleichheit, die die Stadt Madrid seit Jahrzehnten zwischen ihren nördlichen und westlichen Bezirken einerseits und denen des Südens und Ostens andererseits durchzieht. Alle grundlegenden Gesundheitsbereiche, die seit Montag, den 21. September in der Hauptstadt ghettoisiert sind, befinden sich genau in den südlichen und den östlichen Bezirken: Carabanchel, Usera, Villaverde, Puente de Vallecas, Villa de Vallecas und Ciudad Lineal.
Das niedrigste durchschnittliche Nettoeinkommen der Stadt, 25.527 Euro, liegt im Bezirk Puente de Vallecas, weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens von 65.995 Euro in Chamberí. 86% der Einwohner der ghettoisierten Stadtbezirke arbeiten außerhalb und müssen beziehungsweise dürfen sich auch weiterhin täglich vorwiegend in öffentlichen Verkehrsmitteln in andere Viertel bewegen, allerdings nur, um ihren Pflichten nachzukommen. 

Neulich musste ich ein Ärztehaus aufsuchen, das ich bisher nicht kannte, in Tetuán, Nähe Plaza Castilla, wo meine Fachärzte für den Magen-Darm-Trakt und Dermatologie sitzen. Ich musste nur knapp zwei Monate auf meinen Termin warten, während denen meine Magenbeschwerden wieder weitestgehend verschwunden waren. Tetuán ist ein multikulturelles Viertel, in dem die COVID-Fälle bald an die 1.000 pro 100.000 Einwohner heranreichen. 

Nachdem ich zehn Minuten von der Plaza Castilla aus über die breite Bravo Murillo-Straße zum Ärztezentrum gelaufen bin, fiel mir auf, dass nun wirklich jeder Maske trägt und auch fast immer an der richtigen Stelle, jedenfalls in diesem Stadtviertel. Der Verkehr war auch soweit normal dicht, sowohl auf der Fahrbahn, als auch auf dem Bürgersteig. An den roten Ampeln bildeten sich kleine Menschentrauben mit Abstand und vor den Banken, Cafés und Läden Schlangen mit gebührender Distanz. Der Spazierweg an der stark frequentierten Einkaufsstraße im Norden Madrids wurde also zum Hindernislauf. Während ich mich also durch die Leute schlängelte, um rechtzeitig zu meinem Arzttermin zu kommen, schaute ich mir die Maskierten auf der Straße an und kam nicht umhin, mich an verschiedenen Hinterköpfen mit Schleifchen zu erfreuen.
Angekommen am Gesundheitszentrum, fand ich eine lange Schlange vor der Tür, in die ich mich mit dem möglichem Abstand einreihte.
„Auch mit Termin muss man warten, oder?“, fragte ich zur Sicherheit noch einmal, was von allen anderen vermeintlich Kranken, die mit mir in der prallen Sonne standen, bejaht wurde.

Schließlich wies mich ein handgeschriebenes Schild seitlich am Eingang des fast baufällig wirkenden Gebäudes daraufhin, dass ich mit Termin doch direkt zum Arzt durchgehen kann. Das tat ich auch, froh dem Ansturm und Menschenandrang im Erdgeschoss entweichen zu können. 
Überraschenderweise wurde beim Eindringen keine Fieberpistole auf mich gerichtet, nur mit Desinfektionsspray wurden mir die Hände besprüht und eine neue Chirurgenmaske bekam ich noch über meine aus Stoff gestülpt, sodass ich dem Arzt doppelt maskiert gegenübertrat.
Mit einer älteren Dame teilte ich den Aufzug, nachdem sie mich um mein Einverständnis gebeten hatte. Der metallene Käfig war mit durchweichtem Pappkarton ausgeschlagen, was keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck bei mir hinterließ. Ich blieb aber, nicht zuletzt wegen der älteren Lady, und wurde sicher in den dritten Stock befördert.

Oben angekommen, herrschte Ruhe, keine Wartenden, auch nicht auf den Sitzen, die man noch benutzen durfte. Nur die Stimme des Arztes hörte ich leise aus dem Sprechzimmer, der seine Patienten jetzt an der Strippe behandelt.
Während ich darauf wartete, eintreten zu dürfen, schaute ich mich um. Vergilbte Wände, verbogene, veraltete Heizkörper und ein etwas schmuddeliger Eindruck, verstärkt durch das Baustellenabsperrband, das momentan zur üblichen Innenausstattung jedes öffentlichen Gebäudes gehört. Tatsächlich scheint dieses Gebäude aus dem letzten Jahrhundert derzeit wohl einer längst überfälligen Sanierung unterzogen zu werden. 

„Das soll ein Ärztezentrum in einem hoch entwickelten Land Europas sein?“, fragte ich mich und dachte dabei an das Interview im Radio mit einer Krankenschwester, die ein Crowdfunding gestartet hatte, um ihre Doktorarbeit zu finanzieren.
„In Spanien wird viel zu wenig in Forschung und Versorgung investiert“, erklärte sie am Wochenende dem Radiosprecher, nachdem sie alle möglichen Stipendien beantragt und trotz eines Abschlusses mit 1,5 keines bewilligt bekommen hat. 
„Jetzt gehen alle Forschungsgelder im medizinischen Bereich an Projekte, die sich mit COVID19 beschäftigen, andere Krankheiten werden völlig unter den Tisch gekehrt“, versuchte sie ihre Verzweiflungstat zu erklären, die auf sozialen Netzwerken für viel Lärm gesorgt hatte.
Als ich das Behandlungszimmer betrat und mich der junge Arzt nach einem ersten Niesen, nach allen Symptomen befragte, schoss es mir in den Kopf:
„ Zum Glück wurde nicht an der Ausbildung des Arztes gespart, denn er scheint tatsächlich ein fähiger Spezialist. Obwohl er so jung ist, fühle ich mich bei ihm besser aufgehoben, als bei dem Privatarzt, den ich vor ein paar Wochen aufgesucht habe“.

Politikwissenschaftler definieren Madrid als eine Stadt, die dem lateinamerikanischen Modell mit großen Unterschieden zwischen reichen und armen Stadtteilen ähnlicher ist, als dem europäischer Städte, in denen sich die verschiedenen Einkommensgruppen homogener verteilen. Und diese Unterschiede spiegeln sich im Angebot öffentlicher Dienstleistungen, wie Ärztezentren und ähnlichem wider.

Jeden Tag gibt es nun Demonstrationen der Anwohner vor den Ärztehäusern, um gegen die Maßnahmen zu protestieren, die vereinzelt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei geführt haben. Dabei fordern die Bewohner der süd-östlichen Stadtviertel doch nur die Einstellung von Gesundheitspersonal, Verstärkung im Transportwesen, um Menschenansammlungen zu vermeiden, COVID-Teststellen und Personal, um die Corona-Ansteckungen nachzuverfolgen. 
Die während der Pandemie dramatisch eskalierten Bedürfnisse, die auf eine schon lange fehlende Investition im gesundheitlichen Grundversorgungssystem zurückzuführen sind, könnten durch das Einstellen von Ärzten und Pflegepersonal verringert und das Abwandern qualifizierter Kräfte ins Ausland verhindert werden. Die Madrider Regierungschefin Díaz Ayuso fordert hingegen von der Nationalregierung Unterstützung durch Polizei und Soldaten, um den Ausgang aus den Ghettos zu überwachen.

22.09.2020 Ballspiel

Von Annette Scholz

Tetuán, Madrid, © Annette Scholz

„Mama, wo kommt denn das Geklatsche her?“, fragte mich Emma neulich, als wir mit ihrem Bruder Fußball schauten, „da sitzt doch gar niemand, der klatschen kann“.
Tatsächlich waren alle Tribünen bei den Champions League Spielen leer, während der Sound derselbe war wie immer – johlende und applaudierende Fans wurden aus dem Off eingespielt, damit bei dem Spiel für Ambiente gesorgt ist.
„Hören die Fußballer das auch?“, fragte sie mich weiter.
„Vielleicht“, gab ich ihr zur Antwort, da ich mir dachte, dass die Spieler dadurch sicher angespornt würden, Höchstleistungen zu bringen.
Am 19. September ging die spanische Fußball-Liga trotz Pandemie wieder los.
Der Sport, der vor allem vielen Jungs hier sozusagen mit in die Wiege gelegt wird, weil Papa vielleicht madridista – Anhänger von Real Madrid – ist und schon den ersten Body des Sprösslings mit dem Vereinswappen aussucht, erfreut sich in Spanien großer Beliebtheit. Fußball ist in den Medien auch trotz der Corona-Situation immer eine der sechs wichtigsten Nachrichten.
Schon von klein auf mit der starken Präsenz dieses Sports im alltäglichen Leben durch Liveübertragungen in Bars und ausführlichen Berichterstattungen auf allen Ebenen sozialisiert zu werden, hinterlässt Spuren, sogar auf sprachlicher Ebene.

 Die Corona-Fälle in Spanien eskalieren weiter: Am 17. September wurden 11.193 neue und 239 Todesfälle innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Besonders besorgniserregend ist die Situation in der Region Madrid, in der 1.501 neue COVID19-Infektionen gemeldet wurden.
In der Region sind in den letzten 14 Tagen im Durchschnitt 598 und in der Hauptstadt 673 Fälle pro hunderttausend Einwohner geschrieben worden. Einige der Stadtbezirke überschreiten jedoch 1.000 Fälle pro hunderttausend Einwohner, weswegen der Gesundheitsminister Salvador Illa die Regionalregierung aufgefordert hat, „das Notwendige zu tun“, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. 

„Díaz Ayuso“ – die Regierungschefin in Madrid – „hat doch keine Ahnung, was sie machen soll”, meinte neulich einer der Praktikanten, der gerade zu unserem Festivalteam gestoßen ist, als wir zu viert mit Masken in unserem Stammcafé in Alcalá den ersten Kaffee einnahmen.
„Es ist wirklich bedrückend”, erwiderte Luis, „diese Frau ist gefährlich, da sie überhaupt keinen Plan zu haben scheint”.
„Ihr Pressechef kann einem leid tun”, fügte die andere Praktikantin hinzu, während sie in ihren Muffin biss, „er zittert bestimmt vor jeder Pressekonferenz, aus Angst vor jedem weiteren Fauxpas, den sie begehen wird”.
„Neulich hat sie den Vogel abgeschossen”, kommentierte Luis, „als sie die Immigranten für die hohen Corona-Ansteckungsraten in den südlichen Stadtvierteln Madrids verantwortlich gemacht hat”.

Auf Twitter wurde diese Äußerung mit unzähligen Nachrichten kommentiert, die die PP-Politikerin mit dem rechtsextremen Lager in Verbindung brachten.
„Díaz Ayuso gehen die Tricks aus”, hieß es unter anderem, um ihr regionales Pandemie-Management zu beurteilen, „zuerst waren die Demonstrationen des 8. März schuld an der gravierenden Situation in der Hauptstadt, dann die Ankömmlinge am Flughafen Barajas, jetzt die Immigranten. Die Realität ist: Fehlendes Personal im Grundversorgungssystem, um Corona-Fälle nachzuverfolgen und Chaos in den Schulen”. 

Verantwortung in der momentan wieder besorgniserregenden Situation in Madrid zu übernehmen, ist eine schwere Aufgabe, zumal niemand auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann. Díaz Ayuso echa los balones fuera – sie wirft, beziehungsweise schießt die Bälle nach draußen und steht nicht zu ihren Fehlern. Andere sollen für ihre wenig wirksamen Maßnahmen, ihr spätes Reagieren und die fehlende Vorsorge hinhalten.

Eine der letzten Pressekonferenzen der Regionalregierung wurde nach ihrer Parlamentssitzung grundlos abgesagt. Vermuten lässt sich nur, dass die Politiker keinen Konsens und keine Strategie für den Umgang mit der jetzigen Situation entwickelt haben, die sie den Bürgern verkünden könnten. Immer wieder werden durch die Medien unterschiedliche Meldungen von Zonen-Lockdowns und dessen Dementi, verbreitet, die die Madrider Einwohner verunsichern.

Pedro Sánchez hat nach dem Alarmzustand die Verantwortung an die Regionalregierungen abgetreten, um das Corona-Problem einzudämmen. In jeder wird es anders gehandhabt, mit unterschiedlichen Resultaten. Doch hier in Madrid greift die Vaterfigur jetzt wieder ein, um etwas Ordnung zu schaffen. Offiziell haben sich der Staatschef und die regionale Regierungsvorsitzende vertragen und verbündet, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen.
Nuevamente estaba la pelota en su tejado – Der Ball lag wieder auf Sánchez‘ Dach, ihm soll die Verantwortung übertragen werden, die Corona-Situation in Madrid unter Kontrolle zu bringen. Wenn es nicht glatt läuft, gibt es dann auch wieder einen Bumann zum Beschimpfen. Diesmal konnte sich die Madrider Regierung aber nicht aus der Affäre ziehen, denn alle Schritte sollen in Abstimmung und im Konsens bestimmt werden – etwas ganz Neues.

„Einige meiner früheren Kollegen an den öffentlichen Schulen sind zurückgetreten”, sagte uns der pensionierte Lehrer Pepe neulich, der schon seit Bestehen des Festivals Mitglied des Sichtungskommittees ist, als wir uns trafen, um die Filme für den diesjährigen europäischen Wettbewerb auszuwählen, „sie halten dem Druck nicht stand, basierend auf zu vagen Vorgaben die Verantwortung zu übernehmen, in dieser Situation konkrete Maßnahmen für die Schulen zu treffen”.
„Was machen denn dann die Schulen?”, fragte Luis verunsichert.
„Das Personal muss sich mit den neuen Schulleitern abfinden, die von der Behörde durch Fingerzeig ausgewählt werden, irgendjemand, der sich eingeschleimt hat” – quién les ha hecho la pelota; wörtlich, der ihnen den Ball gemacht hat.
Neue Schulleiter übernehmen also in Schulen die Verantwortung, um die schwierige und schier unkontrollierbare Situation zu durchstehen.
Ich bin nur froh, dass Gesamt- und Grundschulleiter der Deutschen Schule, das Lehrerkollegium, Schüler und Eltern hier in Madrid nicht alleine lassen, und sich diesem zusätzlichen COVID-Stress aussetzen, um das nächste Schuljahr so gut wie möglich zu meistern.

Tatsächlich wurde nun diese Woche von der regionalen Regierung in Madrid beschlossen, dass alle Stadtbezirke, beziehungsweise Gesundheitsbezirke, die mehr als 1.000 Fälle pro hunderttausend Einwohner verzeichnen, in den Lockdown müssen. Das bedeutet, dass sich 850.000 Bewohner nun nur noch zum Arbeiten, Arztbesuch, zur Schule oder mit Sondererlaubnis aus ihrem COVID-Ghetto herausbewegen dürfen. Betroffen sind davon im Moment hauptsächlich die im Süden der Hauptstadt gelegenen Stadtviertel.

„Gerade nochmal Glück gehabt”, sagte mir Anette erleichtert, „in Tetuan, bei Plaza Castilla, hat nicht viel gefehlt, der Index liegt bei 850. Bald sind wir auch dran. Dann können wir dich in Montecarmelo nicht mehr einfach zum Essen besuchen”.
„Einer meiner Praktikanten kann am Montag nicht mehr ins Büro kommen”, gab ich zur Antwort, „er wohnt in Vallecas. Das wird dieses Jahr wohl eher ein virtuelles Praktikum”.

Abgesehen von den Einschränkungen in der Mobilität der Anwohner, sind Parks abgesperrt, Restaurants müssen in diesen Bezirken um 22 Uhr schließen und dürfen drin und draußen nur noch die Hälfte aller Tische belegen. Und Versammlungen in ganz Madrid privat und öffentlich sind nun wieder auf sechs Personen beschränkt.

 So wie sich die COVID19-Situation in der Region Madrid gerade entwickelt, wollte ich vorausschauend sein und mich auf den möglichen regionalen Lockdown, der auch Montecarmelo treffen kann, vorbereiten.
„Du kannst arbeiten von wo du willst”, sagte mir meine Chefin auf meine Anfrage, ob ich ins home office gehen könnte, „es darf nur keiner mitbekommen, dass du nicht im Büro bist und offiziell solltest du auch keinen Antrag stellen, denn den kann ich dir nicht genehmigen, weil sonst alle das Gleiche machen würden”. 

Damit hat sie den Ball an mich weitergegeben – me pasa la pelota – da ich selbst die Verantwortung übernehmen muss, ob ich ohne offizielle Erlaubnis meinen Arbeitsplatz nach Hause verlege oder nicht, mit dem Risiko, das diese Entscheidung birgt. Dabei sollte man meinen, es sei sinnvoll in so einer Situation von zu Hause zu arbeiten, wenn das denn problemlos möglich ist.

„Alle sind irgendwie wie verrückt”, sagte mir neulich die Mutter einer Mitschülerin von Emma, die als Innenarchitektin arbeitet, während sie sich mein Badezimmer betrachtete, „ich habe so viele Baustellen zu beaufsichtigen, die Lieferanten kommen nicht hinterher, da die Lager wegen Corona leer sind. Keiner scheint Verständnis dafür zu haben, die Stimmung ist gereizt und keiner wahrt mehr die Formen”.
Sie erzählte mir von einem heftigen Streit mit einer Verwaltungsangestellten und kam zu dem Schluss, dass sich die momentane unsichere Situation auf die Gemüter der Menschen auswirkt.
Juegan a la pelota conmigo – sie spielen Ball mit mir”, beschwerte sie sich, „sie lassen mich sinnlos hin- und herlaufen, ohne dass ich etwas erreichen kann”.Im sprachlichen Ballspiel der Spanier stehen weder Strategien, Techniken, noch Spielzüge im Mittelpunkt. Mit einer unterschwelligen oder direkten negativen Konnotation geben sie den Ball an andere weiter, wie die Deutschen die heiße Kartoffel fallen lassen.
„Haltet doch mal den Ball flach!”, denke ich nur und hoffe, dass die aktuellen Maßnahmen gewisse Erfolge zeigen und sich die sozial schwächeren Stadtviertel in Madrid, die nun mit Polizeikontrollen abgeriegelt werden, nicht zu sozialen Brennpunkten ähnlich den banlieues der Metropolen in Frankreich, entwickeln.

15.09.2020 Kulturgut

Von Annette Scholz

Huerta del Obispo, Alcalá de Henares, © Annette Scholz

Die letzten Jahre brachte die Stadtverwaltung in Alcalá de Henares im Sommer Kino mit aufblasbaren Leinwänden auf die kleineren öffentlichen Plätze der verschiedenen Stadtviertel. Dieses Jahr waren Masken, Waschpaste und ganz viel Abstand dafür nötig, weswegen die Events auf einen Platz verlegt wurden, der sonst im Herbst die Ritterspiele des Mittelalterlichen Marktes beherbergt, der dieses Jahr ins Corona-Wasser fällt. 
Das Gelände, das so groß wie mehrere Fußballfelder ist und normalerweise Tausende von Menschen fasst, liegt an den alten Stadtmauern. Rund 600 Leute nahmen vier Wochen lang von Montag bis Mittwoch auf der eigens dafür eingerichteten Bestuhlung Platz, um sich an lauen Sommerabenden mit einem Film die Zeit zu vertreiben. 
Corona-bedenklich fand ich bei den Freiluft-Events, die den Rest der Woche mit Konzerten, Tanzvorführungen und Theater auf einer Freiluftbühne ergänzt wurden, nur den Einlass durch ein einziges Tor, das Nadelöhr. 

Noch Ende August änderten sich die Auflagen wegen ansteigender Corona-Zahlen in Madrid, sodass wegen einer geringeren Anzahl zugelassener Zuschauer alle Veranstaltungen bis September gestrichen wurden. 
So schnell kann es gehen! Das Sommerkino konnten wir noch wie geplant durchführen, Theater und Tanz blieben jedoch auf halber Strecke.
Und dies war kein Einzelfall. Im Moment ist Eventorganisation durch große Unsicherheit gekennzeichnet, alles was heute in Ordnung und erlaubt ist, kann morgen schon wieder hinfällig sein. Genau wie die Auslastung der Theater von 75% für den Herbst wieder auf 50% beschränkt wurde. Wer weiß, vielleicht dürfen im November Kinos, Theater und Konzerthallen gar nicht mehr besucht werden. 

Diese Unsicherheit betrifft nicht nur die Events, sondern vor allem deren Organisatoren, wobei ich mich als Angestellte der Stadtverwaltung noch sehr glücklich schätzen kann.
Die Musik hat aufgehört zu spielen, die Lichter sind aus und viele Fachleute des kulturellen Sektors erleben eine dramatische Situation. Konzertorganisatoren gehen am 17. September in 16 spanischen Städten gleichzeitig auf die Straße, um die öffentliche Verwaltung aufzufordern, die kulturelle Agenda zu reaktivieren und ihren Sektor als besonders betroffen anzuerkennen.
Angesichts einer ungewissen beruflichen Zukunft haben sich Musikarbeiter zusammengeschlossen und die Gruppe MUTE (Movilización Unida de Trabajadores del Espectáculo) gegründet, „um die schwierige Situation sichtbar zu machen, die die Welt der Live-Musik durch den monatelangen Ausfall der Aktivitäten erlebt”, erklärte Iván Espada, ihr Sprecher. Diese vor etwas mehr als zwei Wochen gegründete Gruppe umfasst heute schon mehr als 25.000 Mitglieder, unter denen sich Jongleure, Techniker und Saalpersonal vereinigen.
„Es ist wichtig, die besorgniserregende Situation des Unterhaltungs- und Veranstaltungssektors unter dem gleichen Motto und der gleichen Richtung sichtbar zu machen, die die spanische Regierung und die zuständigen Ministerien fordern“, fügte Espada hinzu.

Während des Kultursommers an der Stadtmauer in Alcalá kamen Emma und ich einmal mehr in den Genuss eines Konzerts des libanesischen Geigers Ara Malikian. – Tatsächlich sind die drei Frauen-Generationen meiner Familie große Fans dieses virtuosen, langhaarig verstrubbelten, tätowierten und unterhaltsamen Künstlers. Oma steht in dieser Hinsicht Emma und mir in nichts nach. 
Malikian beendete seine Darbietung nach Sonnenuntergang und eineinhalb Stunden klassischer und moderner Musik mit einer bewegenden Dankesrede:
„Monatelang haben wir nicht mehr auf einer Bühne gestanden, es ist ein befreiendes Gefühl, endlich wieder vor einem Publikum zu spielen“, sagte der Musiker ernst, der sich sonst besonders durch seinen Humor auszeichnet, „danke, dass ihr trotz der widrigen Umstände hier seid und uns zuhört. Nur so macht unsere Kunst richtig Sinn. Danke, dass ihr die Kultur unterstützt!“
Daraufhin schloss er mit dem ergreifenden selbst komponierten Schlaflied „Nana arrugada”, das er den COVID19-Patienten widmete, die während des Lockdowns ohne den Beistand ihrer Familie alleine hatten sterben müssen.

Bei vorherigen Konzerten verließ Emma das jeweilige Theater immer nur, wenn sie dem Geiger nach der Vorstellung am Ausgang einen Kuss geben konnte.
„Müssen wir wieder warten, bis du ihm einen Kuss geben kannst?” fragte ich sie nach dem diesjährigen Freiluftkonzert mit Klavier.
„Nein”, entgegnete sie mir nur kurz und nicht ganz überzeugt, denn sie hatte noch Tränen in den Augen. 

Als ich nach dem Urlaub wieder ins Büro kam, sah alles aus wie vorher, mit Waschpaste und Absperrband.
„Was machen wir hier in Spanien bloß?”, fragte mich mein Kollege Luis resigniert, als ich wie jeden Morgen zum Begrüßungsplausch in sein Büro trat, „warum stehen wir schon wieder auf dem ersten Platz in Europa aller negativen Dinge? Die höchsten Fallzahlen der zweiten Welle, die meisten Toten, das schnellste Zusammenbrechen der Wirtschaft…”

Er wirkte mit seinem blassen Gesicht und seinen dunklen Augenrändern, als hätte er das Büro die ganze Zeit über nicht verlassen und tat mir leid, wie er so erschöpft hinter seinem großen Schreibtisch in seinem sonnendurchfluteten Büro saß, in dem der Putz wegen Schimmel von den Wänden fällt.

„Das Soziale”, versuchte ich fachsimpelnd zu trösten, „die Familien sind hier generell größer als in Deutschland, der Kontakt enger und gemeinsame Aktivitäten in Gruppen sind besonders beliebt”.
„Das kann aber doch nicht alles sein”, erwiderte er niedergeschlagen.
„Die Notwendigkeit körperlicher Nähe und die typisch spanische picaresca helfen auch nicht, den Virus einzudämmen”, gab ich ihm zur Antwort, „mit öffentlichen Auflagen wird vieles getan, die Situation zu verbessern, aber die Menschen lassen sich dadurch nicht ändern”.
„Meine Schwester und mein Neffe haben Corona“, sagte er mir, „es ist was ganz anderes, ob du nur in den Nachrichten davon hörst oder auf einmal selbst davon betroffen bist. Ihnen ist er vor allem auf den Magen geschlagen“.

Weggefahren ist Luis dieses Jahr im Sommer nicht. Bevor das Filmfestival im November startet, wird daraus auch sicher nichts mehr. Stattdessen hat er die Familie mit Essen und Medikamenten versorgt. Seine Eltern, die im Juli ins Strandappartment am Mittelmeer umgezogen waren und Ende August nach Alcalá zurückkommen wollten, hat er auch bei Laune gehalten und versucht auf die Distanz zu beruhigen, denn wegen der infizierten Tochter konnten sie nicht mehr in ihre Wohnung nach Hause zurück, ohne Gefahr zu laufen sich selbst anzustecken.

Dieses Jahr wird uns die Organisation des Kurzfilmfestivals, dessen fünfzigjähriges Jubiläum wir ohne Corona im November gefeiert hätten, erheblich durch die sich wöchentlich ändernden Auflagen erschwert. Auch jetzt wissen wir noch nicht, ob wir tatsächlich Filmemacher einladen und wie sonst, die Filme im Kino zeigen können. Subventionen sind beantragt und genehmigt, ein paar Gäste haben schon zugesagt, wenn sie denn reisen können, und Hunderte für den Wettbewerb eingereichte Filme werden gesichtet. Die Vorbereitungen laufen wie immer. Es wird ein Festival geben. In welcher Form, wissen wir erst, wenn es los geht. 
„Wir sind Dinosaurier!”, seufzten Luis und ich, „die technische Entwicklung, das Internet und die Möglichkeit, Filme nach Bedarf zu Hause zu sehen, macht uns weitestgehend überflüssig, vor allem in einer Zeit wie dieser. VOD-Plattformen wie Netflix und Filmin sind die Zukunft”. 

Abgesehen von der neuen Schulsituation wäre für Emma ab September auch eine Nachmittagsbetreuung fällig, denn meine Arbeit im Büro steigt an und ich müsste Vollzeit arbeiten, um alles erledigen zu können. Die Nachmittagsbetreuung der Deutschen Schule verlangt wegen der außerordentlichen Situation dieses Jahr aber, dass die Kinder alle fünf Wochentage nachmittags angemeldet werden und für das ganze Halbjahr, was mit einem gewissen Kostenaufwand verbunden ist. Da Emma auch in meinen arbeitsstarken Monaten zwei Tage die Woche von ihrem Vater von der Schule abgeholt wird und ich sie nur von September bis November wegen der ansteigenden Arbeit für das Filmfestival fremd betreuen lasse muss, lohnt sich diese Investition für mich nicht.
Der Hort, bei dem Emma seit mehreren Jahren sonst unterkommt, ist nicht zuletzt wegen COVID19 in einer wirtschaftlichen Krise. Statt der üblichen 20 Kinder, sind diesen September nur fünf angemeldet, weshalb die Betreuung der Schulkinder zu Halbjahresbeginn zunächst nicht gewährleistet werden kann.

„Die Wirtschaft bricht schneller zusammen, als gedacht”, kommentierte mein Kollege die Situation, „es ist bereits entschieden, dass es keinen generellen Lockdown mehr geben wird, nur noch punktuell, in Regionen, in denen besonders viele Fälle auftreten”.
Das bedeutet, dass die Schulen wieder offen sein müssen, da sie nicht nur den Unterricht der Kinder, sondern auch ihre Betreuung garantieren und damit, dass die Eltern wieder Zeit haben, um arbeiten zu gehen. 
„Zwischen dem totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Gefahr einer weiteren Verbreitung des Virus, entscheiden sich die Politiker für Letzteres”, fügte Luis noch hinzu. „Solange es keine Impfung gibt, sieht es schlecht aus. Es ist wie in dem alten Witz: ¿Qué prefieres, morir o perder la vida? – Was möchtest du lieber, sterben oder das Leben verlieren?

„La cultura nos hace sensible, la cultura nos hace pensar. ¡Pensemos y apoyemos la cultura!“ – „Kultur macht uns sensibel, Kultur regt uns zum Denken an. Lasst uns nachdenken und Kultur unterstützen!”, heißt es im Radiojingle meines Lieblingssenders Radio 3. Wenn uns Corona noch lange das Leben erschwert, könnte sich die Kultur noch schneller verändern, als sie das sowieso schon tut. Online-Kultur würde dann so populär wie Partnersuche über Dating-Apps und Kino durch home cinema ersetzt, sowie reale Beziehungen durch virtuelle, die man einfach abschalten kann, wenn man keine Lust mehr darauf hat.

08.09.2020 Schulanfang

Von Annette Scholz 

Deutsche Schule Madrid, © Annette Scholz

„Wir haben letzte Woche in diesem Sommer zum ersten Mal getanzt“, erklärte mir die kleine, attraktive argentinische Verkäuferin an einem der Hippie-Stände mit thailändischer Bekleidung am Palmar, als Emma und ich uns von unserem Lieblingsort der Region verabschiedeten. Corona war für mich dieses Jahr ein Grund, mit allen Leuten, die ich während unseres Urlaubs getroffen habe, eine Unterhaltung anzufangen, was ich sonst so gut wie nie tue. Die Pandemie nimmt mir meine Scheu, fremde Menschen in ein Gespräch zu verwickeln. Auf einmal habe ich trotz oder gerade wegen der sozialen Distanz, ein besonderes Interesse an meinen Mitmenschen, die ich wohl nie wiedersehen werde.

„Impfen lasse ich mich ganz sicher nicht“, fügte die junge Frau aus Buenos Aires hinzu, die unweit des Strandes die Saison über auf einem Camping-Platz lebt, „diese Pandemie ist doch sowieso nur Resultat inkompetenter Politiker. Immer eine Maske zu tragen, kann doch nicht gesund sein“.
Freizügig erzählte sie mir von ihren Eindrücken des spanischen Pandemie-Managements, das ihr wenig Vertrauen einflößt, da jeder zu machen scheint, was er will, zumindest jetzt, während Emma und ich in ihrem Shop stöberten.
„Während des Lockdowns war ich in Andorra und hatte eine tolle Zeit in einem Wohnblock, in dem außer mir niemand war“, fügte sie noch an. „Ich blieb natürlich nicht in der Wohnung, sondern bin dort in den Bergen gewesen, habe Sport getrieben und war zufrieden. Aber jetzt „ist alles absurd. Neulich haben sie einem meiner Freunde einen Strafzettel erteilt, weil er morgens um 7 Uhr ohne Maske am Strand meditierte, und das, obwohl weit und breit außer ihm niemand war“.

Weder sie noch der lockenköpfige Kellner mit dem arabischen Einschlag, den wir noch von letztem Jahr in unserem bevorzugten Restaurant mit Meerblick und einem hervorragenden Thunfisch-Tartar kennen, scheinen etwas für die aktuellen Gesundheitsauflagen übrig zu haben.
Seit Ende August darf man in Spanien in der Öffentlichkeit, also auch in Straßencafés, nicht mehr rauchen, was die Lust für manche, sich in einer Bar zu treffen, noch erheblich schmälert. Der nette Kellner, der hervorragend deutsch spricht, kündigte mir an, dass sie am 30. August das Restaurant schließen würden.
„Wir haben dieses Jahr in zwei Monaten mehr Umsatz gemacht als letztes Jahr, es lief in dieser, unserer zweiten Saison als Geschäftsführer richtig gut, deswegen machen wir jetzt schon zu“, erläuterte er uns nach einer kurzen Ruhepause mit Blick auf Meer und Sonnenuntergang, „wir machen zwei Wochen früher Schluss, weil wir keine Lust mehr haben, alle Gäste auf die verschiedenen Auflagen hinzuweisen, Maske, nicht rauchen, Waschpaste, Tische desinfizieren, es wird immer schwieriger“.
Schade für Emma und mich, die wir gerne an unserem letzten Abend noch einmal an diesem privilegierten Ort an den Steilfelsen mit einem freien Blick auf die Sonne gesessen hätten.

Emma ist nach fünf Wochen am Meer erholt und voller Vorfreude, da sie seit der letzten Ferienwoche weiß, dass sie ab Anfang September wieder in die Schule gehen darf, ihren geliebten Klassenlehrer und auch ihre Freunde wiedersehen kann.
„37,2ºC ist eine ganz schön niedrige Temperatur“, witzelte Alexander und kommentierte damit die Email der Schulleitung, die uns direkt nach der Verabschiedung der offiziellen und verbindlichen Corona-Maßnahmen der Madrider Regierung zur Einschulung erreichte.
„Es kommt ganz auf das Thermometer an“, konterte Anette, als wir uns beim Sonnenuntergang auf dem Balkon über den Schulbeginn unterhielten.

Ab dem 3. September dürfen nicht mehr alle Schüler auf einmal in die Schule gehen, sondern sollten bevorzugt gestaffelt zum Unterricht kommen. Das Gebäude müssen sie in geordneten Reihen mit ihrem Klassenlehrer betreten, der sich mit Maske und Visier gegen eventuelle Viren rüstet. Auch die Kinder müssen während des gesamten Schulvormittags Maske tragen und noch eine als Ersatz in einer Plastiktüte mitführen. Gruppentische gibt es nicht mehr, sondern Einzeltische mit 1,5 Metern Abstand und wenn der Platz im Klassenzimmer nicht ausreicht, dann wird auf die Nebenräume ausgewichen, in denen die Schüler dann sitzen, die nicht mehr in den Hauptraum passen.
„Schule wird dieses Jahr nicht mehr so, wie du sie kennst“, erklärte ich Emma einen Teil der Maßnahmen, „aber Hauptsache, du kannst wieder hin“.
Ganz zufriedenstellen konnte ich sie damit nicht, aber die Vorfreude, endlich wieder durch das Tor des metallenen Zauns treten und in den Lichthof und das dahinter liegende Gebäude gehen zu können, war nach fast einem halben Jahr so groß, dass das Wie für sie nebensächlich war.

Kaum zurück in Madrid, erreichten uns weitere Hiobsbotschaften, mit denen wir nicht gerechnet hatten und die Emma dann doch noch ein paar Krokodilstränen gekostet haben.
„Die vierten Klassen müssen wegen der Räumlichkeiten auf 20 bis 21 Schüler reduziert werden, um den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern während des Unterrichts einhalten zu können“, hieß es in der ersten Email der Grundschulleiterin. Die zweite folgte auf den Fuß, wie bei einer Lottoziehung. Emma hatte das Los getroffen und sie soll in dieser ungewissen Zeit den gewohnten Klassenzusammenhalt verlassen, um sich für das kommende Jahr mit einer neuen Lehrerin und neuen Klassenkameraden vertraut zu machen.
Tatsächlich bedeutet es für meine Tochter nun, dass sie eines der mit Kummer von der Schulleitung ausgewählten Kinder ist, die – hoffentlich vorübergehend – in die neu gegründete Klasse 4f gehen wird, mit Frau Schulmeister und fünf weiteren Kindern aus der alten Klasse.
„Noelia geht mit dir in die 4f“, versuchte ich sie über den Verlust ihres liebsten Klassenlehrers und der anderen Freunde hinweg zu trösten, „ihr beide schafft das schon, Hauptsache ihr seid zusammen!“

Der erste Schultag, dem Emma so lange entgegengefiebert hatte, kam nun endlich und wir standen pünktlich um 8:10 Uhr am Eingangstor, damit Emma ihren Hindernislauf bis in den Klassenraum wie geplant in ihrem Zeitfenster zurücklegen konnte.
„Diesmal kann ich dich nicht bis an die Eingangstür bringen, wir Eltern dürfen den Vorhof nicht mehr betreten”, sagte ich ihr schweren Herzens, bevor ich sie noch einmal drückte und ihrem neuen Abenteuer überließ.
„Du musst unbedingt auf die Leute in den gelben Westen hören, das sind Eltern, die dir sagen, wo du langgehen musst und was zu tun ist”, schob ich noch hinterher, bevor sie sich mit ihrem schweren Schulranzen und zwei Meter Abstand in die Schlange an den Absperrungen einreihte. Als ich sie bei ihrem kontrollierten Vormarsch beobachtete, der an die Abflugschalter am Flughafen erinnerte, kamen mir die Tränen, denn die Szene rückte mir die momentane Pandemie-Situation nach zwei Wochen Abschalten am Meer, wieder voll ins Bewusstsein.

In der Mitte des Einlassbereichs gibt es nun jeden Morgen den direkten Gang für Crew member, die ohne Schlangenlinien und Warten direkt bis ins Klassenzimmer einchecken können. An den Seitenbereichen hingegen werden links Grundschüler und rechts Oberschüler eingelassen. Beide Warteschleifen führen zum Eingangstor, wo die Pförtner, mit jeweils zwei Fieberthermometern bewaffnet, die Kinder wie im Supermarkt an der Kasse durchscannen: “Piep, piep, Hände mit Waschpaste säubern und schnurstracks ohne Körperkontakt in den Klassenraum”.

Das läuft wie am Schnürchen, die Eltern-Volontäre sortieren die Kinder nach Grundschule und Sekundarstufe, die Pförtner scannen und die Lehrer haben nun außer der durch Maske, geteilte Räumlichkeiten und zu vermeidende Nähe erschwerte Lehrtätigkeit, noch die zusätzliche Aufgabe, die Einhaltung der Corona-Maßnahmen während des Schulvormittags zu kontrollieren.

„Das kostet alles so viel Zeit”, gestand mir Isabell nach dem ersten Schultag mit ihrer zweiten Klasse, für den sie trotz aller Schwierigkeiten sehr dankbar war.

„Mama, Frau Schulmeister ist genauso nett wie Herr Besch, nur in Frau”, rief mir Emma strahlend entgegen, als sie mittags wieder aus dem Gebäude kam. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen, dass die für die Verantwortlichen schwierige Entscheidung und große Veränderung für meine Tochter doch zunächst keine einschneidenden Spuren hinterlassen hatte.

„Und ich sitze neben Noelia”, erklärte sie noch ganz stolz, denn es ist in drei Jahren das erste Mal. In den ersten zwei Schuljahren hatte es der Klassenlehrer immer entschieden vermieden, die beiden zusammenzusetzen, um sich ihre Aufmerksamkeit am Unterricht sichern zu können. Somit hat der 1,5 Meter Sicherheitsabstand für Emma und Noelia auch noch einen positiven Nebeneffekt.

„Ach Mama, eigentlich war Schule fast ganz normal”, beruhigte mich meine Tochter, als ich mir ausführlich alle Details berichten ließ, „wir tragen eben Maske, sitzen einzeln, im Hof spielen wir in der Pause nur mit allen vierten Klassen, aber sonst war alles wie immer. Und die Direktorin hat uns gesagt, dass sie im Bett geweint hat, weil es ihr so leid tat, uns aus unseren Klassen rauszunehmen. Sie war heute so nett. Dabei ist es doch eigentlich gar nicht so schlimm”.

01.09.2020 August zählt nicht

Von Annette Scholz

El Palmar, © Annette Scholz

„Abrimos también en agosto” – „Wir öffnen auch im August“, steht an verschiedenen Läden im Madrider Zentrum angeschrieben. Vor knapp zwanzig Jahren kam mir bei jedem Schild, das ich sah, der Gedanke: „Na und? Was ist daran so besonders?“

Lange habe ich nicht gebraucht, um zu verstehen, dass es etwas Besonderes ist, im August ein regulär geöffnetes Geschäft in der Innenstadt zu finden. Boutiquen, Schuhläden und auch das eine oder andere Museo de jamón – was kein Schinkenmuseum, sondern in der Regel eine mit Neonlicht grell beleuchtete Bar ist, die sich auf spanischen Schinken spezialisiert – schließen im achten Monat des Jahres.

Auch die Versuche bei Ministerien oder Ämtern im August administrative Prozesse voranzutreiben, sind so gut wie aussichtslos, da fast alle Angestellten im Urlaub sind. Die Sommerferien der Kinder beginnen in der Regel im Juli, die der Erwachsenen einen Monat später. Das war schon immer so und das wird auch so bleiben, denn nicht zuletzt ist es natürlich die teils unerträgliche Hitze, welche die Madrilenen die Geschäfte schließen und die Stadt verlassen lässt.

„In meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich kein Recht auf Urlaubstage habe, mir aber obligatorisch den August, an Weihnachten und die Semana Santa, die Osterwoche, frei nehmen muss“, erklärte mir Alexander, der Professor der Astrophysik ist.
„Die Ausschreibung einer öffentlichen Stelle im Juli wird im September erneut publiziert, denn der August zählt nicht als Bewerbungsfrist“, schob Anette hinterher.

Im August ist in Madrid nichts los, könnte man meinen, obwohl die populären fiestas zu Ehren der Schutzheiligen der Stadtteile Lavapiés, Retiro und La Latina, San Cayetano, San Lorenzo y la Virgen de la Paloma genau zu Anfang des Monats stattfinden und in der Regel, wenn keine Pandemie alle Pläne durchkreuzt, recht gut besucht sind.
Madrid im August ist anders, der Rhythmus ist anders. Wenn ich nicht an die Schulferien und die angebotenen campamentos zur Kinderbetreuung, die es nur im Juli gibt, gebunden wäre, verbrächte ich den August gerne immer in Madrid. Es ist zwar heiß, die Nächte werden aber schon kühler und es ist weniger hektisch.

Während die Corona-Fallzahlen auch im August in Madrid rasant ansteigen und auch wieder die Altersheime der Region betreffen, nutzen wir nun aber die Zeit in Cádiz um vollkommen abzuschalten. Corona, was ist das? Obwohl in noch nicht einmal zwei Wochen die Schule wieder losgehen soll und wir bisher nicht wissen, in welcher Form, sind wir entspannt und genießen im kleinen Kreis Sonne, Strand und nette Gesellschaft – wie meine Großtante früher auf ihren Postkarten von Menorca immer schrieb.

„So viel Arbeit wie dieses Jahr hatte ich noch nie“, sagte mir Antonio, als ich zu ihm zur Massage ging, „die Leute scheinen dieses Jahr mehr als sonst den Kontakt zu brauchen, sie brauchen den Hautkontakt“.
Das hat mich sehr für den jungen Mann aus Sevilla gefreut, der mich in seiner Massagehütte in einem großen Garten eines Surferhotels mit Hühnern und Yoga-Retreat unweit des Strands mehrfach durchgeknetet hat. Auch wenn Antonio eine Chirurgen-Maske trug, war von Corona sonst keine Spur.
Während ich versuchte, mich auf seiner Liege zu entspannen, wurde am Strand El Palmar jedoch die rote Flagge gehisst, nicht etwa, weil die Atlantikwellen so gefährlich waren, sondern, weil einer der Baywatcher Corona positiv getestet wurde.

„Die Corona-Granaten schlagen immer dichter um dich ein“, kommentierte Alexander diesen Vorfall, „erst deine Nachbarn über dir in Madrid und jetzt der Bademeister an deinem Lieblingsstrand“.

Dort gibt es nun nicht mehr genug gesunde Aufpasser, um die Badenden zu beaufsichtigen, weswegen die Flagge, die normalerweise über den Zustand der Wellen und des Wassers Aufschluss gibt, rot anzeigte.
Beim Spaziergang schnappte ich von anderen Strandbesuchern auf, dass sich die Fallzahlen innerhalb eines Tages auf achtzehn erhöht haben und der Strand bis auf Weiteres gesperrt bleibt und das, obwohl ich morgens über Lautsprecher dort noch alle anzuwenden Corona-Maßnahmen hören konnte.

An den hohen Strommasten hängen dort nämlich Lautsprecher, die die ganze Bucht beschallen. Die Corona-Info wurde verpackt in eine Mischung aus der eindringlichen Stimme eines NO-DO-Nachrichtensprechers – des wöchentlichen Nachrichtenprogramms Noticiario y Documentales zu Francozeiten – in Begleitung einer Hawaii-Musik verkündet:
„Bitte tragen Sie Ihre Maske, wenn Sie am Strand laufen, halten Sie zwei Meter Sicherheitsabstand und schlagen Sie Ihr Lager nicht direkt an den Eingängen auf“, hieß es, „sollten sie Anzeichen von Corona-Symptomen zeigen, gehen Sie bitte nicht an den Strand!“
Maßnahmen, an die man sich problemlos halten kann, solange Ebbe und der Strand sehr breit ist.

An allen Strandzugängen stehen dieses Jahr Aufseher, die die Anzahl der Besucher kontrollieren, denn kommt die Flut, rücken die Sonnenhungrigen zusammen, um noch einen trockenen Platz zu finden, ungeachtet jeder Sicherheitsvorkehrungen.
Hier hat sich bei mir mal wieder der Eindruck bestätigt, dass sich jeder nur um den Nächsten sorgt, solange die eigenen Freiheiten nicht eingeschränkt werden.
„Warum sollte ich nicht an den Strand gehen, wenn ich das will, auch wenn ich keine zwei Meter Abstand halten kann?“, scheinen die Menschen zu denken, „sollen doch die anderen nach Hause gehen, wenn sie sich nicht mit Corona anstecken wollen“.
Tatsächlich ist unser ,Hausstrand‘ jetzt auch überfüllt, voller als die Tage zuvor und fast täglich wird ein Schild ausgehängt, auf dem der Schriftzug „Belegung ausgeschöpft“, weiteren Strandbesuchern den Zugang verwehrt.

So ganz werden wir also Corona hier auch nicht los, obwohl meine Stimmung um einiges entspannter ist. Alles wirkt weit weg, denn ich möchte mich noch nicht wieder mit den Nachrichten aus Madrid beschäftigen.

„Im August macht alles Pause“, kommentierten wir mit Anette die aktuelle Situation neulich am Strand, „keiner möchte einen Schritt machen und der neue Buhmann sein, auch Pedro Sánchez nicht“. Nicht nur die Regionalregierungen fühlten sich von der Vaterfigur des Präsidenten verlassen, sondern wir auch.
„Keiner spricht mal ein Machtwort und tut etwas“, sagte Alexander dazu, als wir in Ruhe auf die Wellen blickten „alle warten, dass jemand anderes etwas tut und so wird einfach nichts getan“.„Wahrscheinlich hat der Virus auch mal Pause, es ist doch August“, witzelten unsere Kinder, bevor sie wieder ins Wasser rannten.

Noch genießen wir die letzten Tage am Meer, bevor wir uns nächste Woche mit den neuen Schutzmaßnahmen an der Schule, dem Stau an der Fahne an der Einfahrt nach Montecarmelo und den steigenden Corona-Fallzahlen in Madrid wieder auseinandersetzen müssen. La cuesta de septiembre – der September-Anstieg, wie er bei den Spaniern so schön heißt, ist also schon in Sicht und läutet die Rückkehr zur Routine, das Ende der Ferien, die Wiederaufnahme aller regulären Aktivitäten, die Beschleunigung des Lebensrhythmus‘ und den Anstieg der finanziellen Belastungen ein, und verspricht dieses Jahr noch schwieriger zu werden, als sonst.

25.08.2020 Grenzen ziehen

Von Annette Scholz

Zahora, © Annette Scholz

“Geschafft!”, dachte ich, als ich endlich im Zug nach Cádiz saß, „endlich raus aus der Corona-Hochburg Madrid, endlich Tapetenwechsel, Meer und endlich wieder zu Emma!“
Richtige Lust hatte ich keine auf die viereinhalbstündige Zugfahrt in den Süden, vor allem, weil ich mir Gedanken machte, wie ich mich unter den aktuellen Umständen wohl in Begleitung eines unbekannten Sitznachbarn fühlen würde.
Die Tatsache, dass ich den Zug schon eine halbe Stunde vor Abfahrt besteigen durfte, war ein netter Corona-Nebeneffekt, auch die Erfrischungstücher, die mir die Beamtin der Renfe, der spanischen Bahn, noch zusteckte, bevor ich aufs Gleis ging. Die Bordrestaurants sind derzeit außer Betrieb, sodass im Waggon eine ungewöhnliche Ruhe herrschte, die ich sehr angenehm fand.

„Bitte setzen Sie Ihre Maske auf!“, hörte ich den Schaffner mit erboster Stimme noch kurz vor Abfahrt in Madrid sagen, „es ist nicht erlaubt, im Zug die Maske abzunehmen“.
Worauf der angesprochene Fahrgast mit einem „es gibt Leute, die nicht so häufig reisen und das nicht wissen“, die fünf Nachrichten ignorierte, die Renfe vor Fahrtantritt per Email und SMS verschickt, um auf die Corona-Sicherheitsvorkehrungen hinzuweisen.
Ich überlegte auch kurz, ob ich die junge Frau, die schräg vor mir saß, darauf hinweisen sollte, dass die Schutzmaske nur dann wirklich schützt, wenn man sie über Mund und Nase stülpt und sie nicht wie sie, unter der Oberlippe befestigt. Doch dann entschied ich, meine innere Maskenpolizistin zu zügeln, mich zu entspannen und mich so wenig wie möglich im Zug zu bewegen und anzufassen.
Als beim Bahnhof San Fernando – Bahía Sur endlich das Meer auftauchte, kamen mir fast die Tränen, und auch der junge Mann, der konsequent mit Mundschutz in einem Abstand von zwanzig Zentimetern neben mir gesessen hatte, war sofort vergessen.

Emma, ihr Vater und ihr großer Bruder holten mich am Bahnhof ab, waren von der Sonne braun gebrannt, gut gelaunt und hatten offensichtlich in den letzten Wochen nicht in meiner COVID19-Blase gelebt. Corona-Fallzahlen waren nur noch für mich Thema, während wir durch die Straßen Cádiz’ schlenderten, um die passende Bar für einen Aperitif zu finden. Mir war die Altstadt mit ihren engen Gassen, der prunkvollen Kathedrale und den lauschigen Plätzchen einfach zu voll, um den Virus verdrängen zu können.
„Wir müssen ein neues Restaurant suchen“, meinte Hugo, Emmas Vater auf einmal mit einem etwas zynischem Lächeln, „der Besitzer des Lokals, bei dem ich reserviert hatte, rief mich heute früh an, der Koch ist Corona positiv und sie mussten vorsorglich schließen“.
„Ach nein, gibt es hier denn auch keine Pause?“, entgegnete ich schon wieder etwas gestresst.
„Entspann dich, schalte ab, vergiss den Virus mal“, forderte mich Hugo auf.
„Gib ihr Zeit, du hast auch ein paar Tage gebraucht“, entgegnete wiederum sein Sohn.
Ich wollte vor allem raus aus der Stadt, denn da sammelten sich die Menschen, Touristen wie sonst, mit dem Unterschied, dass dieses Jahr in erster Linie Spanier und nicht die typischen Deutschen oder Engländer dort waren.

Allerdings mussten wir noch Zeit überbrücken, damit ich mein Urlaubsgefährt in Empfang nehmen konnte.
„Dieser Gaetano hat mich schon genervt“, kommentierte ich die etwas absurde Situation, uns die Zeit vom 13 bis 17:30 Uhr in Cádiz beschäftigen zu müssen, die die Autovermietung geschlossen war.
„Sie nehmen es in Cádiz mit der Siesta wohl sehr ernst“, hatte mir nämlich der deutsche Kundendienst des Wagenvermieters gesagt, um mir zu erklären, dass meine Anfrage abgelehnt worden sei, dass Mietauto auch gegen Aufpreis, 15 Minuten nach dem Beginn der Mittagspause im Büro in Cádiz abzuholen. Tatsächlich wirbt die Vermietung mit dem Slogan: „Mit dem Siesta zur Fiesta“ – oder war es umgekehrt?

Gaetano – so nenne ich den Autovermieter, da ich mit den spanischen Einwohnerbezeichnungen auch nach 18 Jahren noch nicht ganz zurechtkomme und gatidano, der aus Cádiz stammende, nicht richtig aussprechen konnte – statt ihn bei der Abholung darauf hinzuweisen, dass sein Kundenservice verbesserungswürdig sei, fragte ich ihn über die aktuelle Situation aus. Und Gaetano ging es gar nicht gut. Er verriet mir, dass statt 30 Personen, diese Saison nur 15 in der Firma arbeiten würden.
„Statt 200 Mietwagen, vermieten wir nur 50 und nur an Spanier. Die anderen 15 Leute sind noch zu Hause und beziehen bis Oktober Geld vom Staat, aber dann ist Schluss“, beschrieb er den momentanen Zustand.
Der korpulente, gemütliche Gaetano mit seinen traurigen Augen hinter der Brille, der mit seinem Akzent ganz dem Stereotyp des Südspaniers entsprach, war sehr freundlich und umgänglich, sodass ich die viereinhalb Stunden, die wir uns die Zeit vertrieben hatten, um seine Siesta zu respektieren, unter den Teppich kehrte und beschloss, es ihm nachzusehen.
Schließlich gehörte ich nun zu einer der privilegierten Personen, die Urlaub hatte und in diesen Momenten in nichts einen Grund findet, sich aufzuregen.

Trotz Gaetano und seiner Siesta schafften wir es noch bei Licht an den Strand. „El Palmar“, benannt nach der langen, mit Palmen gesäumten naturbelassenen Strandpromenade, ist einer der schönsten und breitesten Sandstrände im Süden Spaniens. Die rauen Atlantikströmungen brechen sich hier an einer flachen Küste mit feinem Sand und bieten passende Wellen für Surfer. Platz für Sonnenhungrige, gibt es dort immer, sodass man trotz Hochsaison und Nationalfeiertag auch Mitte August noch zwei Meter Sicherheitsabstand halten kann.

„Mama, endlich sind wir wieder zusammen!“, rief Emma mehrmals erfreut aus, zufrieden mich wieder in die Arme zu schließen, aber vor allem glücklich ihrem Vater eine und mir die andere Hand reichen zu können, um durch die Wellen zu springen.

Die erste Berührung mit dem Meerwasser ist jedes Mal aufs Neue intensiv und die Kälte, die den Körper plötzlich von den Zehen aus durchströmt, bewirkt bei mir zunächst eine Blockade, die mich davon abhält, tiefer hineinzugehen. Meine Tochter jedoch lachend und glucksend in den Wellen toben zu sehen, bestärkt mich weiterzulaufen und alles andere zu vergessen. Ein immer wieder durchlebtes Initiationsritual, das dieses Jahr einen reinigenden Effekt mit sich brachte, ein Abwaschen von all dem Corona-Müll, um endlich mal abzuschalten und nicht jeden Tag an die vielen neuen Infizierten zu denken. Tatsächlich wäre Corona nach dem ersten Bad fast weg gewesen, hätten die halbnackten Spaziergänger am Strand nicht weiterhin ihre Chirurgen-Masken getragen.

Nach ein paar gemeinsamen Tagen, um die Übergabe der Tochter sanfter zu gestalten, begann Emmas Urlaub mit mir und ihr Vater fuhr wieder zurück nach Madrid. Wir richteten uns gemütlich in unserem Feriendomizil in Zahora ein, einer Häuseransammlung nahe dem Strand, die fest in der Hand der Brüder Sa-ntiago, Jo-sé, Ra-món und Mi-guel liegt und in der ganz im japanischen Flair jedes zweite Restaurant Sa-jo-ra-mi heißt. Dort angekommen wurden wir davon in Kenntnis gesetzt, dass der deutsche Reiseveranstalter die Kinderbetreuung aufgrund der für Spanien ausgesprochenen Reisewarnung nicht nach Andalusien senden würde, vor allem, weil nur zwei deutsche Familien aus Madrid ihren Urlaub dieses Jahr in Südspanien verbringen wollten – unsere Freunde und wir.

„Die zwei betreuen sich selbst“, kommentierte Anjas Vater Alexander diese Tatsache nach einer Woche Vorlaufentspannung in Tarifa schon etwas relaxter, hatte er doch in Madrid noch in Erwägung gezogen, nicht mit in den Urlaub zu fahren, weil sich unsere Kinder des Öfteren mal in die Haare kriegen.
Ich empfinde es nicht als so schlimm, dass Anja und Emma manchmal darüber diskutieren wie und was sie spielen sollen – ich wäre froh gewesen, solche Diskussionen mit meinem Bruder früher gehabt zu haben – , auch wenn sie dabei zu Rumpelstilzchen und dem Teufel mit den drei goldenen Haaren werden.
„Mama, ich vermisse sogar meine Streits mit Anja“, hatte mir Emma während des Lockdowns mal gestanden, umso besser, wenn es jetzt wieder Raum dafür gibt.
„Komm, Anja!“, „Los, Emma!“, ist im Moment den Großteil des Tages zu hören und sehen tue ich meine Tochter außer vom Weiten im Schwimmbad eigentlich kaum. Zum gemeinsamen Restaurantbesuch müssen wir uns schon verabreden.

Die Coronamaßnahmen in der Unterkunft, die von der Waschpaste, zum eigenen Handtuchwechsel über eine beschränkte Anzahl an Schwimmbadbesuchern und ein Verschwinden der Sonnenliegen reichen, sind schnell in den Urlaubsalltag integriert. Es sagt schon alles, dass ich beim Verlassen der Mietwohnung regelmäßig die Maske vergesse, die auch hier überall obligatorisch ist.
Außer beim Strandspaziergang, wenn wir die vielen seltsamen Nackedeis, braun gebrannt, mit Mundschutz sehen, nahmen wir Corona erst wieder während unseres Abendessens im Sajorami Beach mit Live Musik bewusst wahr.
Letztes Jahr gab es dort zum Sundowner eine gut gefüllte Tanzfläche, auf der die feschen jungen Damen im Bikini mit Häkelhemd zu Reggaetonmusik die Herren in Badehose und mit freiem Oberkörper suchten. Dieses Jahr gibt es keine Tanzfläche mehr, die Damen in Häkelspitze und die Herren ohne T-Shirt sind aber wieder da und möchten tanzen. Es ist also trotz Corona einiges los.
„Mama, das ist die Frau, deren Popo ein Eigenleben hat“, rief mir Emma die Animateurin wieder in Erinnerung, die letzten Sommer mit ihren Hüftbewegungen an der Promenade, die Besucher vom Strand ins Lokal lockte und dieses Jahr beauftragt ist, die Tische und Bänke zu desinfizieren – so nannte ich die Frau aus der Dominikanischen Republik letztes Jahr, da ich fasziniert von der Schnelligkeit ihrer sich bewegenden Pobacken war.

„Ist der betrunken?“, fragten uns die Kinder, als wir einen Mann in den Dreißigern mit seinen Kumpeln Bier trinken sahen.
„Sieht ganz so aus“, gab ich zur Antwort.
„Woher weißt du das?“, insistierte Emma.
„Das kann ich an seinen Bewegungen und seinem Lachen sehen und an seiner Art, wie er redet“, versuchte ich den Zustand des Mannes zu beschreiben, der über alle glücklich zu sein schien, deren Blicke sich auf ihn richteten und ihn zu Hochformen anspornten.
Die Musik hatte ihn animiert und er bewegte sich von seinem Stehtisch in Richtung des Weges, der das Restaurantgebäude und die kleine Bühne mit der Band von den Sitztischen zum Abendessen und Blick aufs Meer trennt. Dieser Weg ist nicht nur eine Trennung beider Bereiche des Restaurants, sondern auch der Durchgang zu allen anderen Restaurants, die sich an dieser kurzen Strandpromenade noch befinden, wodurch dieser Fußweg einer Durchgangsstraße ähnelt, auf der man sieht und gesehen wird. Hier trifft sich, wer in Zahora etwas auf sich hält.

Wir saßen an unserem Tisch in die eine Richtung mit Blick aufs Meer und das allabendliche Spektakel des Sonnenuntergangs, das hier von allen Anwesenden immer wieder mit einem tosenden Beifall begleitet wird, und in die andere mit Blick auf das Treiben in Zahora city.
Emma konnte nicht aufhören, den angetrunkenen Jüngling zu beobachten, nicht weil er so gut ausgesehen hätte – er war klein, etwas rundlich und ganz normaler spanischer Durchschnitt – sondern, weil er lächelnd und angeheitert etwas Ärger machte.

Den Kellnern im Sajorami Beach kommt dieses Jahr nämlich eine Doppelrolle zu, sie sollen einerseits den Besuchern so viel Getränke wie möglich ausschenken, und andererseits darauf achten, dass sie in ihrem angetrunkenen Zustand niemandem ohne Maske zu nahekommen.
Mit Maske darf man auf dem staubigen Weg, der die Tische vom Restaurant trennt, tanzen, auch wenn man dann zum Hindernis für alle Passanten wird, aber ohne darf man es nicht, nur ganz dicht an den eigenen Tisch gepresst – so zumindest nach den Gesten des genervten Kellners zu urteilen, der versuchte Paco – der Betrunkene sah einfach aus wie ein typischer Paco – in Zaum zu halten.
Paco verstand die Botschaft, das konnten auch wir sehen, denn er malte sich mit dem Fuß einen Strich auf den Boden, mit dem er seinen Tanzbereich markierte.

„Man muss klare Grenzen ziehen“, kommentierte Alexander die Szene.
Paco machte sich aber einen Spaß daraus, seine selbstgezogene Grenze mit einem spitzbübischen Lächeln wie eine Prima Ballerina mit gestreckten Fußzehen immer mal wieder zu übertreten, während er zu spanischen Rhythmen die Hüften schwang und den runden Bauch unter seinem T-Shirt freilegte.
„Schaut mal alle her, was ich kann!“, schien sein Gesichtsausdruck zu sagen, als er die Coronamaßnahmen zu seinem persönlichen Spiel benutzte.
„Morgen gibt es 3.000 und eins, zwei, drei, vier fünf Fälle“, meinte Alexander, mit Blick auf Paco und die, die ganz in seiner Nähe standen.

Ob Paco noch eins von den Häkelmädchen für sich gewinnen konnte, haben wir nicht mehr mitangesehen. Nach sechs Stunden Synchronschwimmen im Schwimmbad verlangt der Kinderkörper doch mal nach einer Ruhepause, sodass wir nach einer alkoholfreien Caipirinha ins Bett fielen.

18.08.2020 Corona im Haus

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Der Mann am Nebentisch hörte nicht auf zu niesen, als ich neulich mit meiner Nachbarin draußen in einer Bar saß. Der Abstand zu seinem Sitzplatz war sicher mindestens zwei Meter.
„Er niest in seinen Ellebogen”, beruhigte mich meine Bekannte, als sie merkte, dass mir langsam etwas mulmig wurde. Ich konnte es nicht sehen, da er hinter mir saß. Doch hatte ich das Gefühl seine Tröpfchen in meinem Nacken zu spüren, und bereute es ein wenig, dass ich spontan zugesagt hatte, als mich die Frau, die ich bisher nur aus der Wohnanlage kannte, gefragt hatte, ob ich mit ihr etwas trinken gehen würde.
Als sich auch unter den andere Gästen eine betretene Stille breit machte, näherte sich ihm die freundliche Kellnerin: „Es ist in Ordnung, wenn du deine Maske zum Essen und Trinken ausziehst, aber wenn du nicht aufhörst zu niesen, dann ziehe sie doch bitte wieder an!”, und wurde damit für alle Anwesenden zur Heldin des Abends, die sicher wie ich auch schon darüber nachgedacht hatten, das Lokal fluchtartig zu verlassen.
Der arme Mann hatte wahrscheinlich nur eine Allergie, aber trotzdem möchte ich im Moment von niemandem angehustet oder -geniest werden. Ich weiss noch nicht einmal, wie er aussah, aber das Geräusch klingt mir weiter in den Ohren.

„Neulich hat Noelia mal wieder geweint”, meinte Isabell, die mir immer schöne Fotos von der grünen Landschaft in Deutschland schickt, „meine Kinder haben die Wochen eingesperrt in der Wohnung doch nicht ganz unbeschadet überstanden”. 
„Emma hat auch geweint”, erwiderte ich, „weil sie im Herbst unbedingt wieder in die Schule gehen möchte”. 
Hätten wir uns jemals vorgestellt, dass unsere Kinder einmal jammern, weil sie in die Schule gehen wollen?
Ich möchte nicht unbedingt wieder ins Büro. Ich darf gehen, hätte aber nichts dagegen, wenn ich es nicht tun müsste. Ich merke, dass ich mit den steigenden Corona-Fällen immer nervöser werde. Wahrscheinlich ist es die Angst davor, wieder im Haus bleiben zu müssen, nicht das tun zu können, was ich möchte, und im Moment vor allem, in dieser Situation ganz alleine zu sein. Plötzlich fehlen mir auch die Menschen, die sonst auch nicht da sind.
Ich habe immer gedacht, dass ich Emma sehr unterstützt hätte, diese extreme Situation glimpflich zu überstehen. Aber jetzt wird mir klar, wie sehr sie mir eigentlich geholfen hat, diese erste Welle relativ unbeschadet hinter mich zu bringen.

Vor ein paar Wochen hat uns die Nachbarin am Schwimmbad noch zum Geburtstagskuchen eingeladen. Seit dem war jeden Abend im Hof viel los, die Kinder haben mit den Erwachsenen Party gefeiert, fünf bis sechs Familien – immer dieselben – saßen dicht an dicht zusammen und haben sich vergnügt – Sommer eben.

Seit ein paar Tagen ist plötzlich Ruhe. Darüber habe ich mich zunächst sehr gewundert, fand aber nur drei mögliche Erklärungen: erstens drei von den fünf Familien sind in den Urlaub gefahren; zweitens könnte sich  jemand bei der Hausverwaltung beschwert haben und sie haben einen Rüffel bekommen, oder drittens hat jemand hat Corona und sie mussten deswegen ihre sozialen Zusammenkünfte einstellen.
Die Familien, die sich noch vor ein paar Wochen jeden Abend im Hof erfreuten, waren diejenigen, deren Kinder Emma ausgegrenzt hatten, weil sie nur mit Maske und Abstand mitspielen wollte.
Aufgefallen war mir auch, dass mein home office-Kollege von oben in den letzten Tagen nicht mehr aus dem Haus gegangen war. Das wurde mir vor allem bewusst, wenn sich seine beiden kleinen Töchter lautstark von ihrem Hüttenkoller Luft machten.
„Wir sind krank geschrieben”, hörte ich heute seine Frau über den Balkon rufen, „wir müssen vierzehn Tage zu Hause bleiben und können dann hoffentlich in den Urlaub fahren”, woraufhin ich verstand, warum er nicht mehr auf dem Balkon im home office saß, sondern drinnen die Bohrmaschine schwang, während sich die beiden Mädchen gegenseitig aufzuspießen schienen. 
Corona schwebt also sozusagen direkt über mir.
„Bloß im Treppenhaus nichts anfassen”, dachte ich bei mir und musste mir eingestehen, dass ich langsam etwas paranoid werde.

„Ich mag nicht mehr hier sein”, gestand ich heute meiner Freundin Isabell, „ich fühle mich nicht mehr wohl, ich bin unruhig”. 
„Ich will nicht zurück”, gab sie mir zur Antwort, während sie mir ein Foto von 25 spanischen Freunden aus ihrer Nachbarschaft in Madrid schickte, die gerade gemeinsam in einem Landhaus in Zentralspanien Urlaub machen. An einem Riesentisch zusammengepfercht wie die Ölsardinen, saßen sie beim Paëlla-Essen, so wie immer.
„Sollte im Herbst der Lockdown wieder kommen, werde ich alles daran setzen, nach Deutschland zu gehen, zumindest für ein paar Wochen oder Monate,” bestätigte ich ihr, „ich brauche eine Pause von der Stimmung hier, von der Mentalität, von der Destruktivität”.

Mit der „neuen Normalität“ kann in Spanien die Übertragung des Coronavirus nicht kontrolliert werden, steht in der Zeitung. Eineinhalb Monate nach dem Ende des Alarmzustands haben sich Ausbrüche und Infektionen vervielfacht, und mit ihnen die Anzahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Entwicklung der Krankheit, bis auch die Zahl der Toten wieder zunimmt. 
Und dann gibt es doch wirklich solche „Covidioten“, die,corona-positiv’ sind und auf Parties alles anfassen und ablecken, um möglichst viele Leute anzustecken. Ein Spiel, bei dem derjenige Gewinner ist, der am meisten andere mit dem Virus infiziert. 

„Entweder kontrollieren wir uns jetzt selbst oder uns steht wieder ein Lockdown bevor”, sagte Margarita del Val, die Virologin und Immunologin des Molekularbiologischen Zentrums von Severo Ochoa, die eine der Unterzeichnerinnen des Briefes ist, in dem zwanzig renommierte Wissenschaftler die Durchführung einer unabhängigen Prüfung des Managements der Pandemie in Spanien fordern.
Sie warnt vor einer gefährlichen zweiten Welle mit dem Kälteeinbruch, gefördert durch die Lockerung der Distanzierungs- und Hygienemaßnahmen: „Im Mai und Juli haben wir die Regeln eingehalten, die das Schutzschild gegen den Virus darstellen. Aber jetzt nehmen wir das alles nicht mehr so ernst. Es wird schwierig sein, die Herbstwelle unter Kontrolle zu bringen, da wir eine hohe Ansteckung innerhalb der Gemeinschaft verzeichnen”.
Sie erklärte, dass die ersten Intensivstationen bereits vorbereitet werden, auf das, was kommen könnte. Die Bevölkerung ist im Urlaub, aber das bedeutet nicht, dass deswegen die Schutzmaßnahmen unterlassen werden können. 
„Es ist wichtig, nicht nur an sich selbst zu denken”, forderte sie die Gesellschaft auf, „denn das Schlimme ist, nicht anfällig für Corona zu sein, sondern es zu verbreiten.“ Darüber versuchte sie vor allem die Jugendlichen wachzurütteln, die zwar nicht zu den Corona-Risikogruppen gehören, doch diejenigen sind, die mehr unter den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zu leiden haben werden: „Die jungen Menschen sind eine Risikogruppe, die von den wirtschaftlichen Folgen bedroht ist. Ohne Gesundheit gibt es keine Wirtschaft und ohne Wirtschaft keine Arbeitsplätze”.

„Mir geht es genauso”, sagte mir neulich die Rumänin Victoria, „ich bin auch entsetzt darüber, dass hier scheinbar jeder nur an sich denkt und keine Rücksicht auf die anderen nimmt”. 
Der private Kindergarten, in dem sie arbeitet, war vier Monate geschlossen und es ist unsicher, wie es im Herbst mit ihm weitergeht. 
„Es sieht nicht gut aus”, kommentierte sie die unsichere Situation resigniert, „Menschen, die sich einschränken müssen, werden auch an Schulgeld sparen”.
Die wirtschaftliche Krise, die Spanien bevorsteht, wird das Land auch in dieser Hinsicht härter treffen als andere. Der Ausspruch „Die Deutschen leben, um zu arbeiten und die Spanier arbeiten, um zu leben”, den ich im Kulturvergleich immer gerne zitiert habe, schien mir die besondere Fähigkeit der Südländer, den Moment zu leben, positiv zu unterstreichen. Jetzt frage ich mich, ob es nicht viel positiver wäre, ein bisschen vorausschauender zu sein – von jetzt bis Herbst?

Pedro Almodóvar resümierte den Unterschied zwischen der deutschen und spanischen Mentalität diesbezüglich überzogen in einer kurzen Fernsehszene in seinem Film „Átame” (1990). Ein Werbespot einer Versicherungsgesellschaft, den die Protagonisten Antonio Banderas und Victoria Abril ansehen, zeigt eine alte, in schwarz gekleidete, bettelnde spanische Frau vor der Stierkampfarena Las Ventas in Madrid, blendet dann zu einer Seniorendisco in Benidorm über, in der sich deutsche Besucher in fröhlicher Sommerkleidung zu spanischen Pasodoblen bewegen. Ein Sprecher aus dem Off fragt nur „¿Por qué? – Warum?”, während die folgenden Bilder die Antwort liefern. Ein junges arisches Paar in Uniform mit Hakenkreuzen am Arm, unterschreibt einen Versicherungsvertrag bei der vermeintlichen Firma, während, so die Bilder nach dem Schnitt, ein dunkelhaariges, attraktives Pärchen, leidenschaftlich zu Tango-Musik tanzt.

Als ich den Film vor 25 Jahren zum ersten Mal in der Sprachschule sah, konnte ich vor allem über die Hakenkreuze nicht wirklich lachen, während sich meine spanischen Lehrer, an Almodóvars zynischem und selbstkritischen Humor ergötzten.
„Was ist daran lustig?”, fragte ich damals Miguel, meinen Spanischlehrer, „an Nazis kann ich einfach nichts Komisches finden“.
„Das ist doch völlig überzogen“, gab er mir zu Antwort, „nimm das nicht so ernst! Es geht nur darum, die immer propagierte Disziplin der Deutschen, den Hang vorauszuschauen und effizient zu sein, ins Extrem zu führen. Die Spanier betteln ja auch nicht alle, wenn sie alt sind und tanzen vorher nur Tango“.
Im Laufe der Jahre in Madrid habe ich gelernt mit dem für Deutsche gar nicht amüsanten Thema der Nazi-Vergangenheit etwas anders umzugehen und nach wiederholter Ansicht des Films verstand ich irgendwann, was Miguel damals meinte.