22.09.2020 Ballspiel

Von Annette Scholz

Tetuán, Madrid, © Annette Scholz

„Mama, wo kommt denn das Geklatsche her?“, fragte mich Emma neulich, als wir mit ihrem Bruder Fußball schauten, „da sitzt doch gar niemand, der klatschen kann“.
Tatsächlich waren alle Tribünen bei den Champions League Spielen leer, während der Sound derselbe war wie immer – johlende und applaudierende Fans wurden aus dem Off eingespielt, damit bei dem Spiel für Ambiente gesorgt ist.
„Hören die Fußballer das auch?“, fragte sie mich weiter.
„Vielleicht“, gab ich ihr zur Antwort, da ich mir dachte, dass die Spieler dadurch sicher angespornt würden, Höchstleistungen zu bringen.
Am 19. September ging die spanische Fußball-Liga trotz Pandemie wieder los.
Der Sport, der vor allem vielen Jungs hier sozusagen mit in die Wiege gelegt wird, weil Papa vielleicht madridista – Anhänger von Real Madrid – ist und schon den ersten Body des Sprösslings mit dem Vereinswappen aussucht, erfreut sich in Spanien großer Beliebtheit. Fußball ist in den Medien auch trotz der Corona-Situation immer eine der sechs wichtigsten Nachrichten.
Schon von klein auf mit der starken Präsenz dieses Sports im alltäglichen Leben durch Liveübertragungen in Bars und ausführlichen Berichterstattungen auf allen Ebenen sozialisiert zu werden, hinterlässt Spuren, sogar auf sprachlicher Ebene.

 Die Corona-Fälle in Spanien eskalieren weiter: Am 17. September wurden 11.193 neue und 239 Todesfälle innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Besonders besorgniserregend ist die Situation in der Region Madrid, in der 1.501 neue COVID19-Infektionen gemeldet wurden.
In der Region sind in den letzten 14 Tagen im Durchschnitt 598 und in der Hauptstadt 673 Fälle pro hunderttausend Einwohner geschrieben worden. Einige der Stadtbezirke überschreiten jedoch 1.000 Fälle pro hunderttausend Einwohner, weswegen der Gesundheitsminister Salvador Illa die Regionalregierung aufgefordert hat, „das Notwendige zu tun“, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. 

„Díaz Ayuso“ – die Regierungschefin in Madrid – „hat doch keine Ahnung, was sie machen soll”, meinte neulich einer der Praktikanten, der gerade zu unserem Festivalteam gestoßen ist, als wir zu viert mit Masken in unserem Stammcafé in Alcalá den ersten Kaffee einnahmen.
„Es ist wirklich bedrückend”, erwiderte Luis, „diese Frau ist gefährlich, da sie überhaupt keinen Plan zu haben scheint”.
„Ihr Pressechef kann einem leid tun”, fügte die andere Praktikantin hinzu, während sie in ihren Muffin biss, „er zittert bestimmt vor jeder Pressekonferenz, aus Angst vor jedem weiteren Fauxpas, den sie begehen wird”.
„Neulich hat sie den Vogel abgeschossen”, kommentierte Luis, „als sie die Immigranten für die hohen Corona-Ansteckungsraten in den südlichen Stadtvierteln Madrids verantwortlich gemacht hat”.

Auf Twitter wurde diese Äußerung mit unzähligen Nachrichten kommentiert, die die PP-Politikerin mit dem rechtsextremen Lager in Verbindung brachten.
„Díaz Ayuso gehen die Tricks aus”, hieß es unter anderem, um ihr regionales Pandemie-Management zu beurteilen, „zuerst waren die Demonstrationen des 8. März schuld an der gravierenden Situation in der Hauptstadt, dann die Ankömmlinge am Flughafen Barajas, jetzt die Immigranten. Die Realität ist: Fehlendes Personal im Grundversorgungssystem, um Corona-Fälle nachzuverfolgen und Chaos in den Schulen”. 

Verantwortung in der momentan wieder besorgniserregenden Situation in Madrid zu übernehmen, ist eine schwere Aufgabe, zumal niemand auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann. Díaz Ayuso echa los balones fuera – sie wirft, beziehungsweise schießt die Bälle nach draußen und steht nicht zu ihren Fehlern. Andere sollen für ihre wenig wirksamen Maßnahmen, ihr spätes Reagieren und die fehlende Vorsorge hinhalten.

Eine der letzten Pressekonferenzen der Regionalregierung wurde nach ihrer Parlamentssitzung grundlos abgesagt. Vermuten lässt sich nur, dass die Politiker keinen Konsens und keine Strategie für den Umgang mit der jetzigen Situation entwickelt haben, die sie den Bürgern verkünden könnten. Immer wieder werden durch die Medien unterschiedliche Meldungen von Zonen-Lockdowns und dessen Dementi, verbreitet, die die Madrider Einwohner verunsichern.

Pedro Sánchez hat nach dem Alarmzustand die Verantwortung an die Regionalregierungen abgetreten, um das Corona-Problem einzudämmen. In jeder wird es anders gehandhabt, mit unterschiedlichen Resultaten. Doch hier in Madrid greift die Vaterfigur jetzt wieder ein, um etwas Ordnung zu schaffen. Offiziell haben sich der Staatschef und die regionale Regierungsvorsitzende vertragen und verbündet, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen.
Nuevamente estaba la pelota en su tejado – Der Ball lag wieder auf Sánchez‘ Dach, ihm soll die Verantwortung übertragen werden, die Corona-Situation in Madrid unter Kontrolle zu bringen. Wenn es nicht glatt läuft, gibt es dann auch wieder einen Bumann zum Beschimpfen. Diesmal konnte sich die Madrider Regierung aber nicht aus der Affäre ziehen, denn alle Schritte sollen in Abstimmung und im Konsens bestimmt werden – etwas ganz Neues.

„Einige meiner früheren Kollegen an den öffentlichen Schulen sind zurückgetreten”, sagte uns der pensionierte Lehrer Pepe neulich, der schon seit Bestehen des Festivals Mitglied des Sichtungskommittees ist, als wir uns trafen, um die Filme für den diesjährigen europäischen Wettbewerb auszuwählen, „sie halten dem Druck nicht stand, basierend auf zu vagen Vorgaben die Verantwortung zu übernehmen, in dieser Situation konkrete Maßnahmen für die Schulen zu treffen”.
„Was machen denn dann die Schulen?”, fragte Luis verunsichert.
„Das Personal muss sich mit den neuen Schulleitern abfinden, die von der Behörde durch Fingerzeig ausgewählt werden, irgendjemand, der sich eingeschleimt hat” – quién les ha hecho la pelota; wörtlich, der ihnen den Ball gemacht hat.
Neue Schulleiter übernehmen also in Schulen die Verantwortung, um die schwierige und schier unkontrollierbare Situation zu durchstehen.
Ich bin nur froh, dass Gesamt- und Grundschulleiter der Deutschen Schule, das Lehrerkollegium, Schüler und Eltern hier in Madrid nicht alleine lassen, und sich diesem zusätzlichen COVID-Stress aussetzen, um das nächste Schuljahr so gut wie möglich zu meistern.

Tatsächlich wurde nun diese Woche von der regionalen Regierung in Madrid beschlossen, dass alle Stadtbezirke, beziehungsweise Gesundheitsbezirke, die mehr als 1.000 Fälle pro hunderttausend Einwohner verzeichnen, in den Lockdown müssen. Das bedeutet, dass sich 850.000 Bewohner nun nur noch zum Arbeiten, Arztbesuch, zur Schule oder mit Sondererlaubnis aus ihrem COVID-Ghetto herausbewegen dürfen. Betroffen sind davon im Moment hauptsächlich die im Süden der Hauptstadt gelegenen Stadtviertel.

„Gerade nochmal Glück gehabt”, sagte mir Anette erleichtert, „in Tetuan, bei Plaza Castilla, hat nicht viel gefehlt, der Index liegt bei 850. Bald sind wir auch dran. Dann können wir dich in Montecarmelo nicht mehr einfach zum Essen besuchen”.
„Einer meiner Praktikanten kann am Montag nicht mehr ins Büro kommen”, gab ich zur Antwort, „er wohnt in Vallecas. Das wird dieses Jahr wohl eher ein virtuelles Praktikum”.

Abgesehen von den Einschränkungen in der Mobilität der Anwohner, sind Parks abgesperrt, Restaurants müssen in diesen Bezirken um 22 Uhr schließen und dürfen drin und draußen nur noch die Hälfte aller Tische belegen. Und Versammlungen in ganz Madrid privat und öffentlich sind nun wieder auf sechs Personen beschränkt.

 So wie sich die COVID19-Situation in der Region Madrid gerade entwickelt, wollte ich vorausschauend sein und mich auf den möglichen regionalen Lockdown, der auch Montecarmelo treffen kann, vorbereiten.
„Du kannst arbeiten von wo du willst”, sagte mir meine Chefin auf meine Anfrage, ob ich ins home office gehen könnte, „es darf nur keiner mitbekommen, dass du nicht im Büro bist und offiziell solltest du auch keinen Antrag stellen, denn den kann ich dir nicht genehmigen, weil sonst alle das Gleiche machen würden”. 

Damit hat sie den Ball an mich weitergegeben – me pasa la pelota – da ich selbst die Verantwortung übernehmen muss, ob ich ohne offizielle Erlaubnis meinen Arbeitsplatz nach Hause verlege oder nicht, mit dem Risiko, das diese Entscheidung birgt. Dabei sollte man meinen, es sei sinnvoll in so einer Situation von zu Hause zu arbeiten, wenn das denn problemlos möglich ist.

„Alle sind irgendwie wie verrückt”, sagte mir neulich die Mutter einer Mitschülerin von Emma, die als Innenarchitektin arbeitet, während sie sich mein Badezimmer betrachtete, „ich habe so viele Baustellen zu beaufsichtigen, die Lieferanten kommen nicht hinterher, da die Lager wegen Corona leer sind. Keiner scheint Verständnis dafür zu haben, die Stimmung ist gereizt und keiner wahrt mehr die Formen”.
Sie erzählte mir von einem heftigen Streit mit einer Verwaltungsangestellten und kam zu dem Schluss, dass sich die momentane unsichere Situation auf die Gemüter der Menschen auswirkt.
Juegan a la pelota conmigo – sie spielen Ball mit mir”, beschwerte sie sich, „sie lassen mich sinnlos hin- und herlaufen, ohne dass ich etwas erreichen kann”.Im sprachlichen Ballspiel der Spanier stehen weder Strategien, Techniken, noch Spielzüge im Mittelpunkt. Mit einer unterschwelligen oder direkten negativen Konnotation geben sie den Ball an andere weiter, wie die Deutschen die heiße Kartoffel fallen lassen.
„Haltet doch mal den Ball flach!”, denke ich nur und hoffe, dass die aktuellen Maßnahmen gewisse Erfolge zeigen und sich die sozial schwächeren Stadtviertel in Madrid, die nun mit Polizeikontrollen abgeriegelt werden, nicht zu sozialen Brennpunkten ähnlich den banlieues der Metropolen in Frankreich, entwickeln.

15.09.2020 Kulturgut

Von Annette Scholz

Huerta del Obispo, Alcalá de Henares, © Annette Scholz

Die letzten Jahre brachte die Stadtverwaltung in Alcalá de Henares im Sommer Kino mit aufblasbaren Leinwänden auf die kleineren öffentlichen Plätze der verschiedenen Stadtviertel. Dieses Jahr waren Masken, Waschpaste und ganz viel Abstand dafür nötig, weswegen die Events auf einen Platz verlegt wurden, der sonst im Herbst die Ritterspiele des Mittelalterlichen Marktes beherbergt, der dieses Jahr ins Corona-Wasser fällt. 
Das Gelände, das so groß wie mehrere Fußballfelder ist und normalerweise Tausende von Menschen fasst, liegt an den alten Stadtmauern. Rund 600 Leute nahmen vier Wochen lang von Montag bis Mittwoch auf der eigens dafür eingerichteten Bestuhlung Platz, um sich an lauen Sommerabenden mit einem Film die Zeit zu vertreiben. 
Corona-bedenklich fand ich bei den Freiluft-Events, die den Rest der Woche mit Konzerten, Tanzvorführungen und Theater auf einer Freiluftbühne ergänzt wurden, nur den Einlass durch ein einziges Tor, das Nadelöhr. 

Noch Ende August änderten sich die Auflagen wegen ansteigender Corona-Zahlen in Madrid, sodass wegen einer geringeren Anzahl zugelassener Zuschauer alle Veranstaltungen bis September gestrichen wurden. 
So schnell kann es gehen! Das Sommerkino konnten wir noch wie geplant durchführen, Theater und Tanz blieben jedoch auf halber Strecke.
Und dies war kein Einzelfall. Im Moment ist Eventorganisation durch große Unsicherheit gekennzeichnet, alles was heute in Ordnung und erlaubt ist, kann morgen schon wieder hinfällig sein. Genau wie die Auslastung der Theater von 75% für den Herbst wieder auf 50% beschränkt wurde. Wer weiß, vielleicht dürfen im November Kinos, Theater und Konzerthallen gar nicht mehr besucht werden. 

Diese Unsicherheit betrifft nicht nur die Events, sondern vor allem deren Organisatoren, wobei ich mich als Angestellte der Stadtverwaltung noch sehr glücklich schätzen kann.
Die Musik hat aufgehört zu spielen, die Lichter sind aus und viele Fachleute des kulturellen Sektors erleben eine dramatische Situation. Konzertorganisatoren gehen am 17. September in 16 spanischen Städten gleichzeitig auf die Straße, um die öffentliche Verwaltung aufzufordern, die kulturelle Agenda zu reaktivieren und ihren Sektor als besonders betroffen anzuerkennen.
Angesichts einer ungewissen beruflichen Zukunft haben sich Musikarbeiter zusammengeschlossen und die Gruppe MUTE (Movilización Unida de Trabajadores del Espectáculo) gegründet, „um die schwierige Situation sichtbar zu machen, die die Welt der Live-Musik durch den monatelangen Ausfall der Aktivitäten erlebt”, erklärte Iván Espada, ihr Sprecher. Diese vor etwas mehr als zwei Wochen gegründete Gruppe umfasst heute schon mehr als 25.000 Mitglieder, unter denen sich Jongleure, Techniker und Saalpersonal vereinigen.
„Es ist wichtig, die besorgniserregende Situation des Unterhaltungs- und Veranstaltungssektors unter dem gleichen Motto und der gleichen Richtung sichtbar zu machen, die die spanische Regierung und die zuständigen Ministerien fordern“, fügte Espada hinzu.

