30.06.2020 Endlich Zeugnisse

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Letzte Woche hat meine Tochter endlich ihr Zeugnis bekommen, nicht online, sondern vom Klassenlehrer höchstpersönlich, vor der Schule, mit Maske. Alle Kinder und Eltern mit Mund- und Nasenschutz begrüßten sich mit liebevollen Ellenbogen-Stößen und freundlichen Fußtritten. Jetzt sind Sommerferien, die von den Kindern eigentlich dieses Jahr gar nicht herbeigesehnt wurden. „Herr Besch“, heulte Emma heute Morgen noch, als der Online-Lerntermin wegen der Zeugnisausgabe nicht stattfinden konnte, „ich will gar keine Ferien haben! Ich will meinen Lieblingslehrer weiter sehen!” Und ich kann sie nur zu gut verstehen, denn auch ich hätte gerne weiterhin eine gewisse Routine in unserem Alltag, denn meine Arbeit läuft weiter und nur noch auf begrenzte Zeit von zu Hause.

Einige Eltern unserer Hausgemeinschaft lösen das mit den Ferien entstehende Betreuungsproblem, indem sie ihre Kinder gemeinsam im Hof spielen lassen, unbeaufsichtigt, ohne Masken und ohne Abstand. Abgesehen von dem immer weiter steigenden Geräuschpegel, der nun das home office auf der Terrasse beschallt – mein Nachbar über mir, an dessen Zoom-Sitzungen ich praktisch mitteilnehme, und ich sind schon wie Kollegen – werden nun unter den Kindern diskriminierende Abgrenzungen vorgenommen. Emma war kürzlich zum ersten Mal wieder im Hof und wollte sich mit Maske und Abstand ins Spiel eingliedern, wurde aber von den Nachrbarskindern mit „hast du etwa ein Problem mit Corona? Entweder du setzt dich hier dazu oder du kannst nicht mitspielen“, sehr unliebsam vergrault. Traurig kam sie nach nur fünf Minuten wieder in die Wohnung und beschloss, ,nie wieder’ raus zu gehen. Erst nach einer langen, stärkenden Unterhaltung von Mutter zu Tochter, die im Nachhinein von ihrer Freundin Noelia mit einem „wir alle haben ein Problem mit Corona”, untermauert wurde, fühlte sie sich besser.

Es ist schwierig mit den täglichen wechselnden Geschehnissen eine gewisse Ruhe in der „Neuen Normalität“ zu finden. Plötzlich werden Besuchspläne von Freunden aus Deutschland für den Juli durch erneute Stornierung von Lufthansa-Flügen durchkreuzt, während uns der deutsche Reiseveranstalter eine Wiederherstellung der Urlaubsannehmlichkeiten für den Sommerurlaub in Andalusien garantiert. Verkehrte Welt: Jetzt haben wir Ferien, und Emma hätte lieber noch Schule und würde gerne ihre Klassenkameraden sehen, mit ihnen lernen, spielen, streiten und eben das tun, was Kinder in der dritten Klasse so tun. Wir Erwachsene haben noch keinen Urlaub, hätten ihn aber gerne, wären schon gerne irgendwo am Meer, wissen aber noch nicht einmal, ob wir dieses Jahr noch dort hinkommen.

Die spanische Hauptstadt leert sich trotzdem langsam – glücklich diejenigen, die die Zweitwohnung am Strand oder in den Bergen dieses Jahr noch etwas früher beziehen können – und Spanien empfängt seit ein paar Wochen auch wieder internationale Besucher an den verschiedenen Flughäfen. Dadurch werden einige aus dem Ausland importierte COVID19-Neuansteckungen registriert. Während sich die Nachrichten überschlagen von Corona-Medikamenten, Corona-Impftests, der Prognose für eine zweite Corona-Welle im Herbst, dem erneuten Lockdown in der Region um Lissabon und den Tausenden von britischen Touristen an den Küsten, die weder einen Meter Abstand halten, noch sonst irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen treffen, wurde letzte Woche hier ein königliches Dekret mit den Verordnungen für die neue Normalität verabschiedet, das legal untermauert, was einem Verhalten nach gesundem Menschenverstand entspricht. Die Verwendung von Masken in allen geschlossenen und offenen Räumen wird obligatorisch vorgeschrieben, sofern ein Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Alle Präventions- und Hygienemaßnahmen in Gastgewerbebetrieben, Hotels, Geschäften, Arbeitszentren, Krankenhäusern usw., die während des Alarmzustandes eingeführt wurden, bleiben in Kraft. Notfallpläne für neue Virus-Ausbrüche sollen von den regionalen Regierungen erarbeitet werden. Ein besonderer Augenmerk liegt dabei auf der Verbesserung der Früherkennungsmechanismen, wobei COVID19 als meldepflichtige Krankheit gehandelt wird. 

Tatsächlich bin ich am Wochenende auch zum ersten Mal wieder Metro gefahren. Zunächst habe ich mir dabei gar keine großen Gedanken über Corona gemacht. Nur der Blick durch den langen halbleeren Waggon, in dem nur jeder zweite oder dritte Platz besetzt war, brachte mich zum Stutzen. Dies hätte ja auch ein normales Szenario ohne Corona sein können, an einem Tag, an dem eben nur wenige Leute öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Aber nicht zuletzt wegen der auferlegten Pflicht, hielten wirklich alle Mund und Nase mit einem Schutz verdeckt. Ich fühlte mich auch zum ersten Mal richtig geschützt durch das Stückchen Stoff und nicht nur beeinträchtigt wegen Atemnot und beschlagener Brille. „Wir haben die schicksten Masken”, meinte Emma und bezog sich dabei auf unser Tiger- und Blumendesign. Damit hatte sie nicht ganz unrecht, denn sonst trugen fast alle die typischen Einwegmasken, die nicht nur die Gesichter der Zeit schmücken, sondern momentan auch die öffentlichen Mülleimer füllen und die Bürgersteige pflastern.

„Was für ein Müll nun zusätzlich produziert wird“, kommentierte dieses Szenario Isabell neulich, „auch noch diese vielen Einwegplastikhandschuhe, die man jetzt im Supermarkt anziehen muss“. Gerade erst wurden die gratis vergebenen Plastiktüten an den Supermarktkassen in Spanien abgeschafft, schon gibt es ein neues Einwegprodukt, das freimütig und jetzt auch noch vorgeschriebener Maßen verteilt wird. Müllvermeidung und -trennung stehen schon seit bestimmt 30 Jahren auf meiner Tagesordnung, auch wenn es manchmal schwer fällt, daher war ich auch von einer meiner Quarantäne-Entdeckungen besonders angetan: dem Gemüsenetz. Beim, während des Lockdowns eher wenig geliebten Supermarkteinkauf, bei dem man so wenig wie möglich anfassen wollte, was mit Plastikhandschuhen bis zu einem gewissen Punkt auch mit Schwierigkeiten verbunden ist, stieß ich auf weiße dünne Stoffbeutel, mit Bändern und einer breiten glatten Fläche, auf der die Etikette mit Gewicht und Preis geklebt werden kann. Wiederverwendbar, waschbar, coronafreundlich und nun ständig im Einsatz.

Tatsächlich wird in Madrid erst seit kurzem alles recycled, und bei einigen meiner Bekannten sogar noch gar nicht. Nach so vielen Jahren, die ich bei jedem Stück Müll überlege, in welche Tonne es gehört, überrascht es mich immer wieder, wenn es in einem Haushalt nur eine gibt. „Mama, gehört das in die Biotonne?”, höre ich in der letzten Zeit ständig, wenn Emma den Tisch abräumt und auf den Tellern noch Reste findet. Für sie ist es normal, dass man vor dem Wegschmeißen kurz überlegen muss, wohin. Hier in Madrid hat die linksalternative Lokalregierung von Manuela Carmena von 2015 bis 2019 wirklich über Umweltschutz nachgedacht, die Verkehrsberuhigung der Innenstadt mit monströsen Baustellen um die Puerta del Sol, Gran Vía und den Plaza España vorangetrieben und die Biotonne in fast allen Stadtvierteln eingeführt. Auf Madrids Straßen stehen nun bunte Müllcontainer: braune für Bio, orange (bzw. graue) für Restmüll, gelbe für Plastik, blaue für Papier und grüne für Flaschen. Außerdem gibt es noch Sammelstellen, an denen der Rest der nicht recyclebaren Materialien deponiert werden kann. Besonders schön sind auch die öffentlichen Mülleimer etwa am Bahnhof Atocha, mit einem Einwurfsystem ähnlich dem Bauklötze-Spiel, bei denen Kleinkinder Quadrate, Kreise, Dreiecke und Rechtecke unterscheiden lernen, indem sie die unterschiedlich geformten Klötze durch verschiedene Öffnungen in einen Eimer werfen. Auch bei diesen Mülleimern gibt es unterschiedliche Einwurfschlitze für Plastik und Restmüll, die die nicht verwertbaren Reste nach der oberen Trennung dann in einer einzigen Tüte sammeln. Wahrscheinlich sind das Mülleimer zum Üben für den Ernstfall, wenn alles soweit ist.

Vox erfreute die galizischen Städte im Norden Spaniens noch vor kurzem mit Luftballons mit dem Motto „Galicia é verde“ – Galizien ist grün, nicht unbedingt aus umweltschutzfreundlicher Perspektive, sondern wegen der saftigen Graslandschaften und der Parteifarben der Rechtsradikalen. Vox’ Vorsitzender Santiago Abascal versicherte seinen Anhängern, dass er die Regionalwahlen am 12. Juli für sich entscheiden will. Während es kurz nach den ersten Quarantäne-Lockerungen politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen gab, die auf der Straße ausgetragen wurden, werden nun diese Wahlkampf-Meetings der rechtsradikalen Partei von Liksextremen  angegriffen und boykottiert. 

Sánchez kritisiert hingegen auf nationaler Ebene die ablehnende Haltung der PP gegenüber der Verlängerungen des Alarmzustands, die ihn vor ein paar Wochen noch zu mancher Verzweiflungstat getrieben hatte und bittet seit Wochen auf den „Weg der Einheit“ zurückzukehren. Die Verabschiedung des Vorschlags, dass der ERTE, Expediente de Regulación Temporal de Empleo – die temporäre Regulierung des Angestelltenverhältnisses durch den Staat, bis September auch ohne Alarmzustand weiter beantragt werden kann, hing nicht von der Unterstützung der PP ab, aber Sánchez’ Regierung wollte alle möglichen Stimmen gewinnen, um ein Gefühl von Stabilität und Harmonie zu vermitteln. Darüber hinaus wird die Haltung der politischen Parteien den Verhandlungsweg für die allgemeinen Staatshaushalte 2021 bestimmen. Der Vorschlag, den ERTE unter Berücksichtigung höherer Gewalt für Unternehmen, die ihre Aktivität noch nicht wieder aufnehmen konnten, und die Möglichkeit, diese aufgrund einer erneuten Schließung, falls nötig bei Wiederausbruch des Coronavirus zu beantragen, wurde zur Beruhigung vieler einstimmig angenommen.

Wenn also bei den Firmen das Geschäft noch nicht richtig anläuft, haben sie das Glück, weiterhin auf staatliche Unterstützung zählen zu können, womit die Staatsverschuldung natürlich auch steigen wird. Irgendwie scheint mir das System auch ein bisschen wie Müllvermeidung, denn würde der Staat jetzt die Firmen nicht unterstützen, würde es immer mehr geben, die schließen müssten. Allein in Montecarmelo haben seit Beginn der Corona-Krise schon drei Restaurants geschlossen, und der Opelhändler, den ich jährlich zur Inspektion des Autos besuche, hat auch dicht gemacht. Die bankrotten Geschäfte geben Lokale frei, die irgendwann wieder neu besetzt werden. Gegenüber unserer Wohnung hat an der einen Ecke ein mexikanisches Restaurant vor drei Wochen neu eröffnet und an der anderen eine typisch spanische Kneipe, in einem Lokal, das schon fünfmal den Besitzer gewechselt hat, seit wir hier wohnen – auch eine Art von Recycling.

23.06.2020 Ver-trauen

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Seit einigen Tagen laufen die Nachbarschafts-Chats heiß. Mittlerweile habe ich drei verschiedene Whatsapp-Gruppen mit den Nachbarn; eine schon seit Jahren, mit allen Eltern im Gebäudekomplex, eine seit dem Lockdown mit den Nachbarn, die eine Terrasse auf der Südseite haben, und nun seit zwei Wochen eine, die die Wohnungseigentümer vereint. Und das ist die Gruppe, die den Stockfisch schneidet, wie man auf Spanisch so schön sagt – que corta el bacalao – die Entscheider, um es auf den Punkt zu bringen. Das sind 22 von 64 Parteien. Bevor mein Wecker klingelte, hatte ich neulich schon 50 Nachrichten und alle drehten sich um die Eröffnung der Badesaison des hauseigenen Schwimmbads. Die Nachbarn diskutieren über die Maßnahmen, die getroffen werden müssen, sollten oder dürften, ob das Schwimmbad eine Woche früher oder später geöffnet wird, mit oder ohne Kontrolleur und Reinigungseinheiten, oder ob alle zur Eigenverantwortung aufgerufen werden und Selbstkontrolle vor Fremdbestimmung geht. 

Der Hausverwaltung werden dabei böse Absichten unterstellt und jeder Schritt und Vorschlag in Frage gestellt. Ich frage mich bei diesem Aufruhr nur, ob er sich denn lohnt. Ist das alles so wichtig, dass man Zeit darauf verwenden muss, alles bis ins Detail zu hinterfragen, wenn etwa ein Drittel der Schwimmbadbesucher für den Rest mitentscheidet und doch unsere Gesundheit im Vordergrund stehen sollte? Wenn ich die Kinder und Jugendlichen im Hof sitzen sehe, dicht an dicht mit der Maske unter dem Kinn, dann ist schon abzusehen, dass jetzt, da der Alarmzustand beendet ist, alles wieder wird wie zuvor, sogar ohne Maske. Auch mein Fitness-Studio hat diese Woche wieder geöffnet, mit Gesundheits-Sicherheitsvorkehrungen, auf die ich schon sehr gespannt bin.

Den Nachbarn scheint es bei der Diskussion vor allem um ihre Rechte als Eigentümer zu gehen, weniger um ihre Pflichten gegenüber ihren Mitmenschen. Mir ist es wirklich egal, wann das Schwimmbad öffnet, dieses Jahr werde ich mich sowieso nicht richtig wohlfühlen, wenn zu viele Menschen um mich herum sind. Schwer ist es allerdings, Emma davon zu überzeugen, die schon vor Kurzem den großen Frust bekam, als ich ihr sagte, sie müsse noch etwas warten, bis sie mit den anderen Kindern im Hof spielen könne.

An meinem Arbeitsplatz verhält sich die Situation ähnlich, auch dort habe ich drei Whatsapp-Gruppen, eine der gesamten Kulturabteilung Alcalá, eine derjenigen, die auf der Liste der Gewerkschaftswahlen standen und eine weitere mit den Kollegen, die sich wie ich demnächst nach fünfzehn bis zwanzig Jahren auf ihren eigenen Arbeitsplatz bewerben müssen. Diese Gruppe ist derzeit sehr aktiv, um nicht zu sagen, es herrscht eine gewisse Panik, bewegt durch unkontrollierten Tatendrang. Mit der dreimonatigen Corona-Verspätung bestätigt uns die Rathausverwaltung nun nämlich schriftlich, dass wir trotz jahrzehntelanger Anstellung ohne wechselnde Verträge, keine Festangestellten sind. Schon letztes Jahr haben wir eine Anwältin eingeschaltet, um sich unserer Angelegenheiten anzunehmen und diesen Tatbestand gerichtlich zu hinterfragen, doch immer wieder kommen bei den Kollegen Zweifel auf, ob sie ihren Job auch richtig macht. Alles geht zu langsam. Und obwohl wir einen Repräsentanten haben, der unsere Anliegen bündelt, um sie an die Rechtsverständige heranzutragen, übergehen Kollegen diesen, um den Prozess zu beschleunigen. Fehlendes Vertrauen in diejenigen, die beauftragt wurden, unsere Interessen zu vertreten, schürt eine gewisse destruktive, panische Stimmung, die ich nicht richtig nachvollziehen kann. Wir zahlen doch dafür, dass die Anwältin das Beste für uns herausschlägt.
Corona hin oder her, in solchen Momenten frage ich mich immer, ob ich zu vertrauensselig bin und mich in all diese Diskussionen einmischen müsste. Aber tatsächlich sehe ich derzeit keinen Anlass dazu.

„So ist Spanien, das Land der Pandereta – der Tamburine”, rief Carlos diesbezüglich neulich entsetzt aus, als wir bei Streuselkuchen auf der Terrasse saßen, und zitierte damit einen von dem Dichter Antonio Machado geprägten Begriff, der über „La España de charanga y pandereta” schrieb. Dieser glaubte an ein kultiviertes, modernes, europäisches Spanien und nicht an das Land, in dem er lebte und das sich nach seinem Ermessen durch Mittelmäßigkeit auszeichnete. Damals war nicht abzusehen, wie weit Spanien tatsächlich ein von diesem Musikinstrument geprägtes Land werden würde, und nicht gerade wegen seiner Kunst. Dieser von den Spanien häufig genutzte Ausspruch drückt eine resignierte Kritik an einem Land aus, in der das Sehen und Gesehenwerden, die Freundschaften, die Vorteile verschaffen, der unkonstruktive Dialog, die Obrigkeitshörigkeit, die Titulitis und Politiker mitschwingen, die nicht unbedingt als gutes Beispiel vorangehen. 

„In Spanien war die Quarantäne viel unsanfter und unfreundlicher als in den anderen europäischen Ländern”, schreibt der Soziologe Ignacio Sánchez-Cuenca. „Die Kinder waren bis zum 26. April eingesperrt, die Parks und Berge abgeriegelt, es bestand ein Verbot spazieren zu gehen oder Sport zu treiben, und die Toten durften in den Leichenhallen nicht beweint werden. Und das alles hat Konsequenzen”, erläutert er, „verärgerte Nachbarn, die diejenigen anzeigen, die gegen die Regeln verstoßen, Polizeiautos, die Patrouille fahren, mehr als eine halbe Million Sanktionen und eine besorgniserregende Anzahl von Fällen polizeilichen Missbrauchs”.

Für ihn ist die Strenge des Lockdowns in Spanien ein neuer Ausdruck des weltlichen Misstrauens, das in der spanischen Gesellschaft herrscht, wobei er erwähnt, dass die Spanier häufiger vor Gericht gehen als die nördlichen Nachbarn, da es ohne gegenseitiges Vertrauen schwieriger sei, Differenzen beizulegen. Auch der bedingungslose Europäismus der spanischen Politik beruhe seines Erachtens nach auf dem Misstrauen, das die spanische Gesellschaft in die eigenen Fähigkeiten habe, Probleme ohne ausländische Hilfe zu lösen. Einerseits gäbe es das Problem des fehlenden Vertrauens zwischen den Bürgern (horizontales Misstrauen): Im März wurde von der Forschungsagentur 40dB eine Umfrage gestartet, bei der die Befragten angeben sollten, ob sie sich an die Quarantäneregeln halten und ob sie glauben, dass andere sie einhalten.

Auf die Frage nach sich selbst, antworteten 85,7% mit einer 9 oder 10 (Mittelwert 9,4) auf einer Skala von 0 bis 10. Auf die Frage, ob die anderen die Anforderungen erfüllen, sank der Prozentsatz der Antworten mit den Werten 9 oder 10 auf 17,4% (Mittelwert 7,0). Dieser Unterschied ist ein guter Indikator für die Kluft zwischen dem, wie die Spanier ihre Nachbarn, und dem, wie sie sich selbst sehen. Jeder hält sich für tugendhaft, glaubt aber, alle anderen seien Sünder.

Es ist also kein Wunder, dass es eine breite Unterstützung für die harten Quarantäne-Maßnahmen gab, denn wenn jeder denkt, dass die anderen sich nicht an die Auflagen halten, dann besteht die Lösung darin, dass die Regierung strenge Regeln auferlegt und die Einhaltung überwacht. Dies wird als „soziales Gleichgewicht“ bezeichnet: Angesichts der Überzeugungen, die wir von den anderen haben, ist das Beste für uns ein striktes Regime der Beschränkung.

Außerdem spricht Sánchez-Cuenca von einem vertikalen Misstrauen: demjenigen von den Eliten zur Bürgerschaft und umgekehrt. „Die Bürger vertrauen den Eliten (politisch, wirtschaftlich, intellektuell) nicht und die Eliten fürchten die Bürger und ihre Reaktionen”, erklärt er. Diejenigen, die Entscheidungen treffen und Führung übernehmen, denken, dass die zu Führenden eine Quelle von Gefahr und Unordnung darstellen und vor allem nicht bereit seien, sich kollektiven Problemen zu stellen. Die hiesigen Regierungen könnten somit den Bürgern in Krisensituationen nicht viel Freiheit lassen, da das spanische Volk undiszipliniert und anarchisch sei. Die Regeln müssen immer klar und erschöpfend sein, denn wenn eine Lücke zur Interpretation bliebe, würde diese für böse Machenschaften genutzt. Regeln müssen auch von einer starken polizeilichen Überwachung und einem ausreichend abschreckenden Sanktionssystem begleitet werden. 

Wenn der Bürger also wie ein potenzieller Delinquent behandelt wird, ist er den Herrschern gegenüber natürlich misstrauisch. Angesichts einer willkürlich auferlegten Regel, wird er versuchen, sich von dieser mit Einfallsreichtum und ,Spitzbübigkeit’ zu lösen. Diese Reaktion bestätigt hingegen wieder die Überzeugung der Elite, dass die Bürger nicht bereit seien, verantwortungsbewusst zu handeln. So entsteht ein Teufelskreis, ein vertikales Misstrauen in beide Richtungen, das das soziale Gleichgewicht unterminiert.

Die strengen Einschränkungen des Lockdowns beruhen nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern letztendlich auf politischen Entscheidungen, bei denen Annahmen über die Reaktion der Betroffenen getroffen werden. Hier kommt das Misstrauen ins Spiel, das das öffentliche Leben in Spanien kennzeichnet. Jemand wird erst vertrauenswürdig, wenn er Entscheidungen treffen darf, die seine Ehrlichkeit und Verantwortung demonstrieren. Der Staat muss den Bürgern vertrauen, damit die Bürger dem Staat vertrauen.

So halte ich es mit meiner Hausverwaltung, ich vertraue auf ihre Arbeit, solange bis es einen triftigen Grund für Misstrauen gibt. Schließlich steht jetzt auch fest, dass das Schwimmbad geöffnet wird, sobald alle Vorbereitungen getroffen sind, mit der Auflage sich für den Schwimmbesuch anmelden zu müssen und nicht länger als dreißig Minuten am Stück im Wasser zu bleiben, um die Nachbarn auch zum Zug kommen zu lassen. 
Auch der Anwältin werde ich weiterhin vertrauen, in der Hoffnung, dass sie den langwierigen Prozess um meine Arbeitsstelle zu einem glücklichen Ende bringt.

Mit dem plötzlichen Einbruch des Sommers haben wir das Ende des Alarmzustandes nicht weiter mitbekommen, bis auf einen kilometerlangen Stau aus Madrid hinaus in Richtung Norden, der dieses Wochenende die Autobahn verstopfte. Wahrscheinlich haben doch einige die Möglichkeit genutzt, die Hauptstadt nach vielen Monaten nun endlich wieder zu verlassen und die Familie in anderen Teilen des Landes zu besuchen. Die Madrider Regionalregierung hat sonst praktisch nahtlos mit ein paar weiteren Lockerungen die Auflagen der nationalen Regierung übernommen. Die öffentlichen Schwimmbäder in Madrid dürfen bis zum 6. Juli ihre Kapazitäten bis zu 50% und danach bis zu 75% auslasten; Kinos, Theater, Zirkus und Ähnliches ab 6. Juli auch wieder bis zu 60%. Weiterhin bleibt alles unter strengster Überwachung, denn sollte wie in Huesca ein neuer Corona-Herd aufflammen, müssen auf schnellstem Wege Maßnahmen ergriffen werden, diesen einzudämmen. Für viele bedeutet das Ende des Alarmzustandes jedoch den Beginn der nächsten Krise, denn Lohnausfälle werden nun nicht mehr vom Staat gezahlt.

16.06.2020 Maskerade Teil 2

Von Annette Scholz

Lavapiés, Madrid, © Anne Sophie Brandt

Wenn Emma ihre fesche Maske trägt, eine Stoffmaske in dunkelblau mit weißen Nadelstreifen, dann denke ich manchmal an Hannibal Lecter. Die Maske, bei der man den innenliegenden Papierfilter wechseln kann, ist eigentlich für Erwachsene und ihr deshalb noch etwas groß. Sie hat aber einen extra farblich passenden Schaumstoffmaskenhalter, der ihr die Gummizüge am Hinterkopf zusammenhält, damit ihr die Bändel nicht über die Ohren rutschen. Allerdings wird ihr die etwas große Maske dadurch fast bis unter die Augen gezogen, wodurch sich der Lecter-Effekt ergibt. Wenn ich sie aber mit weniger gruseligen Figuren assoziieren möchte, dann nenne ich sie „meinen kleinen Drachen”, da die Maske auch eine drachenartige Nase formt. Dann denken wir gemeinsam an den orangefarbenen „Zogg” aus Alex Scheffler und Julia Donaldsons Kinderbüchern – wahrscheinlich hat sie von beiden Figuren etwas.

„Ich habe ein paar total niedliche Kindermasken gesehen“, schnappte ich im Vorbeigehen auf, als wir auf Montecarmelos Fahrradweg bei einem der neuen inoffiziellen Spielplätze vorbeikamen, was mir bestätigte, dass die Maske mittlerweile viel mehr als ein Schutz gegen Viren ist. Sie ist nicht nur seit Mai gesetzlich verordnet, sondern auch gleichzeitig zum modischen Accessoire geworden. Die Maske wählt man nun passend zum outfit in allen Farben und erfindet die unterschiedlichsten Arten und Weisen, um sie immer griffbereit zu haben.

„Wir tragen immer eine Maske im Umgang mit anderen Menschen”, sagte der Radiosprecher neulich bei Radio 3, „denn wir zeigen nie, was wir tatsächlich empfinden”. Aber die neue Normalität intensiviert diese Maskerade, da wir nun tatsächlich mit einem halb verborgenen Gesicht leben und versuchen dabei, auf natürliche Weise durchs Leben zu gehen, obwohl wir durch die Maske wie Ärzte oder Gesetzlose erscheinen. Sie hindert uns daran, so zu kommunizieren, wie wir es sonst immer getan haben, mit unserem Lächeln – einem echten oder aus Höflichkeit – und einer Reihe von Codes, die wir mit unserer Mimik mit Mund und Wangen untermauern. In der neuen Normalität ist es schwieriger, den Gesichtsausdruck zu interpretieren, da einige nicht nur das halbe Gesicht verstecken, sondern mit einer Sonnenbrille oder wie ich, mit einer fast ständig beschlagenen Sehbrillen, auch noch die obere Gesichtshälfte bedecken. Eine Bekannte erzählte mir, dass in vielen koreanische Serien die Bösen und die Prominenten immer durch schwarze Masken und schwarze Kappen gekennzeichnet werden. Auch von denen laufen jetzt hier ein paar herum – sind wir nicht alle ein bisschen Darth Vader?

In der neuen Ära müssen wir vorsichtiger sein, um Diskussionen so gut es geht zu vermeiden, denn unser Lächeln, ob sarkastisch, ironisch, herablassend oder animierend, konnte bisher fast alles reparieren, aber natürlich nur, wenn man es sehen kann. Lächeln ist plötzlich kein soziales Schmiermittel mehr. Wenn wir einmal die falschen Worte wählen, haben wir nur noch die obere Gesichtshälfte, um es wieder einrenken.

Zu Anfang der Krise ist mir aufgefallen, dass ein freundlicher Gesichtsausdruck gegenüber Fremden fast ganz von den Gesichtern der Menschen verschwunden war, wohl wegen der Angst, dass uns jemand zu nahe kommen und eventuell anstecken könnte. Jetzt möchten wir, dass sich andere uns wieder nähern, aber weil wir Masken tragen, wird unser einladendes Lächeln nicht mehr wahrgenommen. Nachdem eine Bekannte sich neulich einen ganzen Schwung modischer Exemplare mit attraktiven Designs und ansprechenden Farben gekauft hatte, sagte sie zu mir: “Ich habe vor dem Spiegel lächeln geübt.” Bei ihren Übungen kam sie zu dem Schluss, dass ein normales Lächeln unter einer Maske als solches nicht identifiziert wird, sondern durch die sich zusammenziehenden Augenbrauen auch als Erbostheit interpretiert werden könnte. Um ihr verdecktes Lächeln nun mit der oberen Gesichtshälfte kenntlich zu machen, meinte sie: “ich muss dabei blinzeln, dann versteht man eindeutig, dass ich freundlich bin.”

Wir sind jetzt wie schwanzlose Hunde und müssen uns, um Missverständnisse zu vermeiden, neue mimische Signale einfallen lassen, die Augen und Augenbrauen mehr einsetzen, um uns klar auszudrücken, und auch anderen tiefer in die Augen schauen, um sie richtig zu verstehen. Der direkte Blick in die Augen kostet jedoch manchmal Überwindung, da diese als Spiegel unserer Seele gelten und direkten Zugang zu einer gewissen Intimität erlauben. Tatsächlich schüchterte mich neulich das Video eines Freundes etwas ein, der bei einem Diskurs über Berlangas “El verdugo” (1963) motivierend in die Kamera sah und mir somit, wenn auch indirekt, tief in die Augen blickte, während er über den spanischen Film referierte. Natürlich gab es dabei keinen direkten Kontakt zwischen uns, trotzdem war ich verleitet meinen Blick abzuwenden, um mich nicht peinlich berührt zu fühlen. In diesem Zusammenhang kommt mir Alejandro Amenábars Erstlingswerk “Tesis” (1996) wieder in den Kopf, die über die Intensität des Blickes, das Hinschauen und die grausame Intimität reflektiert, die mit dem Kamerablick entblößt wird. Aber noch ist die neue Normalität noch nicht so extrem.

„Das Gesicht kann verführen oder bedrohen, vermittelt jedoch keine eindeutigen Botschaften über Emotionen wie Ich bin glücklich oder Ich bin wütend„, sagte Professor José Miguel Fernández-Dols von der Universidad Autónoma Madrid, der die Beziehung zwischen Gesichtsausdruck und Emotionen untersucht. „Es ist ein Werkzeug der nonverbalen Kommunikation, aber wir haben eine Vielzahl von Ressourcen wie Hände und Körperhaltungen, die auf natürliche Weise den verborgenen Teil des Gesichts ersetzt, und der Mensch verfügt über eine große Flexibilität, um sich an die neue Kommunikation anzupassen.“

Noch vor ein paar Wochen, vor der Maskenpflicht, wurde das Schmunzeln im Zusammenhang mit einem Gruß nach und nach immer mehr zur Mangelware – so wie Hefe im Supermarkt – jetzt kann allein die Wahl der Maske zu einem statement werden. Es gibt eine Maske zum eigenen Schutz, die aber alle Viren nach außen bläst. Sie kennzeichnet sich durch ein rundes Ventil im vorderen Bereich, was ich zunächst als Einführloch für Zigarette oder Strohhalm identifiziert hatte – durch das der eigene Atem ungefiltert nach außen strömt. Diejenigen, die diese Maske tragen, möchten sicherlich nicht, dass man ihnen zu nahe kommt, und genauso wenig, diejenigen, die zum Husten oder Niesen, die Maske vom Gesicht nehmen, um ihre Viren mit einem lauten Geräusch auszustoßen.

Die Masken mit den spanischen Flaggen, die noch vor ein paar Wochen hoch im Kurs standen, sind jetzt nicht mehr ganz so aktuell. Stattdessen werden schon welche verkauft, die ein Foto der unteren Gesichtshälfte ihres Trägers zeigen oder andere, die mit Leuchtpunkten die Grimassen außen abbilden, die das Gesicht darunter zieht. Emma und ich sind COVID-Fashion victims, wie mein Kollege uns neulich bezeichnete, da wir seit ein paar Wochen mit Tiger-Masken getarnt durch den Madrider Dschungel laufen. Ich frage mich, ob auch bald jemand auf die Idee kommt, eine Maske mit Handytasche zu entwerfen, damit man das Telefon direkt nur durch einen Stoff getrennt, an den Mund schieben kann, um auf diese Weise freihändig sprechen zu können. Ich bin mir fast sicher, damit eine Marktlücke entdeckt zu haben. 

Beeindruckt war ich auch, als ich neulich einen Mann mit Gasmaske durch die Natur laufen sah. “Alles kommt wieder”, hieß es auch neulich in einer viralen Nachricht auf sozialen Netzwerken mit Fotos von Epidemien aus dem Jahren 1720, 1820, 1920 und 2020. Ganz korrekt war die Verschwörungstheorie, das alle hundert Jahre, die Bevölkerung dezimiert werden muss, nicht ganz, aber tatsächlich mussten sich die Menschen wegen der Spanischen Grippe vor einem Jahrhundert schon einmal hinter Masken verstecken.

Bei den Varianten, die Maske zu tragen, sind der Fantasie auch keine Grenzen gesetzt, denn auf Mund und Nase, wo sie ja eigentlich hingehört, stört sie doch schon sehr. Viele stülpen die Maske nur auf den Mund, was im Netz mit einem sehr beliebten und einprägsamen Meme kommentiert wurde, das die Maske mit einer Unterhose gleichsetzt. Wenn eine Maske nur den Mund verdeckt, so wurde aus der ironischen Zeichnung klar, sei es, als würde die Unterhose nur die Hoden eines Mannes verdecken, alles andere hinge darüber. Dieses Meme, das in einer Variante sogar dem Ministerium für Gesundheit zugeordnet wurde, sorgte auch für sarkastische Reaktionen auf Instagram. Mit dem Video Brigada mascarilla machte sich @rubentonces einen Spaß daraus, Maskenträger, die ihre Nasen über das Stoff- oder Papierstück halten, als Exhibitionist mit nicht vollständig verpackten Geschlechtsteilen, zurecht zu weisen.

Die Nase lasse ich möglichst nicht raushängen. Wenn aber problemlos ein Sicherheitsabstand von zwei Metern gehalten werden kann, bevorzuge ich, die Maske entweder am Handgelenk zu befestigen oder sie wie ein modernes, ganz kleines Gucci-Täschchen – meine Freundin Anette nannte dies, die Clutch-Version – zwischen zwei Fingern baumeln zu lassen. Das Wichtigste ist ja, dass man sie sofort zur Hand hat, wenn abzusehen ist, dass der Sicherheitsabstand von einer ,entgegenkommenden Gefahr’ unterschritten wird.

Weiterhin ist es daher auch sehr beliebt, die Maske unter dem Kinn, beim Joggen auch gerne als Schal am Hals anzuschnallen, während sich auch die Variante, auf der Stirn, als eine Art Haarband bei einigen großer Beliebtheit erfreut. Brillenbändel oder Halskette als Befestigung sind ebenfalls sehr nützlich, wenn man die Maske nicht in der Hand oder zusammengerollt wie eine Zigarre zwischen den Fingern halten möchte. Kinder befestigen ihre Maske mit Vorliebe auch gerne als Fähnchen am Roller oder Fahrrad, was wohl auch erklärt, warum auf den Feldwegen immer mehr Exemplare im Staub liegen. Wie lange die Masken wohl brauchen, um zu verrotten? Zum Kompostmüll gehören sie ja sicher nicht. 

Wir sind also auf dem besten Weg in Richtung einer neuen Normalität, zu dem dieses Accessoire selbstverständlich gehört. Als Emma neulich außer Mehl mit der Hand zu mahlen, mit ihrer Freundin auch einen Bilderbasar in ihrem Zimmer eröffnete, den wir Erwachsene zum Erwerb der Kunstwerke nur mit Maske betreten durften, war mir klar, dass bei uns zu Hause schon neue Winde wehen. „Bitte zwei Meter Abstand halten“, maßregelten sie uns, als wir durch die Zimmertür traten. Tatsächlich kam ich mir durch die leise Hintergrundmusik und die abgedunkelte Atmosphäre mit meiner Maske vor wie eine verschleierte Prinzessin aus 1001 Nacht.

Auch in meiner Tanzschule, die ab Juli wieder öffnet, gibt es neue Regeln. Zur Swingmusik wird jetzt nicht mehr so intensiv gelindyhopt; nur mit Maske und dann soviel die Luftzufuhr erlaubt, Abstand muss gehalten werden, der Tanzplatz ist am Boden markiert. Allerdings werden auch keine Tanzpartner mehr gewechselt, man bekommt jetzt einen zugeteilt, ob man ihn will oder nicht. Alles was man in der Präsenzstunden nicht lernt, kann in online-tutorials wiederholt werden. Hut ab vor den Machern des Barrelhouse Swing Projects, die ihre Tanzkurse an die aktuelle Situation angepasst haben! Viele ihrer Tanzschüler bleiben ihnen trotz der neuen Umstände deswegen auch erhalten. Für mich geht leider der soziale Teil des Tanzunterrichts in der neuen Normalität mit diesen veränderten Bedingungen ganz verloren und damit auch einer der Gründe, mich jede Woche aufzuraffen, um neue Schritte zu lernen.

Noch fünf Tage bis zum Ende des Alarmzustandes und eigentlich noch sechs bis zum Eintritt Madrids in Phase 3; mit der Hausverwaltung wird die Öffnung des Schwimmbads diskutiert, das wir im Sommer – vielleicht auch mit Maske? – betreten wollen. Zumindest die Hälfte der Gesellschaft hält sich an die Maskenpflicht und den neuen Abstand, wir haben uns schon verändert, so scheint es. “Separados pero muy unidos estáis haciendo algo inolvidable” – “Getrennt aber sehr vereint, macht ihr etwas Unvergessliches”, schwärmt die Regierung der Region Madrid auf Instagram. Ich bin gespannt, ob diese Entwicklung nach der Aufhebung des Alarmzustandes in die gleiche Richtung geht

11.06.2020 Die Tücken der Phase 2

Von Annette Scholz

Puente de Segovia, Madrid, © Jelena Schryro

España es así”, äußerte resigniert meine spanische Freundin aus Montecarmelo, mit der ich heute Morgen um 7:30 Uhr ganz entsprechend der neuen Normalität zum Spazieren verabredet war – ein ausgedehnter Spaziergang durch den Pardo, den wir bald wiederholen werden, um uns über unsere Quarantäne-Erlebnisse zu aktualisieren. Nach drei Monaten begrüßten wir uns mit einem freundschaftlichen Fusstritt gefolgt von einem anschließenden Ellenbogenstoß und Umarmungsbewegungen, ohne uns wirklich in die Arme zu schließen – alles sehr gewöhnungsbedürftig. „Hier hält sich keiner an die Regeln”, meinte sie empört. „Es werden Maßnahmen ergriffen, nach denen sich keiner richtet”. Mich erstaunt bei den Unterhaltungen mit meinen spanischen Bekannten immer die Selbsterkenntnis, die sie an den Tag legen, die immer eine gewisse Resignation miteinschliesst. „Spanien und wir Spanier sind eben so”, ist der sich wiederholende Gedanke.

Während des einstündigen Fußmarsches und der Unterhaltung über Kinder, Expartner und die jetzige Situation kamen wir zu dem selben Fazit: „Die Quarantäne hat dazu beigetragen, dass man sich mit dem Ex besser versteht und Konflikte eingestellt wurden, die jetzt wieder aufflammen”. Aber nicht nur das, unsere Töchter, die im selben Alter sind, haben diese Zeit nicht ganz unbeschadet überstanden. Sie sind anhänglicher geworden, schlafen wieder bei Mama im Bett und lassen den Frust über die Situation, wie an einem Sparringspartner auch genau an dieser aus, wobei sie sämtliche vorher gekannte Grenzen überschreiten. „Das ist sicher auch das Alter”, meinte meine Bekannte, „langsam aber sicher, bewegen sich unsere Kinder auf die Pubertät zu”. Ich bin der Meinung, dass COVID19 den Alterungsprozess beschleunigt hat, nicht nur bei meinem Prä-Pubertier, wie ich Emma oft nenne, sondern auch bei mir: Mehr graue Haare, stärkere Gelenkschmerzen und ausladendere Hüften sind dabei nur ein paar der Symptome, um nicht von der mentalen Entwicklung zu sprechen. In der letzten Zeit höre ich mich immer wieder sagen „Weniger ist bei mir jetzt mehr”, und das meine ich tatsächlich ernst. Weder interessiert es mich im Moment, meine vielen Freizeitaktivitäten wieder aufzunehmen, noch den Kreis meiner sozialen Kontakt weiter auszuweiten, als auf die Menschen, die ich bisher schon wiedergetroffen habe.

Tatsächlich habe nicht nur ich Schwierigkeiten mich an Phase 2 zu gewöhnen. Plötzlich kommt wieder mehr Verantwortung auf mich zu, die ich wirklich nicht vermisst habe. Arzttermine, Reparaturarbeiten, Versicherungsabsprachen, alles war liegengeblieben und muss nun mit dreimonatiger Verspätung wieder in Angriff genommen werden. Das ändert aber nichts daran, dass trotzdem nicht wieder alles erlaubt ist und dass meine Tochter immer noch nicht in die Schule gehen darf.

„Ich zwinge mich dazu, jetzt wieder Freunde in den Bars zu treffen, sonst gehe ich gar nicht mehr aus, ich kenne mich doch”, sagte meine Nachbarin heute zu mir, als wir verbotenerweise mit unseren Kindern einen corrillo im Eingangsbereich des Hauses bildeten, „ganz wohl ist mir dabei nicht, aber man muss sich ja anpassen. In meine Wohnung lasse ich jedoch niemanden, da bin ich ganz rigoros”, setzte sie hinzu. Ich halte es gerade umgekehrt, die mir liebsten Freunde können zu uns nach Hause kommen, auswärts essen, reizt mich hingegen überhaupt nicht.

Phase 2 schafft ein gewisses Unbehagen, weil alles wieder recht normal erscheint, aber es doch noch nicht ist. Von meinen Nachbarn, die ihr home office auf der Terrasse eingerichtet haben, hörte ich heute erstmals wieder Schreie in den Hof: „Bitte haltet Abstand!”, denn die Kinder dürfen in der aktuellen Phase wieder draußen spielen, nur mit Abstand, auf dem Gras und nur so, dass sie Passanten nicht zu nahe kommen. Anlässlich des heutigen Spiellärms haben sich wohl die kinderlosen Eltern gleich bei der Hausverwaltung beschwert, die ipso facto direkt mit einem Rundschreiben reagierte, in dem Eltern aufgefordert werden, ihre Kinder vor Ort zu beaufsichtigen und die Einhaltung der Coronauflagen zu kontrollieren. „Ja natürlich, wir machen Telearbeit, kümmern uns um die Kinder, das Haus und jetzt spielen wir noch Wächter im Hof, weil wir sonst nichts zu tun haben”, war die etwas erboste Reaktion einer Nachbarin im Haus-Chat. Tatsächlich ist die Situation gar nicht einfach, wir müssen an alles gleichzeitig denken, aber unsere Kinder sind schließlich auch unsere Verantwortung. Ich habe mich dafür entschieden, Emma noch nicht rausgehen zu lassen, jedenfalls nicht in den Hof und schon gar nicht ohne mich. Unter dem Gesichtspunkt, dass Montecarmelo letzte Woche noch der Corona-Brennpunkt in Madrid war, fühle ich mich sowieso wohler bei dem Gedanken, dass wir weiterhin so wenig wie möglich soziale Kontakte pflegen, vor allem weil mir der Hals gerade etwas kratzt.

Im Baskenland gibt es neue, noch nicht eingedämmte Corona-Fälle und damit bleibt das Einreiseverbot in die Nachbarregionen aus Vorsicht noch eine weitere Woche bestehen. Die nördlichen Regionen in Spanien sind schon in Phase 3 und damit nur einen Schritt von der „Neuen Normalität” entfernt, die das freie Bewegen zwischen Regionen erlaubt. Der Gedanke an eine Reise scheint mir noch völlig absurd, obwohl kurzfristig die Kommunion meines Patenkindes in Deutschland dieses Jahr doch noch stattfinden wird, nächste Woche, während wir noch in Phase 2 sind. Auch wenn wir gerne dabei wären, rechnet eigentlich keiner so richtig mit unserem Erscheinen. Nur meine Mutter hat noch Hoffnungen, denn sie würde gerne ihr Enkelkind im Sommer mal wieder sehen. Auch Emma würde liebend gerne zu den Großeltern reisen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Iberia gerade diese Woche die Flüge meiner Freunde nach Berlin für Juli und August gestrichen hat, schwant mir Übles. „Mit Ryanair kommen wir noch hin aber von Iberia sind die Flüge ohne Angabe von Gründen storniert worden”, schrieben sie mir. Die Ungewissheit, die die momentane Zeit bestimmt, ist teils irritierend, da langfristige Planungen unmöglich sind, teils beruhigend, weil man nicht viel anderes tun kann, als in den Tag hineinzuleben.

Isabel Celaá, die spanische Bildungsministerin hat sich diesen Donnerstag mit Vertretern der autonomen Gemeinschaften getroffen, um das veränderte Präventions- und Hygieneprotokoll für das nächste Schuljahr zu besprechen. Im Bildungsressort machte sich diesbezüglich Unzufriedenheit breit, da das Dokument nicht mit Lehrern und Familien abgesprochen wurde, obwohl es wesentliche Änderungen vorsieht. Beispielsweise wird in Betracht gezogen, dass alle Schüler wieder in die Schule gehen sollen, jedoch in „Gruppen mit stabilem Zusammenhalt“ von 15 bis zu 20 Personen, die zu keinem Zeitpunkt getrennt werden sollen. Solange sie in diesen Gruppen sind, müssen Kinder unter 10 Jahren dann keine Masken tragen oder einen zwischenmenschlichen Abstand einhalten, der jetzt auf 1,5 Meter abgesenkt wurde.

Das Protokoll des Ministeriums sieht vor, dass jeden Morgen Pandemiepräventionskurse abgehalten werden und dass in jedem Bildungszentrum ein COVID19-Team präsent ist, das dafür verantwortlich ist, dass alle Maßnahmen eingehalten werden. Die Schüler erhalten Unterricht in Parks, können im Klassenzimmer essen und müssen sich mit den Pausen abwechseln, dürfen jedoch nicht an Versammlungen teilnehmen oder sich frei auf dem Schulgelände bewegen.

Da Bildung jedoch in die Kompetenzen der Regionalregierungen fällt, müssen wir uns noch gedulden, bis ein definitiver Plan für Madrid veröffentlicht wird. “Dieses Jahr ist nur definitiv, das nichts definitiv ist”, sagte mein Kollege heute, als wir über das kommende Filmfestival sprachen. So ist es wohl, in jeder Hinsicht.

Die Präsidentin der Region Madrid, Isabel Díaz Ayuso, hat angekündigt, dass einige Grundschüler schon jetzt wieder normal zum Unterricht gehen können und Kindergärten ab Phase 3 wieder öffnen dürfen. Zwei Wochen vor den großen Ferien jetzt doch noch zurück in die Schule? 

Im Moment finde ich alles verunsichernd und schwierig eine neue Normalität zu finden, die doch nicht normal ist, vor allem, wenn sich auf der Straße irgendwie jeder anders verhält. Auf Twitter sorgte der Sänger Miguel Bosé zudem für Wirbel: Obwohl seine Mutter im Alter von 89 Jahren diesen März an Coronavirus gestorben ist, unterstellt er den Regierungen, in erster Linie der spanischen, einen Komplott und einen völlig übertriebenen Umgang mit Corona. Er verbreitet über das soziale Netzwerk ein Video der World Health Organization, die vom Gebrauch von Masken für den Durchschnittsverbraucher eher abrät. Das ist nicht die einzige Verschwörungstheorie, auch in Deutschland möchte wohl der Popsänger Xavier Naidoo gerichtlich gegen die Regierung vorgehen, um sie wegen der Corona-Freiheits-Beschränkungen zur Verantwortung zu ziehen. “Was ist denn nun richtig?”, fragte mich meine Freundin Isabell neulich, aber leider kann ich ihr darauf auch keine Antwort geben.

09.06.2020 Sport ist Mord

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Als ich gestern in knapp zwei Stunden die 9 Kilometer des äußeren Umrisses der Insel Montecarmelo abgelaufen bin, kam mir der Gedanke, dass ich jetzt in Phase 2 doch wieder mehr Sport machen sollte. Ich habe mir fest vorgenommen, noch diese Woche mein Fahrrad wieder auf Vordermann zu bringen, um mit Emma über den Fahrradweg in den nächsten Park zu fahren. Das wird eine Herausforderung, denn der innere Schweinehund fühlt sich im Lockdown sehr wohl, wächst und gesellt sich zu seinen Freunden, der Trägheit und Gewichtszunahme. So betriebsam die Straßen jetzt wieder sind, so wenig Energie habe ich gerade, um mich darin wieder einzureihen.

Als ich bei meinem Rundweg an meinem hiesigen Fitnessstudios mit dem sugerierenden Namen GoFit, vorbeikam, das ich seit drei Monaten nicht betreten habe, fiel mir ihr Werbeslogan auf der noch verrammelten Eingangstür auf: „Die Energie, die hier produziert wird, ist 100% erneuerbar”. Tatsächlich musste ich ein bisschen nachdenken, vor allem weil der Hintergrund des Plakats grün ist und mir zunächst wie eine Stromwerbung vorkam. Erneuerbare Energie, die bräuchte ich jetzt. Es wäre schön, wenn ich mich einfach irgendwie aufladen könnte. Meine Nachbarn haben mir während des Lockdowns wenigstens täglich ein schlechtes Gewissen gemacht, da sie immer morgens gegen 8 Uhr das statische Fahrrad auf der einen Terrasse und am Abend um 17 Uhr das Laufband auf der anderen anwarfen, um mit großen Schritten auf der Stelle zu treten. Zum Glück animierte mich das rhythmische Poltern nebenan wenigstens zwei- bis dreimal die Woche dazu, an virtuellen Tanzklassen bei GoFit everywhere teilzunehmen und Pilates zu machen, um den Rücken einigermaßen in Bewegung zu halten. Mit den Phasen aber kam die Möglichkeit wieder rauszugehen und ausgedehnte Spaziergänge zu machen, daher gingen auch die Nachbarn wieder auf die Straße, um Sport zu treiben und das inspirierende Geräusch stellte sich ein. 

Bei 10.000 Schritten am Tag verbrennt man noch nicht einmal 500 kcal. Wie soll ich die angefutterten Kilo je wieder loswerden, um mich etwas dynamischer zu fühlen und es vielleicht auch zu sein? Dabei trainiere ich doch mit meinen Spaziergängen für den Jakobsweg, von dem ich dieses Jahr unbedingt zwei Etappen laufen möchte. Alle Wege führen hier nach Santiago de Compostela und einer geht direkt vor unserer Haustür los. Die Ziele sollen für meine jetzige physische Verfassung nicht zu hoch gesteckt werden, aber bis Manzanares el Real über Tres Cantos und Colmenar Viejo würde ich es schon gerne schaffen. Praktisch ist, dass man mit dem Cercanías-Zug einfach zurück nach Montecarmelo fahren kann, wenn die Füße gar nicht mehr mitmachen und das ist in der jetzigen physischen Verfassung gut möglich.

„Ich bin am Ende”, meinte neulich mein Freund Carlos, der Tennislehrer ist, als er nach Monaten sein erstes Punktspiel hinter sich gebracht hatte, „ich möchte nur noch auf dem Sofa liegen und gar nichts mehr tun”. Verständlich, denn ich bin mir sicher, ich hätte noch nicht einmal ansatzweise fünfzehn Minuten durchgehalten. Tennis darf man ja schon länger wieder spielen, da der Abstand von zwei Metern dabei gewährleistet ist. Tatsächlich konnte ich auch die Bälle in der Ciudad de la Raqueta – der Schlägerstadt, direkt neben meinem Fitnessstudio – wieder knallen hören. Die Menschen spielen und trainieren wieder.

Dabei kam mir ein weiterer motivierender Slogan des Studios in den Kopf, der über Lautsprecher immer eingespielt wird, wenn man dort ist: „La felicidad también se entrena” – „Auch Glück lässt sich trainieren”. Über diese Aussage, die auch den in Orange gehaltenen Eingangsbereich des Megasportstudios ziert, habe ich mir schon mehr als einmal Gedanken gemacht, als ich nach meinen vierzig Bahnen Freistil in der Dusche damit beschallt wurde. Glück kann man vielleicht wirklich trainieren. Sport macht glücklich, Bewegung tut es auch. Und was noch? Das hat sich sicher mehr als einer während der Quarantäne gefragt.

Tennis und Padel, ein tennisähnliches Spiel mit einem kleineren Feld und kleinerem Schläger, machen viele Spanier glücklich, aber in Hinblick auf Sport, ist es vor allem Fußball, das die Nation bewegt. Über Fußball scheiden sich bekanntlich die Geister in vielerlei Hinsicht. Es gibt diejenigen, die der Sport vor Begeisterung verrückt macht, und diejenigen, die ihn nicht ausstehen können. „Ich bin kein Mann, dem Fußball wichtig ist”, sagte einer meiner liebsten Freunde in Deutschland einmal zu mir, „das kam bei meinen Partnerinnen immer gut an”. Tatsächlich ist das bei mir, wie mit dem Rauchen, immer, wenn es nicht übertrieben ist, kann ich mich damit arrangieren. 

Hier in Spanien scheiden sich aber die Geister noch in weiterer Hinsicht, denn die Fans in jeder Altersstufe sind entweder hinchas von Barça oder Real, natürlich gibt es noch andere beliebte Fußballvereine aber FC Barcelona und Real Madrid sind sicher diejenigen, die die meisten Anhänger zu verzeichnen haben, die die teuersten und berühmten internationalen Spieler vereinen und in deren Vitrinen die meisten Trophäen stehen.

In diesem Zusammenhang erinnere mich an einen schönen Moment, als Real Madrid im Jahr 2011 siegreich nach dem Endspiel der Copa del Rey – der nationalen Meisterschaft, die parallel zur Liga stattfindet – in die Hauptstadt zurückkehrte und ihren Fans den fünfzehn Kilo schweren und fast einen Meter großen Pokal buchstäblich als Opfergabe brachte. Rund um die Plaza de Cibeles, der Brunnen am jetzigen Rathaus Madrids, der die Kultstätte, der blanca ist, warteten Tausende von Fans ungeduldig auf ihre Helden. Als der Bus am späten Abend mit den Fußballspielern in Feierstimmung eintraf und im Schritttempo durch die grölende Menge fuhr, fiel der Pokal dem damaligen Verteidiger Sergio Ramos, der den Pokal mit seinem Kopf stützte aus den Händen und knallte aus einer Höhe von etwa vier Metern vor dem Bus mit offenem Verdeck auf dem sich der Kader von Real Madrid befand, auf den Boden. Der Busfahrer schaffte es zu bremsen, aber das verhinderte nicht, dass der Pokal unter den Busrädern verschwand und völlig zerstört wurde. Den Feierlichkeiten tat diese Szene jedoch keinen Abbruch, die noch viele Stunden das Zentrum Madrids beschallten.

Viele Jahre waren es vor allem Real Madrid und FC Barcelona, die sich um die königliche Trophäe, sowohl als auch die Ligaführung, die Champions League und alle anderen Meisterschaftsplätze stritten. In der Konkurrenz zwischen den beiden Vereinen schwingt aber noch einiges mit, was nicht direkt zum Fußball gehört: Zum einen der Wettbewerb zwischen zwei Metropolen, den größten und teuersten Städten Spaniens, zum anderen der Konflikt zwischen Zentralstaat und Autonomien. Während der Franco-Diktatur, die von 1939 bis 1975 andauerte, waren die drei Autonomie-Sprachen Katalanisch, Baskisch und Galizisch verboten, die Bürger in Katalonien nutzten aber die Fußballspiele als Möglichkeit, sich im Stadium zu versammeln und ihre Gespräche weiterhin in ihrer Sprache zu führen. Somit wurde beim Fußball die Möglichkeit geschaffen, die katalanische Identität weiterzuleben. Wenn man also genau hinschaut, kann man auch beim Fußball und den entsprechenden Fans eine gewisse Zweiteilung in traditionalistische versus progressive Haltungen erkennen.

Allerdings scheiden sich in diesem Bereich die Geister noch weiter, da es noch sehr viele andere beliebte Fußballvereine in Spanien gibt. Tatsächlich sind sich die Madrilenen auch in ihrer sportlichen Begeisterung nicht einig, da es in der Hauptstadt zwei große Teams gibt. Erst 2017 wurde der Umbau des Wanda Metropolitana Stadions mit 20.500 Sitzplätzen für den Atlético de Madrid fertiggestellt, das dem Estadio Santiago Bernabeu mit über 80.000 Sitzplätzen nur begrenzt Konkurrenz macht. Allerdings sind sich die radikalen Fans der beiden Madrider Vereine Spinnefeind, sodass Siege des Atlético auch nicht am Cibeles-Brunnen, sondern an der Fuente de Neptuno, auch am Paseo del Prado im Zentrum gefeiert werden. So nah und doch so fern sind sie sich, die Madrider Fußballfans, denn auch diese beiden Verein und die Tatsache, Fan des einen oder anderen zu sein, sind Teil eines politischen Ausdrucks.

In Phase 1 sah ich einen Vater mit Plastikhandschuhen im Feld mit seinem Sohn Fußball spielen, wobei ich mich erst fragte, wie er sich auf diese Weise vor Corona schützen wollte, zumal er den Ball bei diesem Spiel wie der Name ja schon sagt, vor allem mit den unteren seiner Extremitäten berühren muss. Nach reiflicher Überlegung kam ich dann zu dem Schluss, dass er in diesem Zusammenspiel wohl der Torwart sein musste, denn anders hätte ich mir die Handschuhe nicht erklären können. Damit wurde mir aber auch klar, dass viele Fußball und die Begeisterung dafür vermissen. Wieso sonst schickt mir auch meine Bank inmitten der Corona-Krise einen Mathe-Schnellkurs – La Liga Explica – mit dem mein Kind über Fußball in Windeseile Wurzelrechnen lernen soll?

Die Information, dass die spanische Liga am 19. Juni wieder losgeht, beglückt sicher einen großen Teil der Bevölkerung, obwohl die Fußballer, sowohl ihre Bevorzugung in der Versorgung mit COVID19-Tests, als auch ihr regelbrechendes Verhalten im Hinblick auf die Corona-Auflagen für Polemik gesorgt haben. Offensichtlich ist der Sport und die Gelder, die er bewegt, wichtiger, als die Beispielfunktion, die die Sportler für die Bevölkerung haben. Die Fußballer der ersten Liga wurden alle schnellstmöglich auf COVID19 getestet und fünf von ihnen hatten ein positives Ergebnis, obwohl symptomlos. Tatsächlich wird es wirklich schwierig beim Fußball zwei Meter Abstand zu halten, Masken zu tragen und sich nur zu fünfzehnt, wie es in Phase 2 erlaubt ist, zusammenzufinden. Der Sport gehört auf alle Fälle frühestens in Phase 3 der neuen Normalität.

Ist es überhaupt möglich, ein Protokoll gegen das Coronavirus im Fußball einzuhalten? Die Wiederaufnahme der Bundesliga in Deutschland zeigte, dass es so gut wie unmöglich ist. In einer Sportart, in der Körperkontakt unerlässlich ist, sind Maßnahmen zur Vermeidung einer möglichen Ansteckung von COVID19 nahezu nutzlos. Die erste Runde der Spiele in Deutschland machte deutlich, wie schwierig diese „neue Normalität“ ist. Bilder von leeren Fankurven, eine Handvoll Journalisten, Gesichtsmasken auf den Bänken, ein Abstand von zwei Metern schaffen eine ganz andere Stimmung. Es gibt eine Reihe von Regeln, die befolgt werden müssen, damit Fußball trotz Pandemie gelebt werden kann. Viele davon wurden erfüllt, wie bei der Ausstrahlung der ersten Spiele zu sehen war. Das Protokoll enthält Regeln, nach denen jeder Fußballer seine eigene Flasche haben muss und die Bälle vor dem Spiel desinfiziert werden müssen. Aber was nützt es, all diese Maßnahmen einzuhalten, wenn es dann unmöglich ist, dies mit anderen zu tun? 

Schon jetzt wird gerechnet, wie viel der Wert der Spitzenspieler in dieser Zeit gesunken ist. Für die großen Vereine bedeutet die Pandemie einen finanziellen Einbruch, denn nach der seltsamen Saison wird der Verkaufspreis der Spieler nach Angaben im Spiegel um über eine Milliarden Euro sinken. Wenn über eine Milliarden Verlust gesprochen wird, dann sind Millionen nur noch Kinkerlitzchen. Wiederum ist eine Millionenspende in Sanitätsmaterial und Geldern zur COVID19-Forschung verschiedener spanischer Fußballer eine große Geste. Wer kann schon eine Millionen Euro spenden, ohne sich dabei selbst aufzugeben? Daher ist es keine Überraschung, dass auch diese Geste eine Reaktion auf sozialen Netzwerken provoziert: ein gefälschtes Foto, das eine vermeintliche Wissenschaftlerin zeigt, die einen Gehaltsvergleich zwischen Fußballern und Wissenschaftlern anstellt, um zu dem Schluss zu kommen, dass die viel besser bezahlten Fußballer in der jetzigen Situation nach eine Corona-Impfung forschen sollten.

Wie Corona im Lockdown schafft der Sport bei den Welt- und Europameisterschaften eine gesellschaftliche (nationale) Einheit. Sogar ich schaue dann ab und an mal ein Spiel, allerdings mehr aus gemeinschaftlichen Gründen, als aus Interesse. Wobei ich mich an ein Erlebnis erinnere, dass ich am 29. Juni 2008 hatte, als Spanien gegen Deutschland das Finale der Europameisterschaft bestritt. Damals saß ich mit meinem zu dieser Zeit einzigen deutschen Freund in Madrid in einer Kneipe ohne Fenster in der calle Santa Isabel in Lavapiés, umringt von Spaniern mit dem Trikot der Roja, der Nationalmannschaft. Wir, beide nicht wirklich große Fußballfans, machten uns einen Spaß daraus, die freundschaftliche spanische Gruppendynamik mit deutschen Fanrufen etwas provokativ zu durchbrechen. Im Verlauf des Spiels riefen wir immer mal wieder „Schweinsteiger, los!” oder „Lahm, nicht so lahm!”, was zunächst für großes Gelächter unter den Bekannten führte, sich aber mit der Spannung und der anfänglichen Dominanz der deutschen Nationalmannschaft langsam verlor. Als am Ende Spanien 1:0 gewann, war ich tatsächlich ganz froh, denn so kamen wir nur begleitet von ein paar überheblichen Kommentaren unverschont aus der Kneipe wieder raus, um dann auf der Straße mit den anderen zur Plaza de Cibeles zu ziehen und gemeinsam den Sieg der Spanier zu feiern. Über Fußball scheiden sich die Geister…

08.06.2020 Dunkle Wolken ziehen auf

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

„Zwei Meter Abstand!”, wurde ich gestern Vormittag im Park von einem älteren Herrn angeraunzt, als ich mir die Maske abgenommen hatte, weil meine Brille während des Versteckspiels mit Freunden und Kindern beschlagen war. Tatsächlich lagen etwa fünf Meter zwischen ihm und mir. Als ich ihm aber mit „ja, natürlich” antwortete, ärgerte er sich nur noch mehr, da ich seiner Ansicht nach die Corona-Situation nicht ernst nahm und die obligatorische Distanz zwischen ihm und mir nur erhalten blieb, weil er einen großen Bogen um mich machte. „Die Maske ist nicht nur zu deinem Schutz, sondern auch zu dem der anderen”, brüllte er mir noch etwas empört hinterher. Ich war wirklich sehr geschockt, da ich in jeder Situation aus Überzeugung so gut es geht, versuche die Auflagen einzuhalten und die Tatsache, dass in mir nun jemand den verantwortungslosen Regelbrecher sieht, stößt mir übel auf. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und habe es noch, bei dem Gedanken, dass dieser wildfremde Herr nun meint, ich wolle nicht versuchen, sein Leben zu schützen. Vom Gegenteil werde ich ihn nicht überzeugen können, daher habe ich mich auch auf keine Diskussion eingelassen aber meine Freundin beruhigte mich schon, als sie mir bestätigte, dass der Abstand zwischen ihm und mir weit mehr als zwei Meter betragen habe. Nun wurde der Spieß einmal umgedreht und plötzlich stellte ich für diesen Mann einen Risikofaktor dar. Er gehörte zur Gruppe der am meisten Gefährdeten, er hat Angst um sein Leben, was seine für mich etwas übertriebene Reaktion rechtfertigt. 

Ob sich eine entstehende Phobie gegenüber denjenigen rechtfertigen lässt, die aus einer Region kommen, die noch in einer niedrigeren Phase steckt, ist jedoch sehr fraglich. Aus sozialpsychologischer Sicht bedeutet ein Phasenwechsel die Aufgabe einer übergeordneten Gruppe, um zum individuellen Einzelkampf zurückzukehren. Die Pandemie hat durch die Explosion der COVID19-Fälle besonders in Gebieten wie Madrid und Katalonien zu einem Zusammenhalt der Gemeinschaft geführt, der durch entfernte soziale Kontakte über Blicke, Applaus, Musik und Tanz gestärkt wurde. Der Lockerungsplan nach Regionen und Phasen führt hingegen zu einer „Zerstückelung“ dieser Gemeinschaft, da Freiheiten nur entsprechend der Zahl der Infizierten und nicht Infizierten nach Zonen wiedergewonnen werden können. 

So kommt es, dass nun in verschiedenen Regionen eine Anti-Haltung geschürt wird gegen Bürger, die sich in erster Linie, wie bisher erlaubt, aus medizinischen oder beruflichen Gründen in eine andere Region begeben. „Madrileños go home”, wurde etwa in einem Dorf in Murcia an eine Wand gesprüht, um die Reisenden aus der zentralen Region zu begrüßen. Nachdem wir in schlechten Zeiten die Einheit und den Zusammenhalt erlebt haben, lebt jetzt der Egoismus, begründet in Angst und Unsicherheit, wieder auf.

Eigentlich hoffen meine Tochter und ich sehr, dass wir trotz aller widrigen Umstände unseren diesjährigen Sommerurlaub im August in Cádiz am Meer verbringen können, aber etwas Sorgen mache ich mir schon, ob wir denn dort so willkommen sein werden wie letztes Jahr.

Generell wirkt es für mich, als ob angestaute und um des lieben Friedens Willen beigelegte, beziehungsweise begrabene Konflikte jetzt geballt wieder aufleben. „Sie will einfach keine Pausen machen und sitzt schon vier Stunden vor dem Ipad”, meckerte mich der Vater meiner Tochter heute am Telefon an, als er sich nach drei Monaten zum ersten Mal um die online-Schule kümmern musste. „Sie ist ja sowieso viel lieber bei dir”, kam noch hinterher – ein Einwand, der schon vor COVID19 so manches Mal Anlass für Diskussionen gab. Emma und ich haben uns schon viele Wochen mit den Schwierigkeiten des neuen Schulformats auseinandergesetzt, hatten unsere Streitigkeiten und haben schließlich eine Form gefunden, mit der Situation umzugehen. Nun ist es wieder neu, weil sie bei ihm ist und die Schwierigkeiten fangen mit dem anderen Erziehungsberechtigten von vorne an. 

Auch auf einer noch viel größeren Skala erlebt die Welt nun Proteste gegen Dinge, die schon immer da waren, jetzt aber Tausende von Menschen aus gegebenem Anlass auf die Straße bringen. COVID19 rückt in den Hintergrund und andere Brennpunkte ins Zentrum. Es ist, als ob nur ein Funke gefehlt hätte, um sämtliche Pulverfässer zum Explodieren zu bringen. Corona hat unsere Nerven blank gelegt, Konflikte an die Oberfläche befördert, um sie jetzt in aggressiver Form zur Eskalation zu treiben.

Die Mobilisierungen gegen Rassismus, die in den USA durch den von der Polizei provozierten Tod des Afroamerikaners George Floyd ausgelöst wurden, haben sich in Europa und anderen Ländern verbreitet, soweit, dass sie jetzt ein globales Phänomen darstellen, das sich mit lokalen Gegebenheiten vermischt. London erlebte am Sonntag eine massive Demonstration, die größtenteils friedlich verlief, obwohl es zu einigen Zusammenstößen mit der Polizei kam und die Empfehlungen zur sozialen Distanzierung nicht eingehalten werden konnten. In der britischen Hauptstadt haben Proteste seit letztem Donnerstag an Intensität und Anzahl der Teilnehmer zugenommen, bis sie zur Avantgarde der weltweiten Ablehnung von Rassendiskriminierung wurden. Am Wochenende fanden auch massive Versammlungen in anderen europäischen Hauptstädten wie Madrid, Paris, Berlin, Brüssel oder Rom statt.

Auch in Spanien hallten also Lloyds Schreie „Ich kann nicht atmen“ von den Straßen wider. Die Organisation der Schwarzen, Afrikaner und Afrikastämmigen Spaniens (CNAAE) hatte zu Demonstrationen in mehreren Städten des Landes aufgerufen. Alleine in Madrid versammelten sich am Sonntag rund 3.000 Menschen vor der US-Botschaft und sangen: „Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit“ oder „Ihr, die Rassisten, seid die Terroristen“, bevor sie in Richtung Puerta del Sol marschierten. Die Madrider Lokalregierung hatte den Protest mit einer Höchstgrenze von 200 Personen und der Auflage eines Sicherheitsabstandes von zwei Metern genehmigt. Doch die COVID19-Maßnahme konnte durch die vielfache Überschreitung der Teilnehmer nicht eingehalten werden.

Nicht nur auf internationaler Ebene leben Konflikte auf, sondern auch national wirkt es, als würde Tabula rasa gemacht. Die Arbeit der Gerichte war für zwei Monate still gelegt. Jetzt werden Fälle aufgearbeitet, die nach dem Aufschub nicht an Brisanz verloren haben: Don Juan Carlos, der abgedankte König, steht wegen Korruption unter Beschuss, während der ehemalige Chef der katalanischen Polizei, der Mossos d´Esquadra, Josep Lluis Trapero wegen Aufruhrs bei den Unabhängigkeitsbewegungen in Katalonien 2017 von vier bis zu zehn Jahren Haft verurteilt werden soll.

Konflikte, die sich überschlagen, Proteste, Aufruhr und Auflagen, die nicht eingehalten werden. Vor dem Hintergrund, dass vor etwas über zwei Wochen hier die Straßencafés wieder geöffnet wurden und COVID19 eine Inkubationszeit von 14 Tagen hat, bedrückt mich der Hinweis, der mich heute über den Nachbarschafts-Chat erreichte, sehr: In Montecarmelo steigt die COVID19-Rate wieder. In unserem Stadtteil gibt es heute mit 148 mehr Fälle als in den übrigen Teilen der Region Madrid. In nur einer Woche hat sich die Rate verdreißigfacht. Wenn das so weitergeht, kommt die zweite Corona-Welle schneller als gedacht.

07.06.2020 Nichts ist mehr wie es war oder alles bleibt beim Alten

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Als Carlos gestern zu unserem Familientreffen stieß, war ich überrascht wie ernst er die jetzt geltenden Gesundheitsauflagen nimmt. Nach Monaten, die wir uns nicht gesehen haben, gab er mir zur Begrüßung keine Umarmung, sondern blieb etwas stockend vor mir stehen und überlegte, was wir jetzt am besten tun könnten. Kurz dachten wir an den Popo-Tango, den wir mit unseren Kindern tanzten, als sie drei Jahre alt waren, schließlich entschieden wir uns aber für einen Ellenbogenstoß, an den ich mich zum hallo sagen noch gewöhnen muss. „Was anderes dürfen wir ja nicht”, entgegnete er mir, „es ist trotzdem schön, dich wiederzusehen”.

Diesen Mittwoch wurde der Alarmzustand, der es ermöglicht, die Mobilität der gesamten Bevölkerung zu beschränken, um der Pandemie entgegenzuwirken, in Spanien ein sechstes und abschließendes Mal um zwei Wochen verlängert. 

Der Eintritt in die ,neue Normalität’ wird jedoch von der Regierung mit einem königlichen Dekret überwacht, das alle Hygienemaßnahmen einschließt, um den Coronavirus bis zu seinem Verschwinden oder der Entdeckung eines wirksamen Impfstoffes in Schach zu halten. Es legt verbindliche Beschränkungen für die Regionen fest, die für kommerzielle, sportliche und medizinische Bereiche und im gesamten Staatsgebiet bis zum Ende der Gesundheitskrise gelten.

Sánchez’ Regierung, die sich auf verschiedene politische Kompromisse beziehungsweise Diskussionen einlassen musste, um noch einmal die verpflichtende Phasenregelung durchzusetzen, wird diesbezüglich langsam verschnaufen können.

70% der spanischen Bevölkerung des Landes sind mindestens in Phase 2 der Deeskalation und der Staatschef wird die Gesamtverantwortung an die Regionalregierungen abgeben, sobald die Regionen in Phase 3 angelangen. Wie ein Vater, gibt er den jugendlichen Kindern Aufgaben, da ihr Verhalten verantwortungsvoll genug erscheint, um sich um verschiedene Dinge selbst zu kümmern. 

Diesen Montag sind wir ja schon in Phase 2 – only one level to go – da die Verbesserung der Situation in der Region Madrid durch das Gesundheitsministerium bestätigt wurde. Die Zentralverwaltung hat den Abwärtstrend bei den COVID19-Daten sowie die erweiterte Möglichkeit Tests durchzuführen, positiv bewertet. Madrid, das im Vergleich zu anderen spanischen Provinzen, zwei Wochen später in die nächste Phase wechselt, wird nun auch Einkaufszentren und Indoor-Bereiche von Bars und Restaurants mit Einschränkungen wieder öffnen können. Ebenso fallen unsere Zeitfenster für Spaziergänge und Sport weg, was mich schon wieder sehr verunsichert. 

Da der Regionalregierung größere Verantwortung zufällt, appelliert die Präsidentin der Region, Isabel Díaz Ayuso, schon jetzt an die Vernunft der Bürger mit einem Video, das sie über ihr Twitter-Account veröffentlichte, das unsere Mitmenschen zeigt, die sich nicht der entsprechenden Auflagen verhalten, keine zwei Meter Sicherheitsabstand einhalten, sich küssen, umarmen, abklatschen und mit Bier anstoßen. Eigentlich ganz gewöhnliche Verhaltensweisen aber die nicht mehr in die neue Normalität gehören. – Auch die so beliebten geteilten Raciones werden sicher leider aus dem Alltag der Spanier verschwinden. 

„Es darf nicht mehr so werden wie vor zwei Monaten“, warnt Ayuso in ihrer Videobotschaft, in der sie auch darauf hinweist, dass „Freiheit = Verantwortung“ bedeutet. „Ganz leicht sind wir wieder in dieser Situation”, warnt das Video in roten Buchstaben, das in nur wenigen Stunden 80.000 mal aufgerufen wurde, nachdem es Bilder aus dem provisorischen Krankenhaus zeigt, das noch im April auf dem hiesigen Messegelände aufgebaut war. „Wir werden COVID19 nur mit verantwortungsvollem Verhalten aller besiegen”, wird noch hinzugefügt. Plötzlich wird an die Vernunft appelliert. Hoffentlich hat diese Nachricht auch einige meiner Nachbarn mit den spanischen Flaggen erreicht, denn in Montecarmelo wurde offensichtlich zu viel Party gemacht, da es in den letzten 2 Wochen hier 24 neue COVID19-Fälle gab.

Es gehen Gerüchte um, dass Königin Letizia schwanger ist und einen männlichen Thronfolger auf die Welt bringen wird. Wenn dem tatsächlich so ist, muss einmal mehr das Gesetz in Frage gestellt werden, das nur männlichen Nachfahren der Könige in Spanien erlaubt den Thron zu besteigen, vor allem, weil Prinzessin Leonor schon seit 14 Jahren zur Königin erzogen wird. Großer Zufall oder manipulierendes Medienspektakel? 

Gerade jetzt sollen die Premios Princesa de Asturias der Eintracht – Prinzessin von Asturien ist eben die erstgeborene Tochter des Königshauses, Leonor – an die spanischen Sanitätsbeamten vergeben werden, die diese gar nicht haben wollen und sich mit dem Hashtag #NoQuieroPremiosDeLadrones – Ich möchte keine Preise von Dieben – massiv auf Twitter dagegen wehren. Die spanische Königsfamilie hat in den letzten Jahren einige Skandale mit veruntreuten Geldern, pompösen Elefantenjagden und Ähnlichem auf ihrem Konto verbucht und dadurch massive Kritik geerntet. Die Erhaltung der Monarchie kostet Geld und wird daher von linksgerichteten Gruppen immer wieder in Frage gestellt. Statt einer Preisverleihung wünscht sich das Sanitätspersonal Festanstellungen, Gehaltserhöhungen und nicht nach der Notsituation in den letzten Wochen gleich wieder in die Arbeitslosigkeit entlassen zu werden. Um diesen Wunsch zu unterstützen, haben Künstlergruppen dafür ein neues Symbol in Form einer neuen Flagge kreiert, die auch vereinzelt in Montecarmelo an den Fenstern zu sehen ist: ein grünes Herz auf weißem Grund.

Aber nicht nur die Monarchie steht unter Beschuss, sondern auch die variierenden Statistiken der COVID19-Erkrankten und -Toten, der Feminismus und die Korruption sind in der jetzigen Situation Themen, die Salz in die Wunde streuen, politische Kontrahenten noch mehr entzweien und die Kluft zwischen den zwei Spanien vertiefen.

Die Diskussion um die Erlaubnis der Feministendemonstrationen am 8 März trotz Pandemiegefahr sorgt für Aufruhr. Aber auch Korruptionsvorwürfe stehen im Mittelpunkt der Medien: einerseits im Zusammenhang mit den Geldern, die von der Madrider Regierung vor zwei Monaten für das provisorische Krankenhaus auf dem IFEMA-Messegelände ausgegeben wurden – der IFEMAZO; andererseits gegenüber Pedro Sánchez, der seinen besten Freund, Ignacio Carnicero, jetzt zum Generaldirektor der urbanen Agenda und Architektur ernannt hat. Alles ist gefundenes Fressen, um den jeweiligen politischen Gegner zu diskreditieren.

Als ich mich heute durch die verschiedenen Videos der sozialen Netzwerke klickte, kam ich mir vor wie auf einem Schlachtfeld. Kugeln in Form von Hashtags fliegen tief und schaffen eine stark aggressive Stimmung, die von enchufismo über corrupción alles anklagt, was sich auftut. Mir scheint, dass mit jedem Fortschreiten in die neuen Lockerungsphasen auch neue Themen aufs Tapet gebracht werden, welche die spanische Geschichte schon lange mit sich herumträgt und die nie richtig gelöst wurden. Wie ich auf persönlicher Ebene situationsbedingt alles in Frage stelle und mich nun Dinge stören, die schon immer da waren, läuft das Gleiche auf politischer und sozialer Ebene ab. Da sich die COVID19-Probleme augenscheinlich reduzieren, werden nun andere Themen in die Diskussion gemischt, um bei den Bürgern Sympathisanten zu finden und bei den nächsten Wahlen als Gewinner hervorzugehen. Da war er wieder, der destruktive Wahlspruch: „Ihr habt es furchtbar schlecht gemacht!” Sánchez bat seine politischen Kontrahenten noch vor drei Tagen um Unterstützung und Einheit gegenüber der Krise, aber darauf antwortete nur ein zerstörerisches Echo. 

In diesem Zusammenhang kommt mir immer wieder das Bild eines Kadavers im wilden Westen in den Kopf, der von Aasgeiern zerfleischt wird. Was tun destruktive Vorwürfe in jede Richtung denn anderes, als dem Land noch die letzten Kräfte zu rauben? Ich habe jetzt schon Angst vor Phase 2.

05.06.2020 Menschentrauben

Von Annette Scholz

Montecarmelo, © Annette Scholz

Der heutige Morgen könnte wieder einer der Morgen im Lockdown sein. Es regnet, der Himmel ist grau und ich kann nicht raus. Oder doch, eigentlich kann ich ja raus aber jetzt will ich gar nicht mehr. In den sechs Wochen Quarantäne war ich auch oft früh wach und habe die Zeit, während meine Tochter noch schlief, genutzt, um zu lesen. In Phase 0 habe ich sie genutzt, um spazieren zu gehen und jetzt nutze ich sie, um zu schreiben. Jede Phase bringt nicht nur in Bezug auf die Corona-Maßnahmen eine Änderung mit sich, sondern das ganze Leben passt sich an den Schritt in Richtung neue Normalität an. „Ich möchte zurück in den Lockdown”, sagte Alexander erschöpft, als wir gestern zu fünft auf der Terrasse grillten. Er ist Professor an der Universität und sein Semester ging trotz Corona weiter. Statt im Hörsaal hält er seine Vorlesungen jetzt in der Küche. „Zoom, zoom, zoom, Bienchen zoom herum”, sang er neulich, als er sich neben dem Herd auf 5 Stunden Online-Prüfungen einrichtete. 

Hut ab vor denjenigen, die sich anpassen und eine gewisse Normalität am Laufen halten, obwohl doch alles anders ist. Auch der coronabedingte Umstieg auf Online-Lehre an der Universität hat einen Mehraufwand zur Folge, da auf einmal Studentenfragen, die normalerweise zwischen Tür und Angel geregelt werden, einen teilweise längeren Email-Dialog benötigen. Aber nicht nur das, Prüfungen müssen abgenommen, Alternativen zu Besprechungen gefunden werden und die Koordination von Studienordnungen, die unter normalen Umständen schon aufwendig und nervenaufreibend ist, wird online noch ein wenig komplizierter.

Der Wechsel in die nächst höhere Phase der Lockerung hat auch einen Anstieg der Aktivität zur Folge, an die ich mich erst langsam wieder gewöhnen muss. Ich bin träge geworden, möchte den Stress von vorher nicht mehr und vor allem mich nicht mehr um so viele Dinge kümmern. Die Entschleunigung, die wir durch Corona erfahren haben, hat mich aus meinem hektischen Trott gerissen. Ein Tag vor Corona bedeutete morgens sehr früh aufzustehen, schnell zu frühstücken, Kind in die Schule zu schicken, vielleicht noch Sport zu treiben, auf der Autobahn im Stau zu stehen, vier bis acht Stunden zu arbeiten, wieder im Auto zu sitzen, vielleicht noch einzukaufen, Kind abzuholen, zu kochen, Hausaufgaben zu betreuen, vielleicht noch an anderen Projekten zu sitzen, Kindernachmittagsaktivitäten zu organisieren, Abendessen zu machen, Bettgehritual einzuleiten, vielleicht noch einen Film zu sehen oder etwas zu arbeiten und dann wieder zu schlafen. Jetzt fallen am Tag mindestens schon mal zwei Stunden Autofahrt weg, die stattdessen zum Schreiben, Spazieren oder Lesen genutzt werden können. Weitere Events, die mit Frauen und Film zu tun haben, um deren Organisation ich mich vorher bemüht habe, mussten wegen Corona bis auf weiteres eingestellt werden. Es hing mein Herzblut daran, jetzt, da ich die Arbeit umstandsbedingt einstellen musste, frage ich mich, ob der Aufwand Sinn macht und ob ich weiter daran arbeiten möchte. 

Tatsächlich graut es mir in einigen Aspekten vor der Normalität. „Bitte nicht mehr den Stau an der Fahne!”, waren Alexander, Anette und ich uns bei dem Gedanken daran einig, dass die Deutsche Schule im September wieder öffnet und sich damit das Verkehrsaufkommen bei der Einfahrt in das Stadtviertel auch wieder erheblich erhöht. „Es war immer eine Qual morgens schon ewig im Stau zu stehen und sich durch das Verkehrschaos an der großen Spanien-Flagge bei der Einfahrt nach Montecarmelo zu kämpfen”, bestätigte Anette.

Wir hatten viel Zeit, um unser Verhalten zu hinterfragen, viel Zeit, um uns zu überlegen, was uns wirklich wichtig ist. Generell ist wie immer weniger mehr. Home office ist wegen Wegfall der Fahrtzeiten etwas stressfreier, obwohl wir unsere Kollegen vermissen, sowie home schooling nach einer selbst erarbeiteten Umfrage von Emmas Klasse okay ist und nur die Klassenkameraden und Lehrer fehlen. Seitdem wir wieder raus und unsere Freunde treffen dürfen, fehlt mir eigentlich nichts mehr, außer den Dingen, die ich auch schon vorher vermisst habe.

Ab 7. September gibt es für Emma wohl wieder Schule in der Schule, wenn nicht wieder drastischere Corona-Maßnahmen getroffen werden müssen. Nur mit einer Impfung könnte wieder eine Normalität geschaffen werden, die der vor Corona identisch ist, sonst wird der Ablauf in der Schule auch im Herbst nicht mehr so sein, wie sie ihn bisher kannte. Jeden Morgen, bevor sie das Haus verlässt, müssen wir erstmal Fieber messen und das ist nur eine der vielen neuen Verhaltensregeln, die sie dann begleiten wird. Es dürfen keine Bälle, Spielsachen, Kopfhörer oder Gegenstände, die möglicherweise Viruspartikel enthalten, mehr mit in die Schule genommen werden. Die Kinder müssen Masken tragen, solange der Mindestabstand von zwei Metern nicht gewährleistet werden kann. 

In diesem neuen Szenario ändert sich nicht nur das Physische, sondern auch die Art des Lernens. Durch den vom Bildungsministerium empfohlenen Rückgang der Quoten auf maximal fünfzehn Schüler kann das stark nachgefragte personalisierte Unterrichtsmodell in Betrieb genommen werden, bei dem die Lehrer weniger Schüler betreuen und mehr auf die Bedürfnisse einzelner reagieren können.

Noch ist es schwierig, genau zu wissen, wie die konkreten Auflagen in drei Monaten aussehen werden, bis Juli bleibt den Regionalregierungen, die für Bildung zuständig sind, um ihre Sicherheitsprotokolle für September zu veröffentlichen. Drei Szenarien sind dabei obligatorisch durchzuspielen: eines ohne Pandemie (falls ein Impfstoff entdeckt wird), ein anderes, in dem die Gesundheitssituation unter Kontrolle ist, und eines, in dem eine neue Corona-Welle eine wiederholte Schließung der Schulen notwendig macht. 

„An der Uni messen sie schon die Säle aus und testen, wie viele Studierende mit zwei Meter Abstand in einen Hörsaal passen”, meinte Alexander begeistert. In den Schulen tun sie das sicher auch, um sich auf alle Szenarien vorzubereiten. Wir werden sehen, was passiert. Klar ist, dass der Unterricht erstmal nicht mehr für alle Schüler um die gleiche Zeit beginnen wird, damit sich vor der Schule keine Menschentrauben bilden. 

„Menschentrauben”, ein schönes Wort, genauso schön wie corrillo – der kleine Chor, die Gruppe – das ich im Zusammenhang mit Corona in meinen Spanischwortschatz aufgenommen habe, denn in den Corona-Anweisungen der Hausverwaltung, den Auflagen für die Phasen und sämtlichen öffentlichen Anschlägen wird darauf verwiesen, dass es verboten ist, corrillos zu bilden: ¡Prohibido formar corrillos! Auch bevor ich das Wort kannte, wusste ich genau, was damit gemeint war. Es bezeichnet die typisch spanische Angewohnheit, sich in kleinen sozialen Gruppen im Kreis aufzustellen und zu tratschen, ungeachtet weiterer Passanten, Kollegen, Bekannter. Man stellt sich einfach dorthin, wo man gerade die anderen getroffen hat, egal ob man im Weg steht oder nicht und tauscht sich über Besorgnisse aus oder lästert über andere. Ich stelle mir bei dem Wort corrillo immer ein kleines Amphitheater vor, in dem die persönlichen Tragödien aufgeführt werden.

Wie die OBS Business School in Katalonien auf ihrer Website veröffentlicht, haben Statistiken und Studien ergeben, dass in Unternehmen aufgrund der berühmten corrillos 2 bis 3 Stunden des Arbeitstages verloren gehen können. Darüber hinaus führen sie in Zeiten einer Wirtschaftskrise zu stärkerer Besorgnis unter Arbeitnehmern, da die Gerüchteküche durch diese ungezwungenen Versammlungen besonders angeheizt werde. Der corrillo ist die soziale Zusammenkunft, die die Debatte des Debattierens wegen schürt und einen Ort zum Lamentieren schafft, ohne eine Lösungssuche nötig zu machen. 

Kurz vor Corona standen corrillos auf den Gängen der Bürogebäude und auf den Straßen Alcalás auf der Tagesordnung, da meine Kollegen und ich von der Lokalregierung und den Gewerkschaften letztes Jahr von der Entscheidung in Kenntnis gesetzt wurden, dass unsere Stellen konsolidiert werden sollen. Das klang zunächst ganz gut. Nach einigem Nachfragen wurde mir aber bewusst, was das tatsächlich bedeutet. Es heißt nichts anderes, als dass meine Stelle in der audiovisuellen Abteilung der Stadtverwaltung Alcalá, für die ich nach einem allgemeinen Auswahlverfahren schon seit fünfzehn Jahren arbeite, bei nächster Gelegenheit öffentlich ausgeschrieben werden soll, um sie mit demjenigen zu besetzen, der die meisten Punkte bei dem einzuberufenden Auswahltest erhält. Ich darf mich selbst auf diese Stelle bewerben, das schon, aber außer mir sonst auch alle, die Interesse daran haben. Konkret bedeutet das für mich, dass die Arbeit, die ich in den letzten fünfzehn Jahren geleistet habe, wenig geschätzt wird, nur so viel, dass ich ein paar Bonuspunkte im Auswahlverfahren mit allen anderen bekomme, und dass die Chance besteht nach der Konsolidierung eventuell arbeitslos zu sein.

Dieses Verfahren betrifft nicht nur mich, sondern Hunderte von Kollegen im Rathaus Alcalá und in anderen Verwaltungen in ganz Spanien, die sich diesem Prozedere in näherer Zukunft p.c. – post corona – aussetzen müssen. 

Diese verunsichernde Situation, die an die Existenz geht, gibt genügend Anlass, sich in corrillos aufzustellen, um sich über Ängste und Enttäuschungen auszulassen. Ich hingegen vermeide diese lautstarken, meist deprimierenden Zusammenkünfte lieber, da sie mir nur schlaflose Nächte bereiten, statt mir zu helfen. Tatsächlich habe ich mich auch in diesem Aspekt nach fast zwanzig Jahren noch nicht in die spanische Gesellschaft integriert, genauso wenig im Hinblick auf die Verabschiedung. 

In der Regel geht nämlich kein Spanier mit einem einfachen „adiós”. Derjenige, der Freunde Kollegen oder Bekannte nach einer kurzen Verabschiedung verlässt, macht sich hier auf „Französisch” aus dem Staub. Als Deutsche halte ich es also mit meiner Verabschiedung weiterhin sehr gallisch oder polnisch, wie es in Deutschland heißt. Damit komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass ich sehr ,asozial’ bin, da ich diese typisch spanischen Gepflogenheiten bisher nicht assimilieren konnte, die das Soziale immer wieder in den Vordergrund rücken. Der Kontakt und die Form des Kontakts sind dabei entscheidend, nicht der Grund oder Inhalt. Bei der Verabschiedung ist es wichtig sich vor dem Gehen immer noch etwas sagen zu müssen, für den Fall, dass man später nicht mehr dazu kommt. Der Abschied muss schwer fallen und lange dauern, er darf nicht kurz und schmerzlos sein, denn das ist borde, unhöflich. Das ist es ganz bestimmt auch, trotzdem entscheide ich mich nur selten dafür, es anders zu machen. Typisch ist auch ein verabschiedendes „Estamos en contacto.” oder „¡Te llamo!” – „Wir bleiben in Kontakt” oder „Ich rufe dich an”. Noch heute warte ich auf verschiedene Anrufe, von Leuten, mit denen ich mich so nett auf der letzten Party a.c. – ante corona – unterhalten habe. Der weitere Kontakt wird formal aus Höflichkeit zugesichert, obwohl eigentlich fast sicher ist, dass daraus nie etwas wird. Für mich ,asoziale’ Deutsche, die sich durch diese formale Freundlichkeit manchmal so gut aufgehoben fühlt, war das eine harte Lektion in Sachen kulturelle Codes.

Gerade neulich habe ich in der jetzigen Situation wieder einen ganz großen professionellen beziehungsweise sozialen Fauxpas begangen. Für die Organisation des diesjährigen coronaangepassten Sommerkinos in Alcalá musste ich verschiedene Emails an Filmverleiher schreiben. Das habe ich auch getan, um die Filme für die Vorführungen zu bestellen. Fast alle antworteten mir mit der gleichen ersten Zeile „Me alegro que estés bien” –  „Ich freue mich, dass es dir gut geht” -, womit ich freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen wurde, dass ich mich in meiner Email nicht nach ihrem Befinden erkundigt hatte. So etwas geht natürlich gar nicht, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als diesen unangenehmen Lapsus in einer zweiten Email wieder auszubessern.

Tatsächlich gewöhnte ich mir vor fünfzehn Jahren in meinen ersten Wochen im Büro in Alcalá ein hilfreiches Verfahren an, um solche Stilbrüche nicht zu begehen. Beim Schreiben meiner Emails verfasste ich zunächst den Text, der mein geschäftliches Anliegen behandelte, nachdem ich zwischen der Anrede und den ersten Teil mehrere Leerzeilen einfügte. Nach Abschluss des elektronischen Brieftextes kehrte ich dann zu den Leerzeilen zurück, um sie mit den Fragen nach dem Befinden meines Ansprechpartners und den sozial notwendigen Floskeln zu füllen. Mir scheint, nach Corona muss ich wieder von diesem Verfahren Gebrauch machen, da ich die Gepflogenheiten in der Quarantäne offensichtlich verlernt habe.

02.06.2020 Corona-Party

Von Annette Scholz

Calle Martín de los Heros, Madrid, © Anne Sophie Brandt

Mein Kollege aus der audiovisuellen Abteilung des Kulturamtes in Alcalá, mit dem ich seit Anfang des Alarmzustands nur noch sporadischen Telefon- und Whatsapp-Kontakt habe, hat heute Geburtstag. Wie das Filmfestival, für das wir arbeiten, feiert er dieses Jahr ein rundes Jubiläum.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich hoffe du veranstaltest heute eine große Corona-Party”, sagte ich ihm am Telefon ironisch. „Klar, ich möchte ja auch etwas zum Wiederaufkeimen des Virus beitragen. Man soll ja tun, was man kann”, konterte er mit einem sarkastischen Unterton.

Beide sind wir der Meinung, dass Corona die Entwicklungen im audiovisuellen Bereich beschleunigt, Festivals müssen, wenn überhaupt, jetzt vor allem online stattfinden. In unserem Fall wird die festliche Jubiläumsausgabe von Alcine auf das kommende Jahr verschoben. Die Planungen der limitierten Edition für diesen Herbst sind zweigleisig, zum einen beschränkt auf den traditionellen Kurzfilm-Wettbewerb und eine Spielfilmreihe weitestgehend ohne Gäste und eine Online-Absicherung, falls im Kino gar nichts laufen kann. 

Netflix, der große Gewinner dieser Krise, hat hier in Spanien in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium und Acción Cultural Española eine Finanzhilfe für Filmschaffende ins Leben gerufen, die von Selbständigen einmalig beantragt werden kann, um die Monate besser überstehen zu können, in denen sie ihrem Beruf nicht ausüben. Und Netflix, das schon in den letzten Jahren Einfluss auf Festivalpremieren hatte, wird in Zukunft noch leichter bestimmen können, welcher Film wo und wie oft gezeigt wird, bevor er nur noch auf ihrer Plattform zu sehen ist. 

Hingegen versuchen in der Region Madrid Filmfestivals einen forcierten Zusammenschluss in einem Verein wieder aufleben zu lassen, den es vor zehn Jahren schon gab, der seine Tätigkeit jedoch wegen zu vieler individueller und unvereinbarer Interessen einstellte. Die Idee ist, im Zusammenhalt das Gespräch mit dem Kulturministerium zu suchen, das Festivals unterstützen soll, um im Corona-Sog nicht unterzugehen. Mir scheint dies wie der Versuch, sich als Dinosaurier an einen Strohhalm zu klammern, um einer natürlichen Entwicklung zu entgehen. Filmfestivals sind auf dem besten Wege ein Anachronismus zu werden. Bei einem Online-Festival wird die örtlichen Bindung obsolet und es macht keinen Sinn mehr zur gleichen Zeit verschiedene Festivals an verschiedenen Orten zu feiern, wenn sie doch alle im globalen Internet verortet sind.

Ob das Kino noch zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten der neuen Normalität gehören wird, ist noch nicht ganz abzusehen, denn die Kultur befindet sich zum Teil weiterhin in Quarantäne. Autokinos können vor konventionellen Filmtheatern wieder aufmachen und sind eine sichere Wahl für Festivals wie in Huesca, um diesen Sommer eine Ausgabe mit COVID19-Auflagen zu realisieren. Autos, Zuschauer, Masken und Desinfektionsgel sind bei der Wiedereröffnung von Drive-In-Kinos in Spanien die Hauptdarsteller. Diese Art von Filmtheater wurde in den 50er und 60er Jahren weltweit populär und hat sich in Zeiten sozialer Distanzierung als sichere Form der Unterhaltung für Kinogänger herausgestellt. 

In China wurden Kinosäle nach der ersten COVID19-Welle relativ schnell wieder eröffnet, mussten dann wegen staatlicher Auflagen aber wieder geschlossen werden. Mit einer emotionalen Werbekampagne sollte nun der nächste Versuch gestartet werden, die Filmtheater mit Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen wieder in Betrieb zu nehmen. Einige Designer haben sich dafür etwas besonderes einfallen lassen, um das Bild zu normalisieren und die Angst zu nehmen, ein Kino mit Maske zu betreten. Dafür wurden Filmplakate gestaltet, auf denen die Protagonisten dargestellt sind, wie sie alleine oder in sicherem Abstand zu den anderen Besuchern in einem Kinosessel sitzen und sich mit einer Maske einen Film ansehen. Der Werbeslogan „Zurück ins Kino“ betitelt die Plakate, die auf große Klassiker wie „Taxi Driver“ (1976) und neue Kultfilme wie „El profesional (Leon)“ (1994), „Amelie“ (1997) oder „La La Land“ (2016) und „Es war einmal in Hollywood“ (2019) verweisen.

Wer weiß? Vielleicht wird diese Form des Filmgenusses, der mit Desinfizierung der Sitze nach jeder Vorstellung und dadurch mit einer niedrigeren Frequenz an Vorführungen verbunden ist, doch schneller auch für uns Realität, als wir es erwarten.

Abgesehen von den negativen Zukunftsprognosen, zeigte mir die Konversation mit meinem Kollegen, dass es auch Einheimische gibt, die denken wie ich. „Durch diese Krise leben die ewigen Konflikte der spanischen Gesellschaft wieder auf”, bestätigte er mir, als wir auf die aktuelle Situation zu sprechen kamen, „auch Jahre nach dem Bürgerkrieg, sind die Wunden noch nicht verheilt. Eigentlich schon seit dem Zerfall des Imperiums ist die Zweiteilung Spaniens in Krisenmomenten immer wieder deutlich zu spüren. Wir sollten konstruktiv sein und zusammenhalten”, aber resigniert gestand er sich ein „El país es lo que es y somos lo que somos” – das Land ist, was es ist und wir sind wie wir sind.

Daher ist es für ihn auch keine Überraschung, dass auf politischer Ebene versucht wird, Vorteile aus der Krise zu schlagen und Schuldige zu suchen, obwohl dies Suche zunächst nur Kräfte raubt, wo sowieso kaum noch welche da sind.

„Um unseren Nachbarn, die alle ihre spanischen Flaggen gehisst haben, etwas entgegenzusetzen, haben meine Frau und ich überlegt, eine Piratenfahne auf der einen und eine Regenbogenfahne auf der anderen Seite unseres Grundstücks aufzuhängen”, erzählte er mir etwas aufmüpfig.

Die politische Zweiteilung, überlege ich mir dabei, spiegelt sich auch im Verhalten der Menschen wider. Es gibt diejenigen, die versuchen mit kritischer Analyse und gesundem Menschenverstand irgendetwas zu tun, um zu vermeiden, dass die Corona-Situation wieder schlimmer wird. Das heißt, dass sie versuchen sich an Regeln zu halten, die in sich manchmal widersprüchlich sind, die aber einen Versuch darstellen, die jetzige Situation mit neu erfundenen Maßnahmen zu reglementieren. „So etwas gab es noch nie, wir müssen jetzt ausprobieren, wie es am besten funktioniert”, kommentierte neulich meine Freundin Anette, „und wenn es nicht funktioniert, dann probieren wir etwas anderes aus”.

Dann gibt es wiederum diejenigen, die an den alten Werten festhalten, ihre (Gewohnheits-)Rechte einfordern und einfach gegen alles sind, was eine Veränderung bedeutet. Diese Zweiteilung gibt es natürlich auch in Deutschland und in anderen Staaten, hier fällt mir nur immer wieder auf, dass die Gegenstimme keinen Gegenvorschlag mit sich bringt. Wenn die Rechten gegen Sánchez’ Vorschläge sind, sollten sie doch eine Alternative vorlegen, damit es Stoff zur konstruktiven Debatte führt, oder?

Wenn es bei der Organisation des Filmfestivals eine Panne gibt, versuchen wir so schnell wie möglich den Fehler zu beheben, um für einen geordneten Ablauf des Events zu sorgen, ohne uns dabei für den Schuldigen zu interessieren. Wir sind ein Team und ein gelungenes Festival ist unser gemeinsames Ziel. Das scheint allerdings in der hiesigen Politik nicht zu sein, Corona überstehen scheint kein Event, das wir gemeinsam organisieren wollen.

Im Vergleich zu Deutschland fällt mir jedoch auch auf, dass es wirkt, als ob dort die Beeinträchtigung des Lebens durch Corona viel erheblicher gewesen wäre, als sie hier noch ist. Einigen Menschen dort, scheint es schlechter mit den geringeren Einschränkungen zu gehen, als es hier mit der starken Reglementierung der Fall ist. Ganz nach dem Titel des Tagebuchs des Komikers und Late Night-Moderators Andreu Buenafuente, das er während der Quarantäne publizierte „Reir es la una única manera de salir” – Lachen ist der einzige Ausweg – halten es viele Spanier. Buenafuente reflektiert in seinem Buch über seine Karriere, seinen Beruf und seine Motivationen und entwirft eine Kollage geprägt von Personen und Situationen langer Jahre im Showbusiness, obwohl der Titel explizit für die jetzige COVID19-Situation in Spanien gewählt worden zu sein scheint.

Vielleicht ist es aber auch so, dass sechs Wochen absolute Ausgangssperre und die katastrophale Situation in den Krankenhäusern hier, ein ganz anderes Bewusstsein für die langsam wiedergewonnen Freiheiten schafft. Tatsächlich fühle ich mich schon fast etwas überfordert, wenn ich jetzt in Phase 1 verschiedene Dinge wieder darf, die ich vorher nicht durfte. Natürlich freue ich mich riesig darüber, meine Freunde und Bekannte wiederzutreffen und Zeit mit ihnen zu verbringen, aber ich hatte mich schon daran angepasst, es nicht zu dürfen und habe mich mit meiner Tochter anderen Beschäftigungen gewidmet – Skype-Parties sind dabei nur eine der vielen Optionen gewesen, die uns jeden zweiten Freitagabend die Stimmung gehoben haben. Jetzt müssen wir wieder umdenken, da der DJ mit Partnerin freitags wieder ausgeht und damit der harte Kern der Partyfront zunächst zerbröckelt. Tatsächlich wollen wir aber diese neue Form von Festen beibehalten – man kann ja ohne Probleme auf einen Alternativtag ausweichen, um DJ und Familie wieder ins Boot zu holen – denn abgesehen davon, dass der Arbeitsaufwand überschaubar ist, weil ja jeder seine Getränke und Speisen selbst mitbringt und auch für das Aufräumen selbst verantwortlich ist, halten wir alle Corona-Auflagen ein und man kann auf diese Weise über den Seh- und Hörsinn mit Freunden überall auf der Welt eine ganz andere Art von Bindung mit guter Musik und Bewegung herstellen. Unsere Skype-Parties sind tatsächlich eine Entdeckung aus der Quarantäne-Zeit, auf die auch in Zukunft keiner mehr verzichten möchte.

01.06.2020 Die Suche nach den Schuldigen

Von Annette Scholz

Madrid Norte, © Annette Scholz

Jetzt weiß ich, wieso ich während der Quarantäne nach Jahren endlich wieder gut und fest schlafen konnte, der Geräuschpegel war zehn Wochen lang deutlich niedriger. Am ersten Freitag in Phase 1 war wieder einiges los auf den Straßen Montecarmelos. Straßencafés waren besetzt, Gruppen von Jugendlichen unterwegs, Parties wurden wieder auf dem Balkon gefeiert und meine Freunde hatten ihr erstes Date seit drei Monaten. „Interessant zu sehen, dass die Spanier anders Bruchrechnen als wir”, meinte Alex nach dem langersehnten Dinner mit seiner Frau, „scheinbar vertauschen sie Zähler und Nenner: statt halb so viele Tische standen überall zweimal so viele auf den Terrassen. Und Restaurants, die sonst gar keinen Outdoor-Service haben, bestuhlen auf einmal den ganzen Straßenzug.” Die Karten sind neu gemischt. Das Leben geht weiter oder fängt wieder von vorne an.

Nachdem ich trotz des mittlerweile ungewöhnlichen Lärms eingeschlafen war, blieb ich die ersten Stunden jedoch nur in einem leichten Halbschlaf, gestört durch den lautstarken Gesang einer Gruppe von Jugendlichen in der Nähe meines Schlafzimmerfensters. Irgendetwas von banderas wehte ein laues Sommerlüftchen an mein Ohr, was nicht gerade friedvoll und harmonisch klang. In meine Träume schlich sich dann ein Volkslied, begleitet von Tönen eines militärischen Marschs und wurde immer mehr zu einer irritierenden Kakophonie. Dieses konfuse Zusammenspiel von nationalistischen Tönen mit Sommerparties brachte mir die Ereignisse der letzten Woche wieder in Erinnerung.

Während die Topftrommeln an den Fenstern langsam verstummen, geht der politische Krieg auf einer ideologischen Ebene weiter. Einige sagen, der öffentliche Protest verebbe, weil die Golfplätze wieder offen seien. Ich glaube, es liegt daran, dass tatsächlich wieder eine Art Normalität auf der Tagesordnung steht, bei der man manchmal fast zu wenig merkt, dass sie anders ist, als vorher – eine Normalität mit Maske.

Hingegen gibt es Krach zwischen den beiden entgegengesetzten politischen Flügeln. Sánchez’ Regierung hat eine Kommission für den sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes einberufen, doch statt sich um die Dinge zu kümmern, für die sie ins Leben gerufen wurde, führen die Politiker zunächst einmal mehr eine gegenseitige aggressive Schuldzuweisung durch. 

Während seiner Intervention in der Kommission letzte Woche, führte der Vizepräsident Pablo Iglesias, der linken Partei Podemos einen sehr ideologischen Diskurs und erhob Anklage gegen die Opposition. Er versicherte, dass die rechtsradikale Vox-Partei mit ihrer Auto-Karawane einen Staatsstreich initiieren wollte aber sich schließlich nicht getraut habe, diesen auch bis zum Äußersten zu führen. Diese Beschuldigung richtete sich an den Parlamentssprecher für Bildung im Kongress, Iván Espinosa de los Monteros, der aus Protest gegen Iglesias Worte den Konferenzraum verließ.

An ihren Anstand appellierend, forderte der Vizepräsident auch von der PP ein Eingeständnis ihrer Fehler ein, denn ihre jahrelange Politik der Kürzungen und Privatisierungen als Regierungspartei unter Mariano Rajoy habe Spanien geschwächt und dadurch das Gesundheitswesen destabilisiert und für die Angriffe des Coronavirus empfindlich gemacht. „Der Wiederaufbau nach der Corona-Krise muss mit denselben Kriterien angegangen werden, wie der nach 1929 und nach dem Zweiten Weltkrieg, und nicht wie nach der Finanzkrise von 2008″, sagte er. Sein Vorschlag ist eine Wiederaufbau-Steuer auf großes Vermögen, um vor allem diejenigen zur Kasse zu bitten, die es sich leisten können und damit ein umverteilendes Steuersystem zu schaffen. Und damit richtet er sich vor allem an die, die vor kurzem noch auf der Straße protestiert haben, weil schon alleine das Protestieren ein Luxus war. – Die destruktiven Kundgebungen der rechtsgerichteten Fraktionen der letzten Wochen werden jetzt schon als die Revolutionen der Reichen bezeichnet.- Er forderte die Opposition zwar zur Zusammenarbeit auf, setzte mit seinem Angriff aber wahrlich keinen konstruktiven Grundstein. 

Dieses rote Tuch ließen die Verantwortlichen der PP diesmal aus. Was Iglesias in den vergangenen Legislaturperioden findet, suchen Anhänger der Opposition hingegen in der kürzlichen Vergangenheit und weisen die Corona-Schuld der jetzigen Regierung zu, zurückführend auf die Genehmigung der Demonstrationen anlässlich des Weltfrauentags am 8. März trotz aktueller Informationen bezüglich der sich schnell ausbreitenden Pandemie.

Gegenseitig betreiben die großen Parteien Schuldzuweisungen und vergeuden ihre Energien, indem sie sich und die vom Gegner gewählten Partner kritisieren. Hingegen ruft König Felipe in seiner Botschaft zum Tag der Streitkräfte zur Einigkeit auf. „So ein Kindergartenverein!”, kommt mir dabei in den Sinn. Die Kinder streiten sich und der antiautoritäre Vater fordert sie zum gemeinsamen Spiel auf – wieso können denn nicht alle diese Schuldzuweisungen erstmal einstellen? Ist es nicht völlig gleichgültig, wer an allem schuld ist? Vor allem, weil wohl von beiden Seiten Fehler gemacht wurden. Die Hauptsache ist doch, dass nicht noch mehr Schaden entsteht und wir alle die Krise schnellstmöglich überstehen.

Trotz des Alarmzustandes treffen sich in dem Madrider Stadtviertel Villaverde schon seit einigen Wochen junge Männer in einem öffentlichen Park zum Fight Club. Brad Pitt sei leider nicht dabei und auch Edward Norton lasse sich in dem südlichen Arbeiterviertel der Metropole nicht blicken, so die Medien. Aber sie schlagen auf einander ein, ohne Boxhandschuhe und werden von den Umstehenden angefeuert, die Gegner bis in den Tod zu vermöbeln. Brutal ist diese Verfahrensweise, die sich nicht viel von den politischen Methoden unterscheidet. 

Während sich die Politiker aus beiden Lagern verdreschen und Schuldige suchen, werden in verschiedenen spanischen Regionen neue Corona-Fälle aufgrund von Gruppenansammlungen und Parties verzeichnet. Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent droht ein Rückschritt in Phase 0, obwohl sie schon in 2 sind – wie beim Mensch ärger dich nicht, leider kurz vor dem Häuschen rausgeschmissen. Wieder zurück zum Start!

Nach der aktuellen Stimmung auf der spanisch-deutschen Insel Montecarmelo und den lautstarken Familienbesuchen bei den Nachbarn zu urteilen, würde mich auch hier ein Corona-rebrote, nicht wundern. In der Avenida Monasterio de El Escorial hat sich wie am Ballermann auf Mallorca die Partymeile entwickelt. Es fehlen nur noch die Eimer mit Sangría und den langen Strohhalmen, die aber gar nicht corona-kompatibel sind, sei denn sie werden als Abstandshalter eingesetzt, da diese gar nicht umweltfreundlichen Halme, soweit ich weiß, ja jeweils einen Meter lang sind.

In Italien wird jetzt alles wieder normalisiert und die Grenzen werden geöffnet, wir hingegen müssen uns noch eine Weile mit unseren Masken, Phasen und Ausgangszeiten herumschlagen. Damit wird psychologisch zumindest eine Hemmschwelle geschaffen, die uns davon abhält einfach wie vorher zu sein. Mindestens die Hälfte der Bevölkerung hält sich ja an die Auflagen, damit ist schon mal eine Basis geschaffen, um nicht in ein paar Wochen wieder ganz zu Hause bleiben zu müssen.

Die Verlängerung des Alarmzustandes, die für nächste Woche wieder auf dem politischen Diskussions-Programm steht, wird wie auf einem Basar vermarktet. Die Zustimmung, die sich Sánchez von den einzelnen politischen Parteien schon im Vorfeld des Antrags zusichern möchte, scheint eine Handelswährung, mit der andere politische Angelegenheiten, die schon lange im Argen liegen, eingetauscht werden. Die katalanische Partei ERC verspricht sich bei der nächsten Abstimmung zu enthalten, statt wie beim letzten Mal dagegen zustimmen, wenn sie dafür die europäischen Wiederaufbaumittel mitverwalten darf. Auch die Wiederaufnahme der Autonomie-Verhandlungen stellen einen Teil ihrer Bedingungen dar. Alles hängt irgendwie zusammen und jeder versucht seine Vorteile auf politischer Ebene aus dieser Krise zu ziehen.

Da das Schlimmste zunächst vorüber ist, werden auch persönlich neue Kräfte frei, um zunächst beigelegte Konflikte wieder aufzunehmen. Die Kommunikation mit dem Vater meiner Tochter, die sich während der sieben Wochen der Quarantäne stark intensiviert hatte, um, wenn auch auf Distanz, den familiären Zusammenhalt zu fördern, ist wieder zu seiner manchmal stockenden und schwerfälligen Frequenz zurückgekehrt. Auch das ist ein Schritt in Richtung neuer Normalität, auf den ich liebend gerne verzichtet hätte. Und nicht nur das. Dinge, die liegen geblieben waren, weil man sie wegen der Ausgangssperre nicht erledigen konnte, müssen jetzt doch noch bearbeitet werden, so wie vieles, was nicht gesagt wurde, auf einmal über die Lippen kommt und die Nahestehenden mit zweimonatiger Verspätung doch noch verletzt.