Während des Kultursommers an der Stadtmauer in Alcalá kamen Emma und ich einmal mehr in den Genuss eines Konzerts des libanesischen Geigers Ara Malikian. – Tatsächlich sind die drei Frauen-Generationen meiner Familie große Fans dieses virtuosen, langhaarig verstrubbelten, tätowierten und unterhaltsamen Künstlers. Oma steht in dieser Hinsicht Emma und mir in nichts nach. 
Malikian beendete seine Darbietung nach Sonnenuntergang und eineinhalb Stunden klassischer und moderner Musik mit einer bewegenden Dankesrede:
„Monatelang haben wir nicht mehr auf einer Bühne gestanden, es ist ein befreiendes Gefühl, endlich wieder vor einem Publikum zu spielen“, sagte der Musiker ernst, der sich sonst besonders durch seinen Humor auszeichnet, „danke, dass ihr trotz der widrigen Umstände hier seid und uns zuhört. Nur so macht unsere Kunst richtig Sinn. Danke, dass ihr die Kultur unterstützt!“
Daraufhin schloss er mit dem ergreifenden selbst komponierten Schlaflied „Nana arrugada”, das er den COVID19-Patienten widmete, die während des Lockdowns ohne den Beistand ihrer Familie alleine hatten sterben müssen.

Bei vorherigen Konzerten verließ Emma das jeweilige Theater immer nur, wenn sie dem Geiger nach der Vorstellung am Ausgang einen Kuss geben konnte.
„Müssen wir wieder warten, bis du ihm einen Kuss geben kannst?” fragte ich sie nach dem diesjährigen Freiluftkonzert mit Klavier.
„Nein”, entgegnete sie mir nur kurz und nicht ganz überzeugt, denn sie hatte noch Tränen in den Augen. 

Als ich nach dem Urlaub wieder ins Büro kam, sah alles aus wie vorher, mit Waschpaste und Absperrband.
„Was machen wir hier in Spanien bloß?”, fragte mich mein Kollege Luis resigniert, als ich wie jeden Morgen zum Begrüßungsplausch in sein Büro trat, „warum stehen wir schon wieder auf dem ersten Platz in Europa aller negativen Dinge? Die höchsten Fallzahlen der zweiten Welle, die meisten Toten, das schnellste Zusammenbrechen der Wirtschaft…”

Er wirkte mit seinem blassen Gesicht und seinen dunklen Augenrändern, als hätte er das Büro die ganze Zeit über nicht verlassen und tat mir leid, wie er so erschöpft hinter seinem großen Schreibtisch in seinem sonnendurchfluteten Büro saß, in dem der Putz wegen Schimmel von den Wänden fällt.

„Das Soziale”, versuchte ich fachsimpelnd zu trösten, „die Familien sind hier generell größer als in Deutschland, der Kontakt enger und gemeinsame Aktivitäten in Gruppen sind besonders beliebt”.
„Das kann aber doch nicht alles sein”, erwiderte er niedergeschlagen.
„Die Notwendigkeit körperlicher Nähe und die typisch spanische picaresca helfen auch nicht, den Virus einzudämmen”, gab ich ihm zur Antwort, „mit öffentlichen Auflagen wird vieles getan, die Situation zu verbessern, aber die Menschen lassen sich dadurch nicht ändern”.
„Meine Schwester und mein Neffe haben Corona“, sagte er mir, „es ist was ganz anderes, ob du nur in den Nachrichten davon hörst oder auf einmal selbst davon betroffen bist. Ihnen ist er vor allem auf den Magen geschlagen“.

Weggefahren ist Luis dieses Jahr im Sommer nicht. Bevor das Filmfestival im November startet, wird daraus auch sicher nichts mehr. Stattdessen hat er die Familie mit Essen und Medikamenten versorgt. Seine Eltern, die im Juli ins Strandappartment am Mittelmeer umgezogen waren und Ende August nach Alcalá zurückkommen wollten, hat er auch bei Laune gehalten und versucht auf die Distanz zu beruhigen, denn wegen der infizierten Tochter konnten sie nicht mehr in ihre Wohnung nach Hause zurück, ohne Gefahr zu laufen sich selbst anzustecken.

Dieses Jahr wird uns die Organisation des Kurzfilmfestivals, dessen fünfzigjähriges Jubiläum wir ohne Corona im November gefeiert hätten, erheblich durch die sich wöchentlich ändernden Auflagen erschwert. Auch jetzt wissen wir noch nicht, ob wir tatsächlich Filmemacher einladen und wie sonst, die Filme im Kino zeigen können. Subventionen sind beantragt und genehmigt, ein paar Gäste haben schon zugesagt, wenn sie denn reisen können, und Hunderte für den Wettbewerb eingereichte Filme werden gesichtet. Die Vorbereitungen laufen wie immer. Es wird ein Festival geben. In welcher Form, wissen wir erst, wenn es los geht. 
„Wir sind Dinosaurier!”, seufzten Luis und ich, „die technische Entwicklung, das Internet und die Möglichkeit, Filme nach Bedarf zu Hause zu sehen, macht uns weitestgehend überflüssig, vor allem in einer Zeit wie dieser. VOD-Plattformen wie Netflix und Filmin sind die Zukunft”. 

Abgesehen von der neuen Schulsituation wäre für Emma ab September auch eine Nachmittagsbetreuung fällig, denn meine Arbeit im Büro steigt an und ich müsste Vollzeit arbeiten, um alles erledigen zu können. Die Nachmittagsbetreuung der Deutschen Schule verlangt wegen der außerordentlichen Situation dieses Jahr aber, dass die Kinder alle fünf Wochentage nachmittags angemeldet werden und für das ganze Halbjahr, was mit einem gewissen Kostenaufwand verbunden ist. Da Emma auch in meinen arbeitsstarken Monaten zwei Tage die Woche von ihrem Vater von der Schule abgeholt wird und ich sie nur von September bis November wegen der ansteigenden Arbeit für das Filmfestival fremd betreuen lasse muss, lohnt sich diese Investition für mich nicht.
Der Hort, bei dem Emma seit mehreren Jahren sonst unterkommt, ist nicht zuletzt wegen COVID19 in einer wirtschaftlichen Krise. Statt der üblichen 20 Kinder, sind diesen September nur fünf angemeldet, weshalb die Betreuung der Schulkinder zu Halbjahresbeginn zunächst nicht gewährleistet werden kann.

„Die Wirtschaft bricht schneller zusammen, als gedacht”, kommentierte mein Kollege die Situation, „es ist bereits entschieden, dass es keinen generellen Lockdown mehr geben wird, nur noch punktuell, in Regionen, in denen besonders viele Fälle auftreten”.
Das bedeutet, dass die Schulen wieder offen sein müssen, da sie nicht nur den Unterricht der Kinder, sondern auch ihre Betreuung garantieren und damit, dass die Eltern wieder Zeit haben, um arbeiten zu gehen. 
„Zwischen dem totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Gefahr einer weiteren Verbreitung des Virus, entscheiden sich die Politiker für Letzteres”, fügte Luis noch hinzu. „Solange es keine Impfung gibt, sieht es schlecht aus. Es ist wie in dem alten Witz: ¿Qué prefieres, morir o perder la vida? – Was möchtest du lieber, sterben oder das Leben verlieren?

„La cultura nos hace sensible, la cultura nos hace pensar. ¡Pensemos y apoyemos la cultura!“ – „Kultur macht uns sensibel, Kultur regt uns zum Denken an. Lasst uns nachdenken und Kultur unterstützen!”, heißt es im Radiojingle meines Lieblingssenders Radio 3. Wenn uns Corona noch lange das Leben erschwert, könnte sich die Kultur noch schneller verändern, als sie das sowieso schon tut. Online-Kultur würde dann so populär wie Partnersuche über Dating-Apps und Kino durch home cinema ersetzt, sowie reale Beziehungen durch virtuelle, die man einfach abschalten kann, wenn man keine Lust mehr darauf hat.

08.09.2020 Schulanfang

Von Annette Scholz 

Deutsche Schule Madrid, © Annette Scholz

„Wir haben letzte Woche in diesem Sommer zum ersten Mal getanzt“, erklärte mir die kleine, attraktive argentinische Verkäuferin an einem der Hippie-Stände mit thailändischer Bekleidung am Palmar, als Emma und ich uns von unserem Lieblingsort der Region verabschiedeten. Corona war für mich dieses Jahr ein Grund, mit allen Leuten, die ich während unseres Urlaubs getroffen habe, eine Unterhaltung anzufangen, was ich sonst so gut wie nie tue. Die Pandemie nimmt mir meine Scheu, fremde Menschen in ein Gespräch zu verwickeln. Auf einmal habe ich trotz oder gerade wegen der sozialen Distanz, ein besonderes Interesse an meinen Mitmenschen, die ich wohl nie wiedersehen werde.

„Impfen lasse ich mich ganz sicher nicht“, fügte die junge Frau aus Buenos Aires hinzu, die unweit des Strandes die Saison über auf einem Camping-Platz lebt, „diese Pandemie ist doch sowieso nur Resultat inkompetenter Politiker. Immer eine Maske zu tragen, kann doch nicht gesund sein“.
Freizügig erzählte sie mir von ihren Eindrücken des spanischen Pandemie-Managements, das ihr wenig Vertrauen einflößt, da jeder zu machen scheint, was er will, zumindest jetzt, während Emma und ich in ihrem Shop stöberten.
„Während des Lockdowns war ich in Andorra und hatte eine tolle Zeit in einem Wohnblock, in dem außer mir niemand war“, fügte sie noch an. „Ich blieb natürlich nicht in der Wohnung, sondern bin dort in den Bergen gewesen, habe Sport getrieben und war zufrieden. Aber jetzt „ist alles absurd. Neulich haben sie einem meiner Freunde einen Strafzettel erteilt, weil er morgens um 7 Uhr ohne Maske am Strand meditierte, und das, obwohl weit und breit außer ihm niemand war“.

Weder sie noch der lockenköpfige Kellner mit dem arabischen Einschlag, den wir noch von letztem Jahr in unserem bevorzugten Restaurant mit Meerblick und einem hervorragenden Thunfisch-Tartar kennen, scheinen etwas für die aktuellen Gesundheitsauflagen übrig zu haben.
Seit Ende August darf man in Spanien in der Öffentlichkeit, also auch in Straßencafés, nicht mehr rauchen, was die Lust für manche, sich in einer Bar zu treffen, noch erheblich schmälert. Der nette Kellner, der hervorragend deutsch spricht, kündigte mir an, dass sie am 30. August das Restaurant schließen würden.
„Wir haben dieses Jahr in zwei Monaten mehr Umsatz gemacht als letztes Jahr, es lief in dieser, unserer zweiten Saison als Geschäftsführer richtig gut, deswegen machen wir jetzt schon zu“, erläuterte er uns nach einer kurzen Ruhepause mit Blick auf Meer und Sonnenuntergang, „wir machen zwei Wochen früher Schluss, weil wir keine Lust mehr haben, alle Gäste auf die verschiedenen Auflagen hinzuweisen, Maske, nicht rauchen, Waschpaste, Tische desinfizieren, es wird immer schwieriger“.
Schade für Emma und mich, die wir gerne an unserem letzten Abend noch einmal an diesem privilegierten Ort an den Steilfelsen mit einem freien Blick auf die Sonne gesessen hätten.

Emma ist nach fünf Wochen am Meer erholt und voller Vorfreude, da sie seit der letzten Ferienwoche weiß, dass sie ab Anfang September wieder in die Schule gehen darf, ihren geliebten Klassenlehrer und auch ihre Freunde wiedersehen kann.
„37,2ºC ist eine ganz schön niedrige Temperatur“, witzelte Alexander und kommentierte damit die Email der Schulleitung, die uns direkt nach der Verabschiedung der offiziellen und verbindlichen Corona-Maßnahmen der Madrider Regierung zur Einschulung erreichte.
„Es kommt ganz auf das Thermometer an“, konterte Anette, als wir uns beim Sonnenuntergang auf dem Balkon über den Schulbeginn unterhielten.

Ab dem 3. September dürfen nicht mehr alle Schüler auf einmal in die Schule gehen, sondern sollten bevorzugt gestaffelt zum Unterricht kommen. Das Gebäude müssen sie in geordneten Reihen mit ihrem Klassenlehrer betreten, der sich mit Maske und Visier gegen eventuelle Viren rüstet. Auch die Kinder müssen während des gesamten Schulvormittags Maske tragen und noch eine als Ersatz in einer Plastiktüte mitführen. Gruppentische gibt es nicht mehr, sondern Einzeltische mit 1,5 Metern Abstand und wenn der Platz im Klassenzimmer nicht ausreicht, dann wird auf die Nebenräume ausgewichen, in denen die Schüler dann sitzen, die nicht mehr in den Hauptraum passen.
„Schule wird dieses Jahr nicht mehr so, wie du sie kennst“, erklärte ich Emma einen Teil der Maßnahmen, „aber Hauptsache, du kannst wieder hin“.
Ganz zufriedenstellen konnte ich sie damit nicht, aber die Vorfreude, endlich wieder durch das Tor des metallenen Zauns treten und in den Lichthof und das dahinter liegende Gebäude gehen zu können, war nach fast einem halben Jahr so groß, dass das Wie für sie nebensächlich war.

Kaum zurück in Madrid, erreichten uns weitere Hiobsbotschaften, mit denen wir nicht gerechnet hatten und die Emma dann doch noch ein paar Krokodilstränen gekostet haben.
„Die vierten Klassen müssen wegen der Räumlichkeiten auf 20 bis 21 Schüler reduziert werden, um den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern während des Unterrichts einhalten zu können“, hieß es in der ersten Email der Grundschulleiterin. Die zweite folgte auf den Fuß, wie bei einer Lottoziehung. Emma hatte das Los getroffen und sie soll in dieser ungewissen Zeit den gewohnten Klassenzusammenhalt verlassen, um sich für das kommende Jahr mit einer neuen Lehrerin und neuen Klassenkameraden vertraut zu machen.
Tatsächlich bedeutet es für meine Tochter nun, dass sie eines der mit Kummer von der Schulleitung ausgewählten Kinder ist, die – hoffentlich vorübergehend – in die neu gegründete Klasse 4f gehen wird, mit Frau Schulmeister und fünf weiteren Kindern aus der alten Klasse.
„Noelia geht mit dir in die 4f“, versuchte ich sie über den Verlust ihres liebsten Klassenlehrers und der anderen Freunde hinweg zu trösten, „ihr beide schafft das schon, Hauptsache ihr seid zusammen!“

Der erste Schultag, dem Emma so lange entgegengefiebert hatte, kam nun endlich und wir standen pünktlich um 8:10 Uhr am Eingangstor, damit Emma ihren Hindernislauf bis in den Klassenraum wie geplant in ihrem Zeitfenster zurücklegen konnte.
„Diesmal kann ich dich nicht bis an die Eingangstür bringen, wir Eltern dürfen den Vorhof nicht mehr betreten”, sagte ich ihr schweren Herzens, bevor ich sie noch einmal drückte und ihrem neuen Abenteuer überließ.
„Du musst unbedingt auf die Leute in den gelben Westen hören, das sind Eltern, die dir sagen, wo du langgehen musst und was zu tun ist”, schob ich noch hinterher, bevor sie sich mit ihrem schweren Schulranzen und zwei Meter Abstand in die Schlange an den Absperrungen einreihte. Als ich sie bei ihrem kontrollierten Vormarsch beobachtete, der an die Abflugschalter am Flughafen erinnerte, kamen mir die Tränen, denn die Szene rückte mir die momentane Pandemie-Situation nach zwei Wochen Abschalten am Meer, wieder voll ins Bewusstsein.

In der Mitte des Einlassbereichs gibt es nun jeden Morgen den direkten Gang für Crew member, die ohne Schlangenlinien und Warten direkt bis ins Klassenzimmer einchecken können. An den Seitenbereichen hingegen werden links Grundschüler und rechts Oberschüler eingelassen. Beide Warteschleifen führen zum Eingangstor, wo die Pförtner, mit jeweils zwei Fieberthermometern bewaffnet, die Kinder wie im Supermarkt an der Kasse durchscannen: “Piep, piep, Hände mit Waschpaste säubern und schnurstracks ohne Körperkontakt in den Klassenraum”.

Das läuft wie am Schnürchen, die Eltern-Volontäre sortieren die Kinder nach Grundschule und Sekundarstufe, die Pförtner scannen und die Lehrer haben nun außer der durch Maske, geteilte Räumlichkeiten und zu vermeidende Nähe erschwerte Lehrtätigkeit, noch die zusätzliche Aufgabe, die Einhaltung der Corona-Maßnahmen während des Schulvormittags zu kontrollieren.

„Das kostet alles so viel Zeit”, gestand mir Isabell nach dem ersten Schultag mit ihrer zweiten Klasse, für den sie trotz aller Schwierigkeiten sehr dankbar war.

„Mama, Frau Schulmeister ist genauso nett wie Herr Besch, nur in Frau”, rief mir Emma strahlend entgegen, als sie mittags wieder aus dem Gebäude kam. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen, dass die für die Verantwortlichen schwierige Entscheidung und große Veränderung für meine Tochter doch zunächst keine einschneidenden Spuren hinterlassen hatte.

„Und ich sitze neben Noelia”, erklärte sie noch ganz stolz, denn es ist in drei Jahren das erste Mal. In den ersten zwei Schuljahren hatte es der Klassenlehrer immer entschieden vermieden, die beiden zusammenzusetzen, um sich ihre Aufmerksamkeit am Unterricht sichern zu können. Somit hat der 1,5 Meter Sicherheitsabstand für Emma und Noelia auch noch einen positiven Nebeneffekt.

„Ach Mama, eigentlich war Schule fast ganz normal”, beruhigte mich meine Tochter, als ich mir ausführlich alle Details berichten ließ, „wir tragen eben Maske, sitzen einzeln, im Hof spielen wir in der Pause nur mit allen vierten Klassen, aber sonst war alles wie immer. Und die Direktorin hat uns gesagt, dass sie im Bett geweint hat, weil es ihr so leid tat, uns aus unseren Klassen rauszunehmen. Sie war heute so nett. Dabei ist es doch eigentlich gar nicht so schlimm”.

01.09.2020 August zählt nicht

Von Annette Scholz

El Palmar, © Annette Scholz

„Abrimos también en agosto” – „Wir öffnen auch im August“, steht an verschiedenen Läden im Madrider Zentrum angeschrieben. Vor knapp zwanzig Jahren kam mir bei jedem Schild, das ich sah, der Gedanke: „Na und? Was ist daran so besonders?“

Lange habe ich nicht gebraucht, um zu verstehen, dass es etwas Besonderes ist, im August ein regulär geöffnetes Geschäft in der Innenstadt zu finden. Boutiquen, Schuhläden und auch das eine oder andere Museo de jamón – was kein Schinkenmuseum, sondern in der Regel eine mit Neonlicht grell beleuchtete Bar ist, die sich auf spanischen Schinken spezialisiert – schließen im achten Monat des Jahres.

Auch die Versuche bei Ministerien oder Ämtern im August administrative Prozesse voranzutreiben, sind so gut wie aussichtslos, da fast alle Angestellten im Urlaub sind. Die Sommerferien der Kinder beginnen in der Regel im Juli, die der Erwachsenen einen Monat später. Das war schon immer so und das wird auch so bleiben, denn nicht zuletzt ist es natürlich die teils unerträgliche Hitze, welche die Madrilenen die Geschäfte schließen und die Stadt verlassen lässt.

„In meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich kein Recht auf Urlaubstage habe, mir aber obligatorisch den August, an Weihnachten und die Semana Santa, die Osterwoche, frei nehmen muss“, erklärte mir Alexander, der Professor der Astrophysik ist.
„Die Ausschreibung einer öffentlichen Stelle im Juli wird im September erneut publiziert, denn der August zählt nicht als Bewerbungsfrist“, schob Anette hinterher.

Im August ist in Madrid nichts los, könnte man meinen, obwohl die populären fiestas zu Ehren der Schutzheiligen der Stadtteile Lavapiés, Retiro und La Latina, San Cayetano, San Lorenzo y la Virgen de la Paloma genau zu Anfang des Monats stattfinden und in der Regel, wenn keine Pandemie alle Pläne durchkreuzt, recht gut besucht sind.
Madrid im August ist anders, der Rhythmus ist anders. Wenn ich nicht an die Schulferien und die angebotenen campamentos zur Kinderbetreuung, die es nur im Juli gibt, gebunden wäre, verbrächte ich den August gerne immer in Madrid. Es ist zwar heiß, die Nächte werden aber schon kühler und es ist weniger hektisch.

Während die Corona-Fallzahlen auch im August in Madrid rasant ansteigen und auch wieder die Altersheime der Region betreffen, nutzen wir nun aber die Zeit in Cádiz um vollkommen abzuschalten. Corona, was ist das? Obwohl in noch nicht einmal zwei Wochen die Schule wieder losgehen soll und wir bisher nicht wissen, in welcher Form, sind wir entspannt und genießen im kleinen Kreis Sonne, Strand und nette Gesellschaft – wie meine Großtante früher auf ihren Postkarten von Menorca immer schrieb.

„So viel Arbeit wie dieses Jahr hatte ich noch nie“, sagte mir Antonio, als ich zu ihm zur Massage ging, „die Leute scheinen dieses Jahr mehr als sonst den Kontakt zu brauchen, sie brauchen den Hautkontakt“.
Das hat mich sehr für den jungen Mann aus Sevilla gefreut, der mich in seiner Massagehütte in einem großen Garten eines Surferhotels mit Hühnern und Yoga-Retreat unweit des Strands mehrfach durchgeknetet hat. Auch wenn Antonio eine Chirurgen-Maske trug, war von Corona sonst keine Spur.
Während ich versuchte, mich auf seiner Liege zu entspannen, wurde am Strand El Palmar jedoch die rote Flagge gehisst, nicht etwa, weil die Atlantikwellen so gefährlich waren, sondern, weil einer der Baywatcher Corona positiv getestet wurde.

„Die Corona-Granaten schlagen immer dichter um dich ein“, kommentierte Alexander diesen Vorfall, „erst deine Nachbarn über dir in Madrid und jetzt der Bademeister an deinem Lieblingsstrand“.

Dort gibt es nun nicht mehr genug gesunde Aufpasser, um die Badenden zu beaufsichtigen, weswegen die Flagge, die normalerweise über den Zustand der Wellen und des Wassers Aufschluss gibt, rot anzeigte.
Beim Spaziergang schnappte ich von anderen Strandbesuchern auf, dass sich die Fallzahlen innerhalb eines Tages auf achtzehn erhöht haben und der Strand bis auf Weiteres gesperrt bleibt und das, obwohl ich morgens über Lautsprecher dort noch alle anzuwenden Corona-Maßnahmen hören konnte.

An den hohen Strommasten hängen dort nämlich Lautsprecher, die die ganze Bucht beschallen. Die Corona-Info wurde verpackt in eine Mischung aus der eindringlichen Stimme eines NO-DO-Nachrichtensprechers – des wöchentlichen Nachrichtenprogramms Noticiario y Documentales zu Francozeiten – in Begleitung einer Hawaii-Musik verkündet:
„Bitte tragen Sie Ihre Maske, wenn Sie am Strand laufen, halten Sie zwei Meter Sicherheitsabstand und schlagen Sie Ihr Lager nicht direkt an den Eingängen auf“, hieß es, „sollten sie Anzeichen von Corona-Symptomen zeigen, gehen Sie bitte nicht an den Strand!“
Maßnahmen, an die man sich problemlos halten kann, solange Ebbe und der Strand sehr breit ist.

An allen Strandzugängen stehen dieses Jahr Aufseher, die die Anzahl der Besucher kontrollieren, denn kommt die Flut, rücken die Sonnenhungrigen zusammen, um noch einen trockenen Platz zu finden, ungeachtet jeder Sicherheitsvorkehrungen.
Hier hat sich bei mir mal wieder der Eindruck bestätigt, dass sich jeder nur um den Nächsten sorgt, solange die eigenen Freiheiten nicht eingeschränkt werden.
„Warum sollte ich nicht an den Strand gehen, wenn ich das will, auch wenn ich keine zwei Meter Abstand halten kann?“, scheinen die Menschen zu denken, „sollen doch die anderen nach Hause gehen, wenn sie sich nicht mit Corona anstecken wollen“.
Tatsächlich ist unser ,Hausstrand‘ jetzt auch überfüllt, voller als die Tage zuvor und fast täglich wird ein Schild ausgehängt, auf dem der Schriftzug „Belegung ausgeschöpft“, weiteren Strandbesuchern den Zugang verwehrt.

So ganz werden wir also Corona hier auch nicht los, obwohl meine Stimmung um einiges entspannter ist. Alles wirkt weit weg, denn ich möchte mich noch nicht wieder mit den Nachrichten aus Madrid beschäftigen.

„Im August macht alles Pause“, kommentierten wir mit Anette die aktuelle Situation neulich am Strand, „keiner möchte einen Schritt machen und der neue Buhmann sein, auch Pedro Sánchez nicht“. Nicht nur die Regionalregierungen fühlten sich von der Vaterfigur des Präsidenten verlassen, sondern wir auch.
„Keiner spricht mal ein Machtwort und tut etwas“, sagte Alexander dazu, als wir in Ruhe auf die Wellen blickten „alle warten, dass jemand anderes etwas tut und so wird einfach nichts getan“.„Wahrscheinlich hat der Virus auch mal Pause, es ist doch August“, witzelten unsere Kinder, bevor sie wieder ins Wasser rannten.

Noch genießen wir die letzten Tage am Meer, bevor wir uns nächste Woche mit den neuen Schutzmaßnahmen an der Schule, dem Stau an der Fahne an der Einfahrt nach Montecarmelo und den steigenden Corona-Fallzahlen in Madrid wieder auseinandersetzen müssen. La cuesta de septiembre – der September-Anstieg, wie er bei den Spaniern so schön heißt, ist also schon in Sicht und läutet die Rückkehr zur Routine, das Ende der Ferien, die Wiederaufnahme aller regulären Aktivitäten, die Beschleunigung des Lebensrhythmus‘ und den Anstieg der finanziellen Belastungen ein, und verspricht dieses Jahr noch schwieriger zu werden, als sonst.

25.08.2020 Grenzen ziehen

Von Annette Scholz

Zahora, © Annette Scholz

“Geschafft!”, dachte ich, als ich endlich im Zug nach Cádiz saß, „endlich raus aus der Corona-Hochburg Madrid, endlich Tapetenwechsel, Meer und endlich wieder zu Emma!“
Richtige Lust hatte ich keine auf die viereinhalbstündige Zugfahrt in den Süden, vor allem, weil ich mir Gedanken machte, wie ich mich unter den aktuellen Umständen wohl in Begleitung eines unbekannten Sitznachbarn fühlen würde.
Die Tatsache, dass ich den Zug schon eine halbe Stunde vor Abfahrt besteigen durfte, war ein netter Corona-Nebeneffekt, auch die Erfrischungstücher, die mir die Beamtin der Renfe, der spanischen Bahn, noch zusteckte, bevor ich aufs Gleis ging. Die Bordrestaurants sind derzeit außer Betrieb, sodass im Waggon eine ungewöhnliche Ruhe herrschte, die ich sehr angenehm fand.

„Bitte setzen Sie Ihre Maske auf!“, hörte ich den Schaffner mit erboster Stimme noch kurz vor Abfahrt in Madrid sagen, „es ist nicht erlaubt, im Zug die Maske abzunehmen“.
Worauf der angesprochene Fahrgast mit einem „es gibt Leute, die nicht so häufig reisen und das nicht wissen“, die fünf Nachrichten ignorierte, die Renfe vor Fahrtantritt per Email und SMS verschickt, um auf die Corona-Sicherheitsvorkehrungen hinzuweisen.
Ich überlegte auch kurz, ob ich die junge Frau, die schräg vor mir saß, darauf hinweisen sollte, dass die Schutzmaske nur dann wirklich schützt, wenn man sie über Mund und Nase stülpt und sie nicht wie sie, unter der Oberlippe befestigt. Doch dann entschied ich, meine innere Maskenpolizistin zu zügeln, mich zu entspannen und mich so wenig wie möglich im Zug zu bewegen und anzufassen.
Als beim Bahnhof San Fernando – Bahía Sur endlich das Meer auftauchte, kamen mir fast die Tränen, und auch der junge Mann, der konsequent mit Mundschutz in einem Abstand von zwanzig Zentimetern neben mir gesessen hatte, war sofort vergessen.

Emma, ihr Vater und ihr großer Bruder holten mich am Bahnhof ab, waren von der Sonne braun gebrannt, gut gelaunt und hatten offensichtlich in den letzten Wochen nicht in meiner COVID19-Blase gelebt. Corona-Fallzahlen waren nur noch für mich Thema, während wir durch die Straßen Cádiz’ schlenderten, um die passende Bar für einen Aperitif zu finden. Mir war die Altstadt mit ihren engen Gassen, der prunkvollen Kathedrale und den lauschigen Plätzchen einfach zu voll, um den Virus verdrängen zu können.
„Wir müssen ein neues Restaurant suchen“, meinte Hugo, Emmas Vater auf einmal mit einem etwas zynischem Lächeln, „der Besitzer des Lokals, bei dem ich reserviert hatte, rief mich heute früh an, der Koch ist Corona positiv und sie mussten vorsorglich schließen“.
„Ach nein, gibt es hier denn auch keine Pause?“, entgegnete ich schon wieder etwas gestresst.
„Entspann dich, schalte ab, vergiss den Virus mal“, forderte mich Hugo auf.
„Gib ihr Zeit, du hast auch ein paar Tage gebraucht“, entgegnete wiederum sein Sohn.
Ich wollte vor allem raus aus der Stadt, denn da sammelten sich die Menschen, Touristen wie sonst, mit dem Unterschied, dass dieses Jahr in erster Linie Spanier und nicht die typischen Deutschen oder Engländer dort waren.

Allerdings mussten wir noch Zeit überbrücken, damit ich mein Urlaubsgefährt in Empfang nehmen konnte.
„Dieser Gaetano hat mich schon genervt“, kommentierte ich die etwas absurde Situation, uns die Zeit vom 13 bis 17:30 Uhr in Cádiz beschäftigen zu müssen, die die Autovermietung geschlossen war.
„Sie nehmen es in Cádiz mit der Siesta wohl sehr ernst“, hatte mir nämlich der deutsche Kundendienst des Wagenvermieters gesagt, um mir zu erklären, dass meine Anfrage abgelehnt worden sei, dass Mietauto auch gegen Aufpreis, 15 Minuten nach dem Beginn der Mittagspause im Büro in Cádiz abzuholen. Tatsächlich wirbt die Vermietung mit dem Slogan: „Mit dem Siesta zur Fiesta“ – oder war es umgekehrt?

Gaetano – so nenne ich den Autovermieter, da ich mit den spanischen Einwohnerbezeichnungen auch nach 18 Jahren noch nicht ganz zurechtkomme und gatidano, der aus Cádiz stammende, nicht richtig aussprechen konnte – statt ihn bei der Abholung darauf hinzuweisen, dass sein Kundenservice verbesserungswürdig sei, fragte ich ihn über die aktuelle Situation aus. Und Gaetano ging es gar nicht gut. Er verriet mir, dass statt 30 Personen, diese Saison nur 15 in der Firma arbeiten würden.
„Statt 200 Mietwagen, vermieten wir nur 50 und nur an Spanier. Die anderen 15 Leute sind noch zu Hause und beziehen bis Oktober Geld vom Staat, aber dann ist Schluss“, beschrieb er den momentanen Zustand.
Der korpulente, gemütliche Gaetano mit seinen traurigen Augen hinter der Brille, der mit seinem Akzent ganz dem Stereotyp des Südspaniers entsprach, war sehr freundlich und umgänglich, sodass ich die viereinhalb Stunden, die wir uns die Zeit vertrieben hatten, um seine Siesta zu respektieren, unter den Teppich kehrte und beschloss, es ihm nachzusehen.
Schließlich gehörte ich nun zu einer der privilegierten Personen, die Urlaub hatte und in diesen Momenten in nichts einen Grund findet, sich aufzuregen.

Trotz Gaetano und seiner Siesta schafften wir es noch bei Licht an den Strand. „El Palmar“, benannt nach der langen, mit Palmen gesäumten naturbelassenen Strandpromenade, ist einer der schönsten und breitesten Sandstrände im Süden Spaniens. Die rauen Atlantikströmungen brechen sich hier an einer flachen Küste mit feinem Sand und bieten passende Wellen für Surfer. Platz für Sonnenhungrige, gibt es dort immer, sodass man trotz Hochsaison und Nationalfeiertag auch Mitte August noch zwei Meter Sicherheitsabstand halten kann.

„Mama, endlich sind wir wieder zusammen!“, rief Emma mehrmals erfreut aus, zufrieden mich wieder in die Arme zu schließen, aber vor allem glücklich ihrem Vater eine und mir die andere Hand reichen zu können, um durch die Wellen zu springen.

Die erste Berührung mit dem Meerwasser ist jedes Mal aufs Neue intensiv und die Kälte, die den Körper plötzlich von den Zehen aus durchströmt, bewirkt bei mir zunächst eine Blockade, die mich davon abhält, tiefer hineinzugehen. Meine Tochter jedoch lachend und glucksend in den Wellen toben zu sehen, bestärkt mich weiterzulaufen und alles andere zu vergessen. Ein immer wieder durchlebtes Initiationsritual, das dieses Jahr einen reinigenden Effekt mit sich brachte, ein Abwaschen von all dem Corona-Müll, um endlich mal abzuschalten und nicht jeden Tag an die vielen neuen Infizierten zu denken. Tatsächlich wäre Corona nach dem ersten Bad fast weg gewesen, hätten die halbnackten Spaziergänger am Strand nicht weiterhin ihre Chirurgen-Masken getragen.

Nach ein paar gemeinsamen Tagen, um die Übergabe der Tochter sanfter zu gestalten, begann Emmas Urlaub mit mir und ihr Vater fuhr wieder zurück nach Madrid. Wir richteten uns gemütlich in unserem Feriendomizil in Zahora ein, einer Häuseransammlung nahe dem Strand, die fest in der Hand der Brüder Sa-ntiago, Jo-sé, Ra-món und Mi-guel liegt und in der ganz im japanischen Flair jedes zweite Restaurant Sa-jo-ra-mi heißt. Dort angekommen wurden wir davon in Kenntnis gesetzt, dass der deutsche Reiseveranstalter die Kinderbetreuung aufgrund der für Spanien ausgesprochenen Reisewarnung nicht nach Andalusien senden würde, vor allem, weil nur zwei deutsche Familien aus Madrid ihren Urlaub dieses Jahr in Südspanien verbringen wollten – unsere Freunde und wir.

„Die zwei betreuen sich selbst“, kommentierte Anjas Vater Alexander diese Tatsache nach einer Woche Vorlaufentspannung in Tarifa schon etwas relaxter, hatte er doch in Madrid noch in Erwägung gezogen, nicht mit in den Urlaub zu fahren, weil sich unsere Kinder des Öfteren mal in die Haare kriegen.
Ich empfinde es nicht als so schlimm, dass Anja und Emma manchmal darüber diskutieren wie und was sie spielen sollen – ich wäre froh gewesen, solche Diskussionen mit meinem Bruder früher gehabt zu haben – , auch wenn sie dabei zu Rumpelstilzchen und dem Teufel mit den drei goldenen Haaren werden.
„Mama, ich vermisse sogar meine Streits mit Anja“, hatte mir Emma während des Lockdowns mal gestanden, umso besser, wenn es jetzt wieder Raum dafür gibt.
„Komm, Anja!“, „Los, Emma!“, ist im Moment den Großteil des Tages zu hören und sehen tue ich meine Tochter außer vom Weiten im Schwimmbad eigentlich kaum. Zum gemeinsamen Restaurantbesuch müssen wir uns schon verabreden.

Die Coronamaßnahmen in der Unterkunft, die von der Waschpaste, zum eigenen Handtuchwechsel über eine beschränkte Anzahl an Schwimmbadbesuchern und ein Verschwinden der Sonnenliegen reichen, sind schnell in den Urlaubsalltag integriert. Es sagt schon alles, dass ich beim Verlassen der Mietwohnung regelmäßig die Maske vergesse, die auch hier überall obligatorisch ist.
Außer beim Strandspaziergang, wenn wir die vielen seltsamen Nackedeis, braun gebrannt, mit Mundschutz sehen, nahmen wir Corona erst wieder während unseres Abendessens im Sajorami Beach mit Live Musik bewusst wahr.
Letztes Jahr gab es dort zum Sundowner eine gut gefüllte Tanzfläche, auf der die feschen jungen Damen im Bikini mit Häkelhemd zu Reggaetonmusik die Herren in Badehose und mit freiem Oberkörper suchten. Dieses Jahr gibt es keine Tanzfläche mehr, die Damen in Häkelspitze und die Herren ohne T-Shirt sind aber wieder da und möchten tanzen. Es ist also trotz Corona einiges los.
„Mama, das ist die Frau, deren Popo ein Eigenleben hat“, rief mir Emma die Animateurin wieder in Erinnerung, die letzten Sommer mit ihren Hüftbewegungen an der Promenade, die Besucher vom Strand ins Lokal lockte und dieses Jahr beauftragt ist, die Tische und Bänke zu desinfizieren – so nannte ich die Frau aus der Dominikanischen Republik letztes Jahr, da ich fasziniert von der Schnelligkeit ihrer sich bewegenden Pobacken war.

„Ist der betrunken?“, fragten uns die Kinder, als wir einen Mann in den Dreißigern mit seinen Kumpeln Bier trinken sahen.
„Sieht ganz so aus“, gab ich zur Antwort.
„Woher weißt du das?“, insistierte Emma.
„Das kann ich an seinen Bewegungen und seinem Lachen sehen und an seiner Art, wie er redet“, versuchte ich den Zustand des Mannes zu beschreiben, der über alle glücklich zu sein schien, deren Blicke sich auf ihn richteten und ihn zu Hochformen anspornten.
Die Musik hatte ihn animiert und er bewegte sich von seinem Stehtisch in Richtung des Weges, der das Restaurantgebäude und die kleine Bühne mit der Band von den Sitztischen zum Abendessen und Blick aufs Meer trennt. Dieser Weg ist nicht nur eine Trennung beider Bereiche des Restaurants, sondern auch der Durchgang zu allen anderen Restaurants, die sich an dieser kurzen Strandpromenade noch befinden, wodurch dieser Fußweg einer Durchgangsstraße ähnelt, auf der man sieht und gesehen wird. Hier trifft sich, wer in Zahora etwas auf sich hält.

Wir saßen an unserem Tisch in die eine Richtung mit Blick aufs Meer und das allabendliche Spektakel des Sonnenuntergangs, das hier von allen Anwesenden immer wieder mit einem tosenden Beifall begleitet wird, und in die andere mit Blick auf das Treiben in Zahora city.
Emma konnte nicht aufhören, den angetrunkenen Jüngling zu beobachten, nicht weil er so gut ausgesehen hätte – er war klein, etwas rundlich und ganz normaler spanischer Durchschnitt – sondern, weil er lächelnd und angeheitert etwas Ärger machte.

Den Kellnern im Sajorami Beach kommt dieses Jahr nämlich eine Doppelrolle zu, sie sollen einerseits den Besuchern so viel Getränke wie möglich ausschenken, und andererseits darauf achten, dass sie in ihrem angetrunkenen Zustand niemandem ohne Maske zu nahekommen.
Mit Maske darf man auf dem staubigen Weg, der die Tische vom Restaurant trennt, tanzen, auch wenn man dann zum Hindernis für alle Passanten wird, aber ohne darf man es nicht, nur ganz dicht an den eigenen Tisch gepresst – so zumindest nach den Gesten des genervten Kellners zu urteilen, der versuchte Paco – der Betrunkene sah einfach aus wie ein typischer Paco – in Zaum zu halten.
Paco verstand die Botschaft, das konnten auch wir sehen, denn er malte sich mit dem Fuß einen Strich auf den Boden, mit dem er seinen Tanzbereich markierte.

„Man muss klare Grenzen ziehen“, kommentierte Alexander die Szene.
Paco machte sich aber einen Spaß daraus, seine selbstgezogene Grenze mit einem spitzbübischen Lächeln wie eine Prima Ballerina mit gestreckten Fußzehen immer mal wieder zu übertreten, während er zu spanischen Rhythmen die Hüften schwang und den runden Bauch unter seinem T-Shirt freilegte.
„Schaut mal alle her, was ich kann!“, schien sein Gesichtsausdruck zu sagen, als er die Coronamaßnahmen zu seinem persönlichen Spiel benutzte.
„Morgen gibt es 3.000 und eins, zwei, drei, vier fünf Fälle“, meinte Alexander, mit Blick auf Paco und die, die ganz in seiner Nähe standen.

Ob Paco noch eins von den Häkelmädchen für sich gewinnen konnte, haben wir nicht mehr mitangesehen. Nach sechs Stunden Synchronschwimmen im Schwimmbad verlangt der Kinderkörper doch mal nach einer Ruhepause, sodass wir nach einer alkoholfreien Caipirinha ins Bett fielen.

18.08.2020 Corona im Haus

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Der Mann am Nebentisch hörte nicht auf zu niesen, als ich neulich mit meiner Nachbarin draußen in einer Bar saß. Der Abstand zu seinem Sitzplatz war sicher mindestens zwei Meter.
„Er niest in seinen Ellebogen”, beruhigte mich meine Bekannte, als sie merkte, dass mir langsam etwas mulmig wurde. Ich konnte es nicht sehen, da er hinter mir saß. Doch hatte ich das Gefühl seine Tröpfchen in meinem Nacken zu spüren, und bereute es ein wenig, dass ich spontan zugesagt hatte, als mich die Frau, die ich bisher nur aus der Wohnanlage kannte, gefragt hatte, ob ich mit ihr etwas trinken gehen würde.
Als sich auch unter den andere Gästen eine betretene Stille breit machte, näherte sich ihm die freundliche Kellnerin: „Es ist in Ordnung, wenn du deine Maske zum Essen und Trinken ausziehst, aber wenn du nicht aufhörst zu niesen, dann ziehe sie doch bitte wieder an!”, und wurde damit für alle Anwesenden zur Heldin des Abends, die sicher wie ich auch schon darüber nachgedacht hatten, das Lokal fluchtartig zu verlassen.
Der arme Mann hatte wahrscheinlich nur eine Allergie, aber trotzdem möchte ich im Moment von niemandem angehustet oder -geniest werden. Ich weiss noch nicht einmal, wie er aussah, aber das Geräusch klingt mir weiter in den Ohren.

„Neulich hat Noelia mal wieder geweint”, meinte Isabell, die mir immer schöne Fotos von der grünen Landschaft in Deutschland schickt, „meine Kinder haben die Wochen eingesperrt in der Wohnung doch nicht ganz unbeschadet überstanden”. 
„Emma hat auch geweint”, erwiderte ich, „weil sie im Herbst unbedingt wieder in die Schule gehen möchte”. 
Hätten wir uns jemals vorgestellt, dass unsere Kinder einmal jammern, weil sie in die Schule gehen wollen?
Ich möchte nicht unbedingt wieder ins Büro. Ich darf gehen, hätte aber nichts dagegen, wenn ich es nicht tun müsste. Ich merke, dass ich mit den steigenden Corona-Fällen immer nervöser werde. Wahrscheinlich ist es die Angst davor, wieder im Haus bleiben zu müssen, nicht das tun zu können, was ich möchte, und im Moment vor allem, in dieser Situation ganz alleine zu sein. Plötzlich fehlen mir auch die Menschen, die sonst auch nicht da sind.
Ich habe immer gedacht, dass ich Emma sehr unterstützt hätte, diese extreme Situation glimpflich zu überstehen. Aber jetzt wird mir klar, wie sehr sie mir eigentlich geholfen hat, diese erste Welle relativ unbeschadet hinter mich zu bringen.

Vor ein paar Wochen hat uns die Nachbarin am Schwimmbad noch zum Geburtstagskuchen eingeladen. Seit dem war jeden Abend im Hof viel los, die Kinder haben mit den Erwachsenen Party gefeiert, fünf bis sechs Familien – immer dieselben – saßen dicht an dicht zusammen und haben sich vergnügt – Sommer eben.

Seit ein paar Tagen ist plötzlich Ruhe. Darüber habe ich mich zunächst sehr gewundert, fand aber nur drei mögliche Erklärungen: erstens drei von den fünf Familien sind in den Urlaub gefahren; zweitens könnte sich  jemand bei der Hausverwaltung beschwert haben und sie haben einen Rüffel bekommen, oder drittens hat jemand hat Corona und sie mussten deswegen ihre sozialen Zusammenkünfte einstellen.
Die Familien, die sich noch vor ein paar Wochen jeden Abend im Hof erfreuten, waren diejenigen, deren Kinder Emma ausgegrenzt hatten, weil sie nur mit Maske und Abstand mitspielen wollte.
Aufgefallen war mir auch, dass mein home office-Kollege von oben in den letzten Tagen nicht mehr aus dem Haus gegangen war. Das wurde mir vor allem bewusst, wenn sich seine beiden kleinen Töchter lautstark von ihrem Hüttenkoller Luft machten.
„Wir sind krank geschrieben”, hörte ich heute seine Frau über den Balkon rufen, „wir müssen vierzehn Tage zu Hause bleiben und können dann hoffentlich in den Urlaub fahren”, woraufhin ich verstand, warum er nicht mehr auf dem Balkon im home office saß, sondern drinnen die Bohrmaschine schwang, während sich die beiden Mädchen gegenseitig aufzuspießen schienen. 
Corona schwebt also sozusagen direkt über mir.
„Bloß im Treppenhaus nichts anfassen”, dachte ich bei mir und musste mir eingestehen, dass ich langsam etwas paranoid werde.

„Ich mag nicht mehr hier sein”, gestand ich heute meiner Freundin Isabell, „ich fühle mich nicht mehr wohl, ich bin unruhig”. 
„Ich will nicht zurück”, gab sie mir zur Antwort, während sie mir ein Foto von 25 spanischen Freunden aus ihrer Nachbarschaft in Madrid schickte, die gerade gemeinsam in einem Landhaus in Zentralspanien Urlaub machen. An einem Riesentisch zusammengepfercht wie die Ölsardinen, saßen sie beim Paëlla-Essen, so wie immer.
„Sollte im Herbst der Lockdown wieder kommen, werde ich alles daran setzen, nach Deutschland zu gehen, zumindest für ein paar Wochen oder Monate,” bestätigte ich ihr, „ich brauche eine Pause von der Stimmung hier, von der Mentalität, von der Destruktivität”.

Mit der „neuen Normalität“ kann in Spanien die Übertragung des Coronavirus nicht kontrolliert werden, steht in der Zeitung. Eineinhalb Monate nach dem Ende des Alarmzustands haben sich Ausbrüche und Infektionen vervielfacht, und mit ihnen die Anzahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Entwicklung der Krankheit, bis auch die Zahl der Toten wieder zunimmt. 
Und dann gibt es doch wirklich solche „Covidioten“, die,corona-positiv’ sind und auf Parties alles anfassen und ablecken, um möglichst viele Leute anzustecken. Ein Spiel, bei dem derjenige Gewinner ist, der am meisten andere mit dem Virus infiziert. 

„Entweder kontrollieren wir uns jetzt selbst oder uns steht wieder ein Lockdown bevor”, sagte Margarita del Val, die Virologin und Immunologin des Molekularbiologischen Zentrums von Severo Ochoa, die eine der Unterzeichnerinnen des Briefes ist, in dem zwanzig renommierte Wissenschaftler die Durchführung einer unabhängigen Prüfung des Managements der Pandemie in Spanien fordern.
Sie warnt vor einer gefährlichen zweiten Welle mit dem Kälteeinbruch, gefördert durch die Lockerung der Distanzierungs- und Hygienemaßnahmen: „Im Mai und Juli haben wir die Regeln eingehalten, die das Schutzschild gegen den Virus darstellen. Aber jetzt nehmen wir das alles nicht mehr so ernst. Es wird schwierig sein, die Herbstwelle unter Kontrolle zu bringen, da wir eine hohe Ansteckung innerhalb der Gemeinschaft verzeichnen”.
Sie erklärte, dass die ersten Intensivstationen bereits vorbereitet werden, auf das, was kommen könnte. Die Bevölkerung ist im Urlaub, aber das bedeutet nicht, dass deswegen die Schutzmaßnahmen unterlassen werden können. 
„Es ist wichtig, nicht nur an sich selbst zu denken”, forderte sie die Gesellschaft auf, „denn das Schlimme ist, nicht anfällig für Corona zu sein, sondern es zu verbreiten.“ Darüber versuchte sie vor allem die Jugendlichen wachzurütteln, die zwar nicht zu den Corona-Risikogruppen gehören, doch diejenigen sind, die mehr unter den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zu leiden haben werden: „Die jungen Menschen sind eine Risikogruppe, die von den wirtschaftlichen Folgen bedroht ist. Ohne Gesundheit gibt es keine Wirtschaft und ohne Wirtschaft keine Arbeitsplätze”.

„Mir geht es genauso”, sagte mir neulich die Rumänin Victoria, „ich bin auch entsetzt darüber, dass hier scheinbar jeder nur an sich denkt und keine Rücksicht auf die anderen nimmt”. 
Der private Kindergarten, in dem sie arbeitet, war vier Monate geschlossen und es ist unsicher, wie es im Herbst mit ihm weitergeht. 
„Es sieht nicht gut aus”, kommentierte sie die unsichere Situation resigniert, „Menschen, die sich einschränken müssen, werden auch an Schulgeld sparen”.
Die wirtschaftliche Krise, die Spanien bevorsteht, wird das Land auch in dieser Hinsicht härter treffen als andere. Der Ausspruch „Die Deutschen leben, um zu arbeiten und die Spanier arbeiten, um zu leben”, den ich im Kulturvergleich immer gerne zitiert habe, schien mir die besondere Fähigkeit der Südländer, den Moment zu leben, positiv zu unterstreichen. Jetzt frage ich mich, ob es nicht viel positiver wäre, ein bisschen vorausschauender zu sein – von jetzt bis Herbst?

Pedro Almodóvar resümierte den Unterschied zwischen der deutschen und spanischen Mentalität diesbezüglich überzogen in einer kurzen Fernsehszene in seinem Film „Átame” (1990). Ein Werbespot einer Versicherungsgesellschaft, den die Protagonisten Antonio Banderas und Victoria Abril ansehen, zeigt eine alte, in schwarz gekleidete, bettelnde spanische Frau vor der Stierkampfarena Las Ventas in Madrid, blendet dann zu einer Seniorendisco in Benidorm über, in der sich deutsche Besucher in fröhlicher Sommerkleidung zu spanischen Pasodoblen bewegen. Ein Sprecher aus dem Off fragt nur „¿Por qué? – Warum?”, während die folgenden Bilder die Antwort liefern. Ein junges arisches Paar in Uniform mit Hakenkreuzen am Arm, unterschreibt einen Versicherungsvertrag bei der vermeintlichen Firma, während, so die Bilder nach dem Schnitt, ein dunkelhaariges, attraktives Pärchen, leidenschaftlich zu Tango-Musik tanzt.

Als ich den Film vor 25 Jahren zum ersten Mal in der Sprachschule sah, konnte ich vor allem über die Hakenkreuze nicht wirklich lachen, während sich meine spanischen Lehrer, an Almodóvars zynischem und selbstkritischen Humor ergötzten.
„Was ist daran lustig?”, fragte ich damals Miguel, meinen Spanischlehrer, „an Nazis kann ich einfach nichts Komisches finden“.
„Das ist doch völlig überzogen“, gab er mir zu Antwort, „nimm das nicht so ernst! Es geht nur darum, die immer propagierte Disziplin der Deutschen, den Hang vorauszuschauen und effizient zu sein, ins Extrem zu führen. Die Spanier betteln ja auch nicht alle, wenn sie alt sind und tanzen vorher nur Tango“.
Im Laufe der Jahre in Madrid habe ich gelernt mit dem für Deutsche gar nicht amüsanten Thema der Nazi-Vergangenheit etwas anders umzugehen und nach wiederholter Ansicht des Films verstand ich irgendwann, was Miguel damals meinte.

15.08.2020: Politisierung

Von Annette Scholz

El Pardo, © Annette Scholz

Seit wir uns nach dem Lockdown in der Region Madrid wieder frei bewegen dürfen, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, am Wochenende ab und an in den nächstgelegenen Ort El Pardo zu laufen. Nein, nicht um Francos neues Grab zu besuchen, auch nicht, um seinen Palast zu bewundern, sondern um zu frühstücken. Die Strecke, die von Montecarmelo in eine Richtung zehn Kilometer beträgt, führt durch den Monte El Pardo, durch mittlerweile abgeerntete und gelb vertrocknete Weizenfelder, knorrige Steineichenwälder und eine einsame hügelige Landschaft, sodass ich mir mit zwei Stunden Fußmarsch mein morgendliches Tomatenbrot verdiene – wobei ich im Moment lieber noch auf den Kaffee verzichte.

„Ich habe keine Lust mehr nach Madrid zu fahren“, hörte ich den älteren Mann am Nebentisch zu seinem Freund sagen. Wie ich nahm er auf der Plaza del Caudillo – der Platz ist tatsächlich noch nach dem Heerführer Francisco Franco benannt – im Straßencafé La Marquesita unter Platanen mit Blick auf den Palast sein Frühstück zu sich.
„Sonst fuhr ich hin”, sprach der Grauhaarige mit Bart weiter, „machte meine Erledigungen, trank hier ein Bierchen und dort noch eins. Aber jetzt mit den vielen neuen Ansteckungen, habe ich keine Lust mehr, in Madrid rumzugurken”. Resigniert fügte er noch hinzu: „Es ist jetzt alles anders. Wenn ich nach Madrid fahre, dann kaufe ich dort mein Hühnchen zum Mittagessen und fertig!“

Ich teile seine Ängste, wohingegen ich befürchte, dass ich in ein paar Tagen nicht mehr aus Madrid rauskomme, um in den Süden zu fahren.
Der Sommer in Madrid ist jedes Jahr von einer gewissen Einsamkeit begleitet, die ich generell sehr genieße, die mich aber dieses Jahr etwas beunruhigt. Alle Freunde, meine Familie und auch die Nachbarn sind abgereist und ich bin derzeit noch die einzige ,Hinterbliebene’, die die Stellung hält. 
Das ist wirklich wie in den Katastrophenfilmen oder -computerspielen, in denen sich Zurückgebliebene in der leergefegten Großstadt durchschlagen müssen, um sich dann wieder mit den Geliebten zu vereinen.

Den Sommer nennt man in den Zeitungen auch die Saure-Gurken-Zeit. Aber was sonst die Gurken, sind dieses Jahr, zumindest in Spanien, die Coronafälle. Wenn man einen Blick in die Zeitungen wirft, hat man das Gefühl, man sei auf der Rennbahn und die Pferde mit den Namen Katalonien, Aragón, Andalusien, Baskenland und Madrid liefen um die Wette in den Untergang. Ich komme schon gar nicht mehr hinterher und überlege mir jeden Tag, ob ich nicht wieder aufhören sollte, die Nachrichten zu lesen. Madrid liegt jetzt wieder mit einer Pferdelänge vorn auf dem Weg in die Zielgerade. Am 7. August gab es in Madrid 1.441 neue Corona-Infektionen, mehr als in Katalonien und Aragón.

Die Region Madrid wird offenbar auch schon von einer zweiten Welle der Pandemie heimgesucht, während die Regierung von Isabel Díaz Ayuso gesteht, dass sie ihr Nachverfolgungssystem bisher nicht ausreichend hat verstärken können. Abgesehen davon hat die Regionalregierung widersprüchliche Daten vorgelegt, in denen die erkannten asymptomatischen Fälle nicht verzeichnet waren. Die Entwicklung der Pandemie in Madrid ähnelt somit der in der Region Barcelona, nur vierzehn Tage später und mit einer verzögerten Verabschiedung der Schutzmaßnahmen. 

„1.400 Fälle? Soviel Leute sind doch gar nicht mehr in Madrid!”, kommentierte Anette meinen Bericht, die sich mit ihrer Familie auch sicherheitshalber schon früher als geplant aus Madrid abgesetzt hat, um nicht an den regionalen Grenzen noch an ihrem Urlaub gehindert zu werden.
„Pack lieber schon mal die Taschen!”, forderte sie mich auf, „damit du im Notfall schnell losfahren kannst und noch zu Emma kommst”.
Und ja, das tue ich. Sollte plötzlich angekündigt werden, dass Madrid in den Lockdown muss, habe ich nicht vor, hier zu bleiben. Wenn schon confinamiento, dann nicht ohne meine Tochter und mit Blick aufs Meer.

Die Coronafälle haben sich im letzten Monat um mehr als vervierzehnfacht, von 285 in der Woche vom 15. Juli auf 4.147 in den ersten sieben Augusttagen. Im Mai versicherte die Regionalregierung in Madrid, dass sie 400 Tracker einstellen würde, um die Ansteckungen nachzuverfolgen. Im Juli wurde jedoch bekannt, dass es bisher nicht mehr als 182 gibt.
Der Gesundheitsminister Salvador Illa spricht nun schon von möglichen „härteren Maßnahmen” in verschiedenen Gemeinden, in denen der Quotient der Infektionen besonders hoch ist, wie etwa in Torrejón de Ardoz, direkt neben Alcalá de Henares.
„Reisen? Zunächst bleibe ich in Madrid”, sagte mir neulich ein Bekannter, „im Moment gelten wir Spanier sowieso in mehr als der Hälfte der Welt als Aussätzige. Aber ich habe herausgefunden, dass es Wasser auf dem Mars gibt”, spöttelte er weiter, während mir das Lachen etwas verging, bei dem Gedanken daran, dass vor Spanien als Reiseland von fast allen Schengen-Staaten abgeraten wird. 
Es bedrückt mich und macht mich traurig, dass ich meine Familie und Freunde in Deutschland zunächst nicht sehen kann, außer, wie mittlerweile üblich, über den Bildschirm.

Somos españoles, saldremos de esta”, fällt mir der Slogan des Ciudadanos-Video des Lockdowns wieder ein.
„Das Ruder der Pandemie wird von niemandem mehr gesteuert, es herrscht Chaos”, behauptet die Epidemiologin Clara Menéndez, eine der zwanzig Experten, die einen Brief unterzeichnet haben, in dem eine unabhängige Prüfung des Managements der Pandemie gefordert wird. Sie sagt, es sei notwendig zu beurteilen, was passiert ist und dass wieder jemand das Kommando übernimmt. „Im Moment treibt das Pandemie-Schiff völlig unkontrolliert“, sagte sie und versicherte, dass das Bild Spaniens nach außen das eines Landes sei, das nicht in der Lage ist, die Corona-Epidemie unter Kontrolle zu bringen. 
„Wir können einen Virus auch nicht mit einem sehr guten Gesundheitssystem schlagen, wenn alles zu politisiert ist“, betonte sie. Die Unterzeichner des Schreibens sind der Ansicht, dass eine unabhängige Beurteilung der Situation dazu dienen könnte, Bereiche zu ermitteln, in denen das öffentliche Gesundheitwesen sowie das Gesundheits- und Sozialhilfesystem verbessert werden sollten.

Führung und Steuerung und die dazu notwendigen Fähigkeiten müssen gelernt sein. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass Autofahren eine kulturelle Ausdrucksform ist. Natürlich hängt das Fahrverhalten auf der Straße auch viel von der Persönlichkeit eines Menschen ab, aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Deutschen anders fahren als die Franzosen oder die Spanier. 
Jeden Morgen, wenn ich im Stau in Richtung Alcalá de Henares stehe, wundere ich mich wieder über die Aggressivität, die die meisten meiner Mitmenschen in Madrid auf der Autobahn an den Tag legen. Mein Vater, der tief in seinem Inneren einen strengen Verkehrspolizisten trägt, hätte hier viel zu tun, um die temperamentvollen Südländer von der Notwendigkeit zu überzeugen, vorausschauend und defensiv zu fahren – so nannte es zumindest mein Fahrlehrer in Frankfurt-Rödelheim vor dreißig Jahren. Im Gegensatz dazu erklärten mir mehrere Bekannte, die ihren Führerschein in Madrid machten, dass die hiesigen Fahrlehrer sie auf eine aggressive Fahrweise trimmten.
Immer wieder muss ich an das Reißverschlussverfahren denken – das System, das in Deutschland sogar einen Namen hat – wenn ich mich in den Stau an der Fahne, an der Auffahrt Montecarmelo, in die Autoreihen eingliedern möchte. Offensichtlich hat hier aber noch nie jemand etwas von dem „procedimiento cremallera” gehört, denn kaum jemand lässt eine Lücke, damit sich andere einreihen und mit im Stau stehen können. Stattdessen drücken die meisten nochmal aufs Gas, damit man bloß nicht auch auf die Autobahn kommt und eventuell auch noch vor ihnen steht. Der spanische Kavalier wird im Auto zum gehetzten Stier, dem man mit dem Fahrzeug ausweichen muss, damit er einen nicht auf die Hörner nimmt.

„Ob du jetzt ein Auto weiter vorne oder weiter hinten stehst”, rufe ich dann immer genervt, „ist doch völlig egal”. 
Aber vielleicht täusche ich mich da, denn die Huperei, die das aggressive Fahrverhalten in der Regel begleitet, scheint mich eines besseren belehren zu wollen.
„Jetzt fahr doch noch einen halben Meter vor”, platzte es eines Morgens vom Kindersitz aus Emma heraus, als wir mal wieder am Zebrastreifen vor der Deutschen Schule nicht vorbeikamen, weil ein Auto mit Warnblinkanlage die Sicht und den Weg versperrte – das übliche Ritual am Morgen!

Mir rückt das Verhalten im Verkehr immer wieder ins Bewusstsein, dass jeder sich hier selbst am nächsten ist, jeder macht, was die Interpretation der Regeln zulässt, ungeachtet dessen, was es für die anderen bedeutet.

Genauso ist es auch mit der Politisierung der Pandemie, der sogenannten linken Koalition, die keine richtige Koalition ist, wenn die Regierungspartei PSOE den Bündnispartner Podemos erst nach verschiedenen ihrer Entscheidungen davon in Kenntnis setzt, wie etwa die ,Flucht’ des Exkönigs. Der ging ja als blühendes Beispiel allen voran. Er hat auch gemacht, was er wollte, ohne auf die anderen Rücksicht zu nehmen.
Es spricht nicht für Spanien, dass jemand, der fast vier Jahrzehnte lang Staatsoberhaupt war, heute als ein großer Korrupter entlarvt wird und es nicht wert ist, das Land zu repräsentieren. Mit dem Exil ohne Ehren von Juan Carlos de Borbón endet eine Ära. Unter der Krone des volkstümlichen Mannes wurde ein Hof in seinem Bild und Gleichnis geschaffen: Geschäftsleute, die ihn bei seinen Jagden und Eskapaden begleiteten, Komplizen seiner Machenschaften. 

Wenn der König korrupt war und seine Rolle darin bestand, ein Beispiel zu geben, warum sollten andere dann rechtschaffen sein?

11.08.2020 Praxis

Von Annette Scholz

Ärztehaus Mirasierra, © Annette Scholz

Während ich mich weiterhin von Kamillentee und Zwieback ernähre – ich bevorzuge hier den kleinen, den man zum Aperitif oft mit paté, Streichwurst, bestrichen bekommt, allerdings ohne paté – kann ich nun endlich auch zum Arzt gehen und Blut abnehmen lassen. Diese Woche muss ich gleich dreimal zu verschiedenen Praxen.

Bei den Ärzten hat sich seit Corona einiges geändert. Jede Praxis handhabt das anders, aber bei keiner ist es wie vor der Pandemie. Bei einer ist das Wartezimmer leer, bei der anderen unbenutzt und bei der nächsten wird jeder zweite Sitz abgesperrt, damit man mit Abstand wartet. 

Sehr erfreulich finde ich, dass man auf einmal Ergebnisse von Untersuchungen auch telefonisch konsultieren kann, sei denn, es ist ein schlechtes. Schon immer habe ich mich gefragt, warum ich zweimal in die Praxis muss, wenn ich meine jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Gynäkologen absolviere. Wäre es wie in einer Werkstatt, in die man das Auto bringt und wieder abholt, wenn es gecheckt ist, hätte ich ja gar nichts dagegen. Vor allem, weil mein Frauenarzt, der außer zehn Jahre jünger als ich, äußerst sympathisch und attraktiv ist, mich einfach nicht dort behalten möchte, und das, obwohl ich mir die größte Mühe gebe, immer mal wieder Sorgen zu machen, damit er sich um mich kümmert. Da ich das schon zu genüge ausprobiert habe, hoffen wir also, dass ich in den nächsten Wochen von keinem der Ärzte mehr in die Sprechstunde zitiert werde.

Beim Blutabnehmen war ich von dem geschäftigen Treiben morgens um 8:30h überrascht. Sonst saß ich immer eine halbe Stunde im Wartezimmer, bis eine sehr freundliche Krankenschwester alle Daten aufnahm und dann fast schmerzfrei Blut abnahm.
Dieses Mal habe ich in den fünf Minuten vor dem Einstich auf drei verschiedenen Stühlen, in drei verschiedenen Räumen gesessen. Alles, um Abstand zu halten von den anderen, die in Massen in die Praxis strömten, um einen COVID19-Test zu machen.
Die meisten senkten den Blick zum Boden und murmelten beim Eintreten fast unverständlich:

„Wir haben auf ihrer Website gelesen, dass man hier den COVID-Test machen kann. Ist das richtig?“, geradeso, als fragten sie einen Dealer – der auf Spanisch ein Kamel, camello, ist – nach Drogen.
„Kommen Sie bitte hier rüber, 80,- Euro”, scheuchte die Krankenschwester die vermeintlichen Patienten durch den Eingangsbereich der Praxis. 
„Spottbillig!”, dachte ich, während mir die 180,- Euro Testgebühren wieder einfielen, von denen Anette sprach. 
„Der Test ist nicht für mich”, erwiderte der Mann rechtfertigend, geradeso wie ein Jugendlicher, der zum ersten mal Präservative kauft, „sondern für sie. Sie ist 12”, und deutete dabei auf seine Tochter, mit der er gekommen war. 
Ich sah sie an, wie sie beschämt auf ihre Füße blickte und fragte mich, ob sie wohl schon bei einem der vielen botellones dabei war. Botellones – große Flaschen wörtlich – Saufgelage auf der Straße sinnbildlich. 
Sie sah nicht so aus, kam ich zum Schluss, als ich schon wieder aufgefordert wurde, den Sitzplatz zu wechseln.

„Halt bloß Abstand zu den anderen”, schickte mir Anette noch eine Nachricht, „machst du denn jetzt auch einen Corona-Test?”. Ich hatte darüber nachgedacht, vor allem weil er ja sozusagen im Angebot war und ich mir sowieso Blut abnehmen ließ. Aber was habe ich denn davon? Symptome habe ich keine, die CoronaApp hatte mir bestätigt, dass ich kein COVID19 habe, und am Ende muss ich noch in Quarantäne. Das passt mir jetzt gar nicht, wo keiner mehr in Madrid ist, alle im Urlaub sind und Emma schon glücklich im Meer badet.

Tatsächlich hatte ich am Wochenende das Lockdown-Feeling, als ich mit dem Fahrrad durch das leere Madrid gefahren bin. Kaum ein Mensch auf der Straße. Bei der Hitze fehlen nur noch die Steppenroller und man wäre im Wilden Westen. 

Überrascht war ich auch, als ich im Sprechzimmer heute von zwei Personen versorgt wurde, eine machte das Administrative, die andere bereitete schon meinen Arm vor, während ich mich für alle Fälle auf dem vierten Sitzplatz für diese Praxis, dem Liegestuhl, niederließ. Ganz schnell ging das und schon war ich wieder draußen. 
Mit meinem Klebestreifen am Arm, unter dem ein Stück Tupfer die Einstichstelle der Nadel verbarg, konnte man mich sofort als diejenige identifizieren, der man gerade Blut abgenommen hat. Wenn sonst Nadeleinstiche auch auf Drogenkonsum hinweisen, hatte ich dieses mal das Gefühl, die Leute würden mich mit dem im Sommer am nackten Arm unmöglich zu verdeckenden Merkmal gedanklich als eine „Aussätzige” identifizieren. Glücklicherweise gab es von denen noch mehrere rund um die Arztpraxis.

Von der Blutabnahme direkt zum nächsten Arzt, zum centro de salud. Bei diesem öffentlichen Ärztehaus, fiel mir auf, war die Eingangsdrehtür, die eigentlich immer kaputt war, ausgebaut worden. Stattdessen gab es jetzt eine Art Schleuse, die nur von innen von einer Zuständigen geöffnet werden konnte. Kurz kam mir der Gedanke, dass ich ähnlich wie bei Frau Holle im Tor mit Gold oder Pech, nun mit Desinfektionsmittel überschüttet würde, bevor ich die heiligen Hallen betreten dürfte. Aber nein, einmal ungehindert in den Sicherheitstrakt eingedrungen, begrüßte mich eine in weiß gekleidete junge, sehr strenge Frau mit Maske und zielte mit einer Pistole auf meinen Kopf. 
„Das ist für die Temperatur“, sagte sie, nachdem ich ihr meine Hände hinstreckte und maß auf Distanz Fieber mit nur einem einzigen Schuss. Piep. 
„Die Waschpaste steht dort auf dem Tisch“, erklärte sie mir, als ich etwas verunsichert weiterging.
Sie trug eine weiße Uniform und einen in Design und Farbe passenden Mundschutz. Diese weißen, fast dreieckigen Masken erinnern mich immer an Kaffeefilter, und die Menschen darunter wirken ein bisschen wie Schnabeltiere – tatsächlich habe ich auch schon ein verliebtes Paar gesehen, das seine Schnäbel turtelnd aneinander rieb, da das öffentliche Küssen vorerst eingestellt sein sollte.
„Warum kommen Sie überhaupt?“, warf mir die braun gelockte Kontrolleurin mit großer Hornbrille noch im Polizeiton hinterher.
„Ich habe mich schlecht gefühlt“, versuchte ich zu erklären.
„Ja, aber wieso?“, ging das Verhör weiter. 
„Ich hatte Magenprobleme und Kopfschmerzen”, klagte ich ihr mein Leid, während ich mich fragte, warum ich das jetzt der Eingangsdame und nicht der Ärztin erzählte.
„Sie haben also einen Termin?”, unterbrach sie mich. 
„Genau!”, bestätigte ich, als ich endlich verstand, dass sie mich einfach nur ,sortieren’ wollte, um mich den richtigen Gang entlang zu schicken, damit ich unterwegs auch bloß nicht zu viele Leute träfe.
Damit war unsere Unterhaltung auch beendet und sie wies mir den kürzesten Weg zum Sprechzimmer, der jedoch der gleiche war wie immer.

Das Innere des Gebäudes wirkte sterilisiert, Sitzplätze waren abgesperrt und es warteten viel weniger Menschen dort als sonst. Eigentlich fand ich das sehr angenehm. Gab es denn auch wirklich weniger Patienten? Oder liegt diese Leere nur daran, dass es im Moment fast so schwer ist, einen Termin bei der Hausärztin zu bekommen, wie eine Audienz beim Papst?

Als ich nach kurzem Warten an der Reihe war, fragte ich meine Ärztin, zu der ich nun schon seit sieben Jahren gehe, in ihrem Sprechzimmer:
„Und wie geht es dir nach all dem?”, worauf sie nur hinter ihrer Maske lächelte und sagte: „Es ist alles in Ordnung. Und bei dir?”
„Den Lockdown haben wir gut überstanden”, beruhigte ich sie, „jetzt bin ich wegen des Magens und Kopfschmerzen hier”.
Man muss wissen, dass meine Hausärztin, die etwa mein Alter halt, irgendwie ,unspanisch’ ist. Sie hat kurze, recht helle und nicht die üblichen langen dunkelbraunen Haare, trägt eigentlich nie Absätze, ist ungeschminkt und lächelt sehr selten. Umso mehr habe ich mich natürlich gefreut, ihre Gefühlsregung auch unter der Maske erkannt zu haben. – Ich bilde mir schon immer ein, dass sie mich mag. – Und ihr Maskenmodell war auch passend zur Uniform, die sie vor Corona noch nicht getragen hatte. 
Sie stellte mir wie üblich eine Reihe Fragen und gab meine Antworten gleich in die gespeicherte Akte ein. Eigentlich alles wie immer, nur dass wir beide Masken trugen und der Patientenstuhl etwas weiter vom Tisch entfernt stand.
Dann zog sie sich mit einem quietschenden Geräusch ein paar blaue Plastikhandschuhe über – das war auch neu – und betastete meinen Bauch und Nacken.
„Du hast schon länger Magenbeschwerden”, rief sie mir in Erinnerung, „du warst auch schon letztes Jahr deswegen da”. 
Stimmt, fiel mir wieder ein, ich war ja vor zwei Jahren auch einmal in der Notaufnahme wegen unerträglicher Bauchschmerzen.
„Wahrscheinlich hast du irgendeine Intoleranz, ich überweise dich an einen Spezialisten”, beruhigte sie mich.
Da ich den Termin für den Zuständigen des Magen-Darm-Trakts nicht vor Mitte September bekam, empfahl mir die Ärztin meines Vertrauens, solange Selbststudien vorzunehmen und nach und nach zu sehen, welches Essen ich vertrage.

Dank einer zusätzlichen Versicherung ergatterte ich doch einen früheren Termin in einem privaten Ärztehaus.
Allerdings hätte ich mir den Besuch dort auch sparen können. Abgesehen davon, dass in dieser engen Privatklinik in Alcobendas ein geschäftiges Treiben herrschte, dem ich nicht entrinnen konnte, da ich sozusagen direkt ins volle Wartezimmer fiel, nachdem ich die Eingangsschiebetür hinter mir gelassen hatte, war ich mit dem vermeintlichen Spezialisten überhaupt nicht zufrieden. Schon die Atmosphäre in der Klinik hatte nichts von neuer Normalität, denn es war laut, eng und für mein Empfinden zu voll. 
Glücklicherweise ging aber alles ganz flott, was allerdings kein Wunder ist, wenn man überlegt, dass sich der ältere Herr in weiß mit Glatze, der mir auf den ersten Blick gleich unsympathisch war, noch nicht einmal fragte, wie ich mich ernähre.

„Wie alt sind sie? Warum sind sie hier?”, waren tatsächlich die einzigen Fragen, die mir der sogenannte Magenspezialist stellte. Vielleicht erschwerte ihm die extra große Kaffeefilter-Maske mit seitlich aufgenähtem Spanien-Fläggchen die Kommunikation. Jedenfalls beschränkte er sich lieber darauf, zu schreiben – er hatte wirklich eine sehr schöne Schrift – während ich in Kurzform von meinen Bauchschmerzen berichtete. Noch nicht einmal angesehen hat er mich, als er mir wortlos zwei beschriebene Zettel hinschob. Als ich sie las und fragte, was nun damit wäre, antwortete er mir, dass mir am Eingang alles erklärt würde. An der Rezeption sagten sie mir dann, dass in diesem Ärztehaus keine Glutenintoleranz-Analyse gemacht würde und dass ich doch am besten sowohl diese, als auch den Test auf Laktoseintoleranz woanders erledigen sollte.
Auch in diesem Moment war ich wieder froh, dass die Hälfte meines Gesichtes von einem türkis-karierten Mundschutz verdeckt war.

08.08.2020 #CoronaCiao

Von Annette Scholz

Puerta del sol, Madrid, © Anne Sophie Brandt

Als ich am 3. August am Computer saß und Filmeinreichungen für das anstehende Filmfestival kontrollierte, poppte plötzlich die Nachricht auf dem Bildschirm auf, dass Juan Carlos gehen würde. Ich stand erstmal unter Schock.
„Der Mann von der Briefmarke soll jetzt nicht mehr Teil seines Landes sein? Wo geht er denn hin?”, fragte ich mich, „vielleicht nach Saudi-Arabien? Oder vielleicht in die Schweiz zu Corinna, die ihm seine Millionen bunkert? Steigt er jetzt in die Holzklasse bei Ryan Air und setzt sich ab? Und was passiert mit dem Geld? Dem Gerichtsverfahren? Mit Königin Sofía?”, schossen mir plötzlich viele Fragen in den Kopf, die ich gerne beantwortet wüsste. Aber mich dünkt, dass diese Antworten vorerst ausbleiben, obwohl der Exkönig in der Dominikanischen Republik gesehen worden sein soll, schon bevor er seinem Sohn überhaupt den Brief schrieb.
Juan Carlos I de Borbón verließ das Land, angeblich nachdem er seinen Sohn und seine „Untertanen“ durch einen Brief davon in Kenntnis gesetzt hatte.

Er geht. 
Ich würde sagen, er flieht, um nicht von der spanischen Staatsanwaltschaft wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung vor Gericht gebracht zu werden.
Die Ratte verlässt das sinkende Schiff oder wie sollen wir das verstehen?

In seinem Brief an Felipe VI. erklärt Juan Carlos de Borbón, dass er mit dieser Geste im Interesse Spaniens handelt, wie er es während seiner Amtszeit schon immer getan hatte. Angesichts der öffentlichen Auswirkungen, die bestimmte Ereignisse seines vergangenen Privatlebens hervorrufen, so erläutert er, hält er es für die beste Entscheidung, steht aber seinem Nachfahren selbstredend weiterhin zur Verfügung. Um seinem Sohn die Ruhe und Gelassenheit zu geben, seine Funktionen weiterhin auszuüben, beschließt der Exkönig, sei Abstand der beste Weg. Sein Erbe und seine eigene Würde als Person forderten dies von ihm.

Vor einem Jahr habe er seinen Willen und Wunsch zum Ausdruck gebracht, seine institutionellen Aktivitäten einzustellen und nun sei er der Überzeugung, dass er den Spaniern, ihren Institutionen und ihrem König, seinem Sohn, den besten Dienst erweise, indem er das Land zu dem jetzigen Zeitpunkt verließe.

„Wie kann das sein?”, frage ich mich, „ein Mann der Millionen zu persönlichen Zwecken zur Seite gelegt und sein Volk gleichzeitig zu Genügsamkeit aufgefordert hat, der seine Stellung nutzte, um eigene Vorteile zu erwirtschaften, der kann jetzt einfach gehen, muss niemandem Rede und Antwort stehen und verkauft es in einem öffentlichen Brief an seinen Thronfolger noch als heroischen Akt.”
Die Monarchie wird in Spanien schon seit längerem in Frage gestellt. Die teure Institution, die Macht durch Vererbung weitergibt, scheint überholt.
„Und jetzt lebt er wie ein König mit den Millionen, die er mit Vertragsprovisionen eingestrichen hat. Ohne gerichtliches Verfahren, ohne Erklärungen, ohne das Geld zurückzugeben und ohne Entschuldigung”, kommentierte mein Kollege die aktuelle Situation, “mal sehen, wer von nun an die Monarchie noch verfechtet”.

Es gibt Menschen, die Probleme einfach aussitzen, damit sie sich von selbst lösen, es gibt andere, die sie besprechen und klären wollen und es gibt diejenigen, die einfach weglaufen, damit sich das Problem sozusagen in Luft auflöst. Juan Carlos entfacht mit seiner Entscheidung jedoch die Glut und bewirkt, dass stärker denn je, in diesem Moment die Institution und die damit verbundene Staatsform der Monarchie in Frage gestellt wird. Nicht nur Twitter läuft heiß mit Hashtags wie #CoronaCiao, bei dem man tatsächlich meinen könnte, es handle sich um Informationen über die lang ersehnte COVID19-Impfung, und #reyALaFuga, #KönigAufDerFlucht. Abgesehen von Wut und Empörung, heizen abfällige Kommentare und Forderungen nach #RepublicaYa, Republik jetzt, die Stimmung an.
„Dass die Bourbonen, im Ausland ins Exil gehen müssen, scheint eine Tradition zu sein, genau wie die weihnachtliche Fernsehrede”, wird ironisch kommentiert.

Die Geschichte wiederholt sich, denn nach vierzig Jahren Franco-Diktatur wurden Plätze, Parks und andere öffentliche Stätten in Spanien, die den Namen des Diktators trugen, nach anderen Persönlichkeiten umbenannt. Jetzt passiert das gleiche wieder. In Katalonien sind sie ganz schnell dabei Juan Carlos I und seine Erinnerungsplaketten nach vierzig Jahren Amtszeit als König, verschwinden zu lassen. „Wird Pedro Sánchez auch den Namen des Flaggschiffs der Armada Española Juan Carlos I ändern?”, fragen sich die weiterhin existierenden Anhänger der Monarchie auf Twitter. Ja, auch die gibt es und die Hashtags #GraciasMajestad, #VivaElRey und #YoConElReyJuanCarlos, die mit tausenden von Kurznachrichten dem Exkönig für seine Loyalität während der politischen Transition danken und die Monarchie als Institution voll unterstützen. 

Die Abreise des emeritierten Königs aus Spanien erfolgte inmitten der Untersuchung seiner Finanzen. Einerseits forscht die Schweizer Staatsanwaltschaft seit zwei Jahren an einem Fall im Zusammenhang mit einem Bericht einer panamaischen Stiftung, deren erster Begünstigter Juan Carlos I war. Andererseits hält die Staatsanwaltschaft des spanischen Obersten Gerichtshofs eine Untersuchung für die mutmaßliche Provision für die Vergabe des AVE, des spanischen ICE-Bauauftrags nach Mekka aufrecht. Juan Carlos I behält seine Sonderrechte als König bei, so dass er nur wegen Verbrechen angeklagt werden kann, die nach seiner Abdankung im Juni 2014 begangen wurden. Außerdem behält er laut dem Königshaus, den Ehrentitel des emeritierten Königs auch. König auf Lebenszeit oder R.hc.

Offensichtlich wusste Pedro Sánchez schon vor der Abreise Bescheid, dass der Bourbone gehen würde und ließ es geschehen. Mehr noch, er respektiert seine Entscheidung und lobt zunächst die Vorbildlichkeit seines Nachfolgers, ohne auf weitere Details einzugehen. Es wirkt, als wollte die Regierung, sich jetzt nicht auch noch damit auseinandersetzen, pasar página – nächste Seite – Neuanfang. 
„Warum nennen sie es „Exil”, wenn sie „Flucht” sagen wollen und damit das Bild der Krone reinwaschen?”, wird zynisch auf Twitter kommentiert.

Sánchez’ Mitwisserschaft bringt nun wieder Kritiken aus der linken Fraktion der Regierung, Vizepräsident Pablo Iglesias bezeichnete die Flucht des Königs als „unwürdig” und verlangt, dass er sich wie jeder andere Spanier vor der Justiz verantworten sollte. Akzeptanz findet hingegen Sánchez’ Vorgehen ausnahmsweise mal von der Opposition der PP, die Juan Carlos Entscheidung respektiert und die Monarchie betont unterstützt. Kaum ist der Exkönig weg, werden die Karten neu gemischt.

Der katalanische Regierungschef, Quim Torra, äußerte sich diesbezüglich sehr kritisch: „Es sollte jeden Demokraten beschämen”, klagte er, „Wir werden immer an der Seite der spanischen Republikaner stehen. Unser Ziel ist die unabhängige katalanische Republik”. Und forderte Sánchez’ Regierung auf, Verantwortung zu übernehmen, für die Erleichterung der Flucht einer Person mit Privilegien, die wegen eines „immensen Korruptionsfalls“ untersucht wird. 
„Wir fordern Erklärungen und bitten Felipe VI, zurückzutreten. Wir Katalanen haben keinen König, deshalb habe ich um eine außerordentliche Plenarsitzung gebeten, um die von der Monarchie eröffnete Krise anzugehen”, schließt er.

Nicht nur die politische Situation spitzt sich wieder zu, sondern die Kluft in der spanischen Bevölkerung tut sich einmal mehr auf. Noch deutlicher werden die zwei entgegengesetzten Fronten sichtbar.
Mittlerweile werde ich immer vorsichtiger, wenn ich gegenüber Spaniern die aktuelle Situation kommentiere. Zu meiner Kollegin, die mir am Abend in der Organisation des Open Air-Kinos zur Seite stand, sagte ich nur: „Als hätten wir mit Corona – und meinte damit den Virus – nicht genug”.
„Es ist eine Schande!”, platzte es aus ihr heraus, worauf sie sich auf die Krone – corona – bezog, schob aber gleich hinterher: “Ich habe mich dieses Jahr nicht getraut wegzufahren, es ist mir alles zu heikel”.

Corona sind in Spanien also gleich zwei Themen, die derzeit die Schlagzeilen bestimmen. Mit Juan Carlos I nicht genug, steigen auch die Ansteckungszahlen weiter, wie Fernando Simón, der Krisenstabsleiter, bestätigte. Bisher konzentrierte sich die Besorgnis auf Katalonien und Aragonien, aber im Baskenland, in Andalusien und in Murcia sind auch verschiedene Neuansteckungen verzeichnet worden, die außer Kontrolle geraten könnten. 
Simón wies darauf hin, dass die in der letzten Woche in Madrid verzeichneten Corona-Fälle in Anbetracht der Bevölkerungsdichte der Region, auch Besorgnis erregend sind, obwohl in seinen Worten „die Anzahl der Fälle, bewertet anhand der Gesamtbevölkerung, nicht übermäßig hoch ist“. 

04.08.2020 Kindergarten-Verein

Von Annette Scholz

Tetuán, Madrid, © Alexander Knebe

Die Corona-Krise spitzt sich zu und weiterhin wird nach einem Schuldigen gesucht. Pedro Sánchez hat sich als maßregelnder Vater in den letzten Wochen zurückgezogen, vor allem, weil er mit den anderen europäischen Regierungschefs den Marshall-Plan des neuen Millenniums “Next Generation Europe” erarbeitete. Als Dank regnete es nun daheim von allen politischen Seiten wieder Kritik. Gekämpft hat er in Europa für die Wiederaufbauhilfe, stellt nun die Beschlüsse hier im Parlament vor und wird von allen politischen Gegnern angegriffen. 

Santiago Absacal der rechtsextremen Partei Vox droht schon jetzt für September mit einem Misstrauensvotum, da nach seinem Ermessen keiner Spanien schlechter durch die Pandemie führen könnte als Sánchez.
„Wenn Sie nicht zurücktreten, ist das Land im Herbst wieder führend in Epidemie und Ruin”, griff Abascal den Präsidenten an.

„Meiner Meinung nach hat es Sánchez in den letzten Monaten nicht so schlecht gemacht, Fehler macht ja jeder”, wagte ich neulich gegenüber einer Bekannten aus Mirasierra die aktuelle Situation ohne viel Impetus zu kommentieren. – Mirasierra ist eines der reichsten Stadtviertel Madrids mit Villen, wie ich sie zuvor nur in Filmen gesehen hatte und wie man sie vielleicht noch in La Moraleja finden kann. Dort wohnen die Reichen, die alteingesessenen Familien. – Ihre Reaktion verwies mich sofort wieder auf meinen Platz. Die sehr liebenswürdige und sonst im sozialen Umgang perfekte Frau, ließ ein Stückchen ihrer Maske fallen und empörte sich über meinen Ausspruch. 
„Also, sie haben das Schwerwiegende der Pandemie verschwiegen und keiner wusste, wie schlimm das eigentlich werden würde”, entgegnete sie mir mit barschem Ton.
Ich stimmte leise zu und wechselte so schnell wie möglich das Thema, da mir in diesem Moment wieder einfiel, dass mich ihre Mutter gegenüber meiner ehemaligen Mitbewohnerin auch als „schwierig und komisch” bezeichnete, ohne mich richtig zu kennen, weil ich vom Vater meiner Tochter getrennt lebe – „Irgendetwas muss sie ja gemacht haben, dass sie jetzt alleine ist”, war ihr Kommentar.

Tatsächlich liegt es ja nicht nur in Sánchez’ Hand, ob sich die Pandemie weiter ausbreitet oder nicht. Er könnte wieder für einen Alarmzustand plädieren oder ,von oben’ eingreifen, um die Regionalpolitiker zu verpflichten, weitere Maßnahmen einzuleiten, um die Entwicklung der Kurve aufzuhalten. Die ist im Moment nämlich wieder auf dem gleichen Stand wie im Mai und geht weiter nach oben und zwar zügig. Alle haben Angst vor der zweiten Welle, die in schnellen Schritten im Anmarsch ist. Pro Tag gibt es jetzt schon wieder mehr als 1.000 neue Fälle in ganz Spanien und 400 Menschen liegen im Krankenhaus. 

So scheint es auch widersprüchlich, dass auf dem IFEMA, dem hiesigen Messegelände, derzeit zwei Großbühnen für Massenspektakel aufgebaut sind, um den Madrider Sommer für die Hiergebliebenen erträglicher zu gestalten, gleichzeitig in den Messehallen schon wieder provisorische Krankenhäuser aufgebaut werden, damit sie im Notfall in 48 Stunden operativ sein können. Diese Maßnahme ist zwar vorausschauend, aber auch nicht gerade vertrauenserweckend. Wenn im September alle Urlauber wieder zurück in Madrid sind, dann brodelt es. Seit letzter Woche sind 1.500 neue Corona-Positive in Madrid registriert worden. Sollten die Großbühnen nicht vielleicht zuerst abgebaut oder wieder gesperrt werden? 

Die Erkrankten sind derzeit vor allem jüngere Menschen mit geringen Symptomen, was generell auf das blühende spanische Nachtleben zurückzuführen ist. Bedrückend ist dabei auch, dass die Anzahl der Tracker – rastreadores, mir kommt bei diesem Wort immer das Bild eines schnüffelnden Hundes in den Kopf – die in der Region Madrid für das Aufspüren der Kontakte der COVID19-Infizierten verantwortlich sind, nach dem Lockdown auf 400 erhöht werden sollte. Da es bisher aber immer noch nur 182 gibt, ist auf einmal Eile angesagt und die regionale Regierungspräsidentin Isabel Ayuso sucht verzweifelt nach Personal, das sie bis Anfang August noch einstellen möchte, um die sich rasant verfielfachenden Fallzahlen doch noch nachverfolgen zu können.

Meines Erachtens ist es vor allem das teils sehr egozentrische Sozialverhalten, das tief in der spanischen Kultur verankert ist, das eine positivere Entwicklung der Pandemie unmöglich macht. „Masbarbilla” – Mascarilla/barbilla, Maske, die am Kinn hängt – nannte mein Kollege unser neuestes Modeaccessoir neulich „das ist, wie wenn man den Motorradhelm am Ellenbogen trägt, man hat ihn dabei, aber nützen tut er nichts”.

Tatsächlich wurde gerade eine WhatsApp-Kampagne vom Colegio de Médicos de Bizkaia (CMB) angezeigt, die dazu aufruft, den Erlass der Maske beim Hausarzt einzufordern und den Mediziner bei Weigerung anzuzeigen. Was soll das? frage ich mich da. Die Maske ist doch zum eigenen Schutz und zum Schutz der anderen und deshalb seit 30. Juli auch in Madrid überall im öffentlichen Raum Pflicht.

Wie machen das die Fußballer? Denn offensichtlich gab es nicht nur im Fußballclub Fuenlabrada, im Südosten Madrids, der in der zweiten División spielt, immer mehr neue Corona-Fälle. Auch in Almería und Zaragoza wurden immer mehr Spieler positiv getestet. Ob so die Liga noch erfolgreich zu Ende gebracht wird?

Emma hat schon seit einem Monat Ferien und nach zwei Wochen Papa und zwei Wochen Sport-Camp, verbringen wir nun noch ein paar entspannte Tage zusammen, bevor sie wieder mit ihm nach Andalusien fährt. Auf dem Programm stehen: Malen, Klettern, Schwimmbad, abgesehen von Filmen und Koffer packen. 

Nach dem Klettern, sollte es neulich nochmal schnell ins hauseigene Schwimmbad gehen. Emma war schon im Wasser, als ich auf dem Weg dorthin einen Nachbarn traf, der sich ganz empört über den Rest der Hausgemeinschaft bei mir ausließ: 

„Hast du das gesehen? Bei uns im Büro nehmen wir die Masken nie ab, weil wir im Büro keinen Abstand von 1,5 Metern halten können und das ist auch gut so. Und jetzt versammeln sich die Nachbarn in der Großgruppe auf dem Schwimmbadrasen”.

Ich hatte mir schon gedacht, dass es keine gute Idee war, zur Stoßzeit, abends um 19 Uhr das kühle Nass zu suchen, aber was ich sah, übertraf meine kühnsten Vorstellungen.

Ungefähr zwanzig Leute in Badekleidung, wenn mit Maske, dann nur zum Tauchen, Erwachsene und Kinder auf einer schmalen, etwa zwei Meter breiten Rasenfläche am Schwimmbad, rund um einen Kuchen mit Gesang und großem Trara. Unter normalen Umständen wäre das natürlich ein sehr nettes Zusammentreffen. Als ich diese Ansammlung von grölenden und singenden Menschen sah, stellte sich bei mir statt Freude für die Geburtstagskinder oder Neid, nicht Teil der Feierlichkeiten zu sein, nur Angst ein, dass Emma sich vielleicht dazu gesellt hätte und mitten unter den vermeintlichen Viren zu finden wäre.

Nach einem suchenden Blick ohne Brille fand ich sie alleine im Wasser, in der hintersten Ecke des Beckens und da tat sie mir schon wieder ein bisschen leid. Als ich nun endlich ins Wasser ging, um mich von der Hitze zu erholen – wir haben gerade auch noch Hitzewarnungen von bis zu 40ºC – fragte ich sie:
„Ist alles ok oder bist du traurig, dass du nicht mitfeierst?” Worauf sie nur selbstzufrieden antwortete: „Ach Quatsch, Mama, ich will doch keinen Corona-Kuchen!” Touché!

Wir blieben im Wasser, hatten unseren Spaß und versuchten die Menschenansammlung so gut es ging zu ignorieren. Nachdem die Gesellschaft dann aber nach und nach ins Becken kam, wurde es mir zu voll und brenzlig, sodass wir das Schwimmbad dann doch recht schnell wieder verließen.

„Wollt ihr auch ein Stück Kuchen?”, fragte uns die Nachbarin, als wir gerade auf dem Heimweg waren. In diesem Moment hätte ich wirklich gerne eine Maske getragen, nicht nur, um mich vor Corona zu schützen, da sie sich doch sehr nah vor mich stellte in ihrem Bikini, sondern auch, um meinen Gesichtsausdruck zu verdecken. Denn leider spiegelt mein Gesicht alles wider, was mir im Kopf herumgeht und in diesem Moment dachte ich nur bei mir „ihr seid doch irre, keine Schutzmaßnahmen, jetzt stehst du einen halben Meter vor mir und trägst keine Maske und dein selbst gekaufter Kuchen interessiert mich nicht die Bohne”.

„Nein, vielen Dank”, erwiderte Emma, die solche Situationen besser meistern kann, als ich, “aber danke, dass du es angeboten hast, das ist sehr nett.”
Einmal mehr haben wir uns als die ,komischen Deutschen’ geoutet und ich bin die ,blöde Mutter’, die ihr Kind nicht feiern und Kuchen essen lässt